• Startseite
  • Politik
  • Demoskop über die US-Wahlergebnisse: "Nichtwähler und Verschwörungsfreunde erschweren Umfragen“

Demoskop Güllner: „Nichtwähler und Verschwörungsfreunde erschweren Umfragen“

  • In den USA wie in Deutschland unterscheiden sich Wahlergebnisse oft deutlich von den Vorwahlumfragen.
  • Nichtwähler und Verschwörungstheoretiker erschwerten die Arbeit der Demoskopen, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner im RND-Interview.
  • Onlinebefragungen ohne Zugangsbeschränkungen seien keine geeignete Methode, um repräsentative Ergebnisse zu erhalten.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Herr Güllner, in den USA haben die Umfrageinstitute einen bequemen Vorsprung von Joe Biden vorausgesagt – und schon 2016 einen Wahlsieg von Hillary Clinton. Haben die Demoskopen versagt?

2016 waren die Umfragen nicht falsch. Hillary Clinton hatte drei Millionen Stimmen mehr als Donald Trump – weil aber in den USA das Wahlmännerstimmen-Prinzip gilt, hat dennoch Trump gesiegt. Das knappe Ergebnis jetzt allerdings widerspricht den Umfragen. Mein Eindruck ist, dass die traditionelle Handwerkskunst der Demoskopie hier etwas unter die Räder geraten ist. Bei aller Begeisterung für die Onlinewelt müssen bei Umfragen gewisse Standards eingehalten werden. Sonst wird es windig.

Welche Standards meinen Sie?

Anzeige

Die Gruppe der Befragten muss sorgfältig ausgewählt werden, um Verzerrungen klein zu halten. Bei der klassischen Wahrscheinlichkeitsauswahl gibt es ein ausgