Der 4. November 1989: „Der schönste Tag der DDR“

  • Die Demonstration am 4. November war der Höhepunkt der Proteste gegen die SED-Führung.
  • Jens Reich, Mitgründer des Neuen Forums, über die schlechte Stimmung hinter der Bühne und gelungene Witze.
  • Und er erzählt auch, warum statt Bärbel Bohley er auf dem Alexanderplatz sprach.
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So, und Sie wollen mit mir über den 4. November 1989 reden?

Ja. Überrascht Sie das?

Nun, der 4. wird ja meist nicht so beachtet und von vielen auch belächelt oder verachtet. Der 9. November, fünf Tage später, ist ja der Tag, auf den sich alles konzentriert.

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Zu der berühmten Demonstration am 4. November 1989 kamen Hunderttausende auf den Alexanderplatz. Sie erhöhte den Druck, der dann zur Maueröffnung am 9. führte, oder?

Das sehe ich etwas anders. Der 9. November war ein kontingentes Ereignis. Das hatte gar nichts mit der Bewegung im Herbst ’89 zu tun. Die Grenze wäre wahrscheinlich trotzdem irgendwann in deutscher Ordnung geöffnet worden, aber dass Grenzarmee und Politbüro das selbst und ungeplant machen, war am 4. November lange noch kein Thema. Die Demonstration am 9. Oktober in Leipzig hat im ganzen Land einen euphorischen, fröhlichen Wunsch nach Aufbruch befördert , der sich dann am 4. November in einer regelrechten Karnevalsstimmung geäußert hat.

Die Mitinitiatorin des "Neuen Forums", die Malerin Bärbel Bohley und der prominente Mitbegründer der DDR-Oppositionsgruppe, der Molekularbiologe Professor Jens Reich. © Quelle: picture-alliance / dpa

Sie waren damals einer der Redner, neben Christa Wolf, Ulrich Mühe, Heiner Müller, Jan Josef Liefers oder Friedrich Schorlemmer. Wie kam es, dass Sie für das Neue Forum sprachen und nicht zum Beispiel die damals weit bekanntere Bärbel Bohley?

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Die Stimmung war so, dass wir am liebsten gar nicht hingegangen wären. Einerseits freute es uns, dass es eine genehmigte Demonstration gab, andererseits war alles in allen Einzelheiten abgesprochen, was an finsterste DDR erinnerte. Wir bekamen ja mit, welche zähen Verhandlungen die Ministerien und die Staatssicherheit mit den Theaterleuten führten, die das Ganze veranstalteten. Wir hatten da zum ersten Mal ein Büro, gleich um die Ecke in der Rosa-Luxemburg-Straße. Sonst hatten wir uns immer in Wohnungen getroffen oder in kirchlichen Gemeinderäumen. Als wir am Vorabend hörten, wer noch kommen würde, …

… nämlich zum Beispiel Markus Wolf, Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung, und Günter Schabowski, Mitglied im Politbüro, …

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… da haben viele uns gesagt: Wir haben nichts zu suchen bei dieser Muppet-Show, die sich da abzeichnet. Andere fanden, dass wir dann gleich abtreten könnten. Wir können ja nicht eine Volksbewegung lostreten und mit den üblichen beleidigten Erklärungen absagen, wenn wir das erste Mal eine Gelegenheit bekommen, aufzutreten.

... dass Bruce Springsteen noch zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin auftrat? Die SED hielt den „Boss“ für antikapitalistisch genug, um ihn in der Radrennbahn Weißensee mit seiner E-Street-Band spielen zu lassen. 200 000 Zuschauer kamen 16 Monate vor dem Mauerfall zu diesem für viele unvergesslichen Konzert. Ab und an wird behauptet, dieser Auftritt habe geholfen, die Mauer einzureißen. Doch mit dem Ende der deutsch-deutschen Teilung wird musikalisch weniger Springsteen in Verbindung gebracht als Westernhagens „Freiheit“ und David Hasselhoffs „Looking for Freedom“.  @ Quelle: J.P.Gandul/EFE/dpa

Und dann wurden Sie zum Reden verdonnert?

Ich wurde abends mehr oder weniger überredet. Es war, wie wenn man auf einer Konferenz einen ungeliebten Redeauftrag bekommt. Ich eigne mich mit meiner Art ja auch nicht gut zum Volksredner. Es hieß: Du gehst da als Wissenschaftler von der Akademie hin, da vergeben wir uns am wenigsten von der politischen Unabhängigkeit, anders als wenn Bärbel Bohley sich da hingestellt hätte. Sie ist dann aber mitgekommen, und wir haben gegenseitig versucht, die Beklemmung zu bekämpfen.

Die Rede haben Sie dann abends noch allein schreiben müssen?

Ich habe natürlich gegrübelt und mir dann einen Zettel geschrieben mit dem, von dem ich glaubte, was man da sagen muss. Darauf habe ich noch bis zuletzt rumredigiert. Ich wollte die Sachen sagen, die damals gerade nicht auf der Tagesordnung waren. Es war ja klar, dass Bürgerbewegung und Theaterleute dem Volk maßvolle politische Forderungskataloge präsentieren würden – und das Volk in Stolz versetzen, was für eine schöne demokratische DDR das werden würde. Für mich war klar, dass man etwas in Richtung der Ausschreitungen in Südafrika sagen musste oder der Aufbruchstimmung in Polen und ein paar andere Punkte, die nicht so DDR-besoffen sein sollten.

