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Denkmäler für „Eisernen Felix“: Russlands Geheimdienst verherrlicht einen Massenmörder

  • In Russland sind zuletzt gleich zwei neue Büsten von Felix Dserschinski aufgestellt worden.
  • Dass dem ersten sowjetischen Geheimdienstchef in dieser Form gedacht wird, löst Widerspruch aus.
  • Dserschinski vollstreckte den „roten Terror“, dem bis zu eine Million Menschen zum Opfer gefallen sein sollen.
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Moskau. Es war ein Denkmalsturz mit großer symbolischer Bedeutung: Als am 22. August 1991 Tausende Demonstranten am Moskauer Lubjanka-Platz die sieben Meter hohe Granitstatue des ersten bolschewistischen Geheimdienstchefs Felix Dserschinski stürzten, galt dies als Aufbruch der Sowjetunion in eine neue demokratische Zukunft.

Denn wie nur wenige steht Dserschinski für die Repression der sowjetischen Diktatur. Er vollstreckte im Auftrag von Staatsgründer Wladimir Iljitsch Lenin den sogenannten „roten Terror“, eine kurz nach der Oktoberrevolution gegen angebliche oder tatsächliche Konterrevolutionäre gerichtete Säuberungsaktion, der bis zu einer Million Menschen zum Opfer gefallen sein sollen.

30 Jahre später wiegt der menschenverachtende Aspekt an dieser historischen Figur im modernen Russland aber offensichtlich nicht mehr allzu schwer: Kürzlich, am 144. Geburtstag des Massenmörders, wurden gleich zwei neue Dserschinski-Büsten feierlich eingeweiht – eine in der südrussischen Stadt Krasnodar und eine ausgerechnet in Simferopol, der Hauptstadt der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim.

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„Das Land auch aus Ruin und Armut herausgeführt“

Die Ehrungen erfolgten auf Initiative des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, der das Gedenken an den Chef seiner „Tscheka“ genannten Vorgängerorganisation mit dessen großen Leistungen in der frühen Sowjetunion begründete: „Der eiserne Felix hat nicht nur die Konterrevolution bekämpft“, begründete der FSB in einer Mitteilung der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti die Enthüllung der Büste in Simferopol, „sondern das Land auch aus Ruin und Armut herausgeführt. Dank seiner Mitwirkung wurden zweitausend Brücken restauriert, fast dreitausend Dampflokomotiven und mehr als zehntausend Kilometer Eisenbahnstrecke instandgesetzt.“

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Als Grund für Beweihräucherung akzeptiert das in Russland aber selbst die orthodoxe Kirche nicht, die der Staatsmacht in aller Regel treu ergeben ist: „Ich persönlich bin kategorisch gegen das Aufstellen solcher Denkmäler an öffentlichen Plätzen in Russland“, sagte Erzpriester Leonid Kalinin dem Radiosender „Moskau spricht“. „Das beleidigt das Gedenken an Millionen unschuldiger Opfer von Terror, Hunger, Kälte, Qualen, Folter, Gefängnis, Lagern und der Verwüstung des Vaterlandes.“ Kalinin sprach auch die Befürchtung aus, dass die Bewohner der Krim die Statue abreißen und schänden könnten.

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„Ein Meilenstein für die Familie Dserschinski“

Auch in Krasnodar gab es seitens der Kirche Einwände gegen die Einweihung der Dserschinski-Büste auf dem Hof von Schule 32, die unter der Schirmherrschaft des FSB steht und seit 2017 nach dem Tscheka-Gründer benannt ist: „In dieser Angelegenheit müssen wir nachdenken und beten, dass der Herr uns alle zur Einsicht bringt“, sagte Georgij, Metropolit von Krasnodar, dem Fernsehsender „Tsargrad“.

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„Wenn die historische Persönlichkeit doppeldeutig ist, wie Lenin oder Dserschinski, rate ich immer dazu, bei der Verewigung von Namen vorsichtig zu sein. Lass uns keine voreiligen Entscheidungen treffen und alles abwägen.“

Solche Nachdenklichkeit ließ der Urenkel des „Roten-Terror“-Vollstreckers vermissen, der bei der Enthüllung des Denkmals in Krasnodar anwesend war: „Die Büste ist eine sehr schöne und ausdrucksstarke Replik von Felix Edmundowitsch“, sagte Wladimir Dserschinski. „Die heutige Einweihung ist ein Meilenstein für die Familie Dserschinski, die Mitarbeiter dieser Schule und altgediente Sicherheitskräfte.“ Er wünsche sich, fügte er hinzu, dass die Menschen das Erbe seines Urgroßvaters „so umfassend wie möglich studieren und von seinen Werken lernen“.

Die gegenläufigen Einschätzungen belegen, wie sehr sich die Geister in Russland bis heute an Dserschinski scheiden. Auch um seine Monumentalstatue am Lubjanka-Platz ist nach deren Sturz 1991 nie Ruhe eingekehrt. Zunächst verschwand sie in einem Moskauer Lagerhaus, bis sich in einem Skulpturenpark am Moskwa-Ufer ein neuer Platz für sie fand.

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Mehr als 40 Dserschinski-Denkmäler in ganz Russland

Doch immer wieder tauchen Forderungen auf, das Standbild wieder an seinem ursprünglichen Standort am Lubjanka-Platz aufzustellen. Im Februar dieses Jahres sollte in einem Plebiszit darüber befunden werden, ob Dserschinskis Statue dorthin zurückkehrt, wo sie zwischen 1958 und 1991 stand, oder ob dort stattdessen eine Skulptur des mittelalterlichen Großfürsten Alexander Newski aufgestellt werden soll, der vielen Russen als Nationalheiliger gilt, der aber auch sehr umstritten ist.

Als Heldentat wird Newski angerechnet, dass er 1242 die Expansionsversuche des Deutschen Ordens nach Russland bei der Schlacht am Peipussee stoppte. Viele Historiker bewerten es allerdings negativ, dass sich Newski aus dem Motiv des eigenen Machterhalts stets der Herrschaft der mongolischen Goldenen Horde unterwarf und deren Regiment gegen die eigene Bevölkerung mit grausamen Mitteln durchsetzte.

Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin stoppte die Volksabstimmung an ihrem zweiten Tag mit der Begründung, dass sie „zu einer Konfrontation zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten“ ausarte. Ein Denkmal soll die Menschen einigen, nicht spalten, sagte er.

Über ganz Russland sind inzwischen mehr als 40 Statuen und Büsten von Felix Dserschinski verteilt. Laut einer Studie des russischen Suchmaschinenbetreibers Yandex aus dem Jahr 2018 wird der Tscheka-Gründer in Russland am sechsthäufigsten durch Standbilder geehrt, öfter als etwa der sowjetische Marschall und Held des Zweiten Weltkriegs, Georgi Schukow (Rang 7), und Karl Marx (Rang neun).

Immerhin rangiert mit Alexander Puschkin ein Freigeist auf Platz zwei, mit dem sich die Moskauer Denkmalstürzer des Jahres 1991 identifiziert haben dürften. Der Nationaldichter kommt gleich nach dem omnipräsenten Wladimir Iljitsch Lenin.

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