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Gab es Vorgaben, was Sie sagen durften und was nicht?

Henning Schaller vom Maxim-Gorki-Theater, der das organisiert hatte, hat mir gesagt, wenn ich anfangen würde, das Volk aufzuhetzen, müssten sie aufhören, das sei ihm deutlich gesagt worden. Es war nicht klar, was sonst passieren würde.

Naturwissenschaftler und Bürgerrechtler Jens Reich. © Quelle: Friedrich Bungert

Sie waren als neunter Redner dran, direkt hinter Markus Wolf. Haben Sie von der Stimmung auf dem Alexanderplatz zuvor etwas mitbekommen?

Nein. Ich habe in einer abgeschirmten Rednerwelt hinter den Absperrungen gesessen, in einem Café – drinnen natürlich eine kaum zu beschreibende Stinkstimmung. Da saßen alle zusammen, die ganzen Klassenfeinde, und warteten – verklemmt, weil keiner wusste, wo der andere steht. Bärbel Bohley war mit dabei. Sie wollte zwar nichts mit dem Ganzen zu tun haben, weil sie es für einen Versuch der Führung hielt, uns alle einzufangen und in den Käfig zurückzubegleiten. Sie war sehr rabiat ablehnend. Aber gemeinsam haben wir dann unsere Beklemmung gedämpft.

Und dann kommen Sie auf die Bühne und blicken auf Hunderttausende …

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Jeder, der in Berlin laufen konnte, kam an diesem Tag auf den Alexanderplatz. Zuerst musste ich die Treppe auf den Lastwagen hoch, dann stellte Schaller mich vor, und dann stand ich da mit meinem Zettel. Und das Erste ist: Wenn man Luft holt, kommt das von zehn oder zwölf Seiten zurück. Und muss man jetzt schnell reden? Und wie laut? Das hatte ich mir nicht überlegt und auch niemanden gefragt. In der Stimmung habe ich dagestanden. Das ist natürlich ein Wahnsinnseffekt, diese Menge, die erwartungsvoll dasteht. Kein fröhliches Erlebnis.

Sie hatten aber einige Lacher.

Es war eine ungeheuer entspannte Stimmung. Wenn man nur einen Witz machte, hatte das eine riesige Wirkung. Ich hatte den Scherz mit dem Kurt-Hager-Zitat, …

Diese Kreativität, das war der schönste Tag, den die DDR überhaupt erlebt hat – und gleichzeitig ihr Untergangsgesang.

Jens Reich, Mitgründer des Neuen Forums

… der mit Verweis auf die Reformen in der Sowjetunion gesagt hatte: Wenn der Nachbar seine Wohnung tapeziert, müsse man noch lange nicht selbst tapezieren, …

… und hatte in der Abwandlung gesagt: Tapeziert der Nachbar den Roten Platz, dann gründen wir ein Neues Forum. Es war überhaupt eine ungeheuer fröhliche Atmosphäre. Der anschließende Marsch zum Palast der Republik führte auf der Marx-Allee an einer Bühne vorbei. Da hatte sich spontan eine Reihe von Laien hingestellt und mimte Politbüro, die Veranstaltung zum 1. Mai. Und alle sind vorbeigegangen und haben sich totgelacht. Grandiose Idee. Diese Kreativität, das war der schönste Tag, den die DDR überhaupt erlebt hat – und gleichzeitig ihr Untergangsgesang. Das gab eine Vorstellung davon, wie das politische Leben in einem befreiten DDR-Staat hätte aussehen können.

Video
30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"
2:34 min
In diesem Jahr jähren sich die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall zum 30. Mal. Am 9. November 1989 wurde Berlin wieder eins.  © RND

War die Hoffnung auf eine reformierte DDR im Nachhinein naiv?

Natürlich, wir wollten auch naiv sein. Die Naivität haben wir schon mit der Grundsatzerklärung des Neuen Forums bewiesen. Keine politische Analyse der Weltsituation, romantisch-naiv wollten wir sein. Wir wollten offenen Menschen ohne intellektuelles Gebaren sagen: Hört auf, euch zu ängstigen. Kümmert euch um die Sachen, die euch am Ort Schmerzen bereiten. Wie naiv wir waren, kann man auch daran sehen, dass wir uns für eine Auswertung des Papiers für Anfang Dezember verabredet hatten.

Der 9. November und die Öffnung der Mauer kamen aus Ihrer Sicht zu früh?

Ja. Im Neuen Forum hielten wir die Öffnung sogar für einen Trick der Herrschenden, die Dampf ablassen wollten und hofften, alles wieder unter Kontrolle zu bekommen. Langfristig ist das natürlich etwas anderes. Die deutsche Teilung gehört zu den Trauerlasten einer ganzen Generation. Die Mauer war eine Art Käfiggitter. Man konnte rausgucken, aber nicht selbst raus. Das war sehr bedrückend, viele Jahre. Da stand natürlich immer auf der Tagesordnung: Wann wird das endlich mal zu Ende gehen?

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Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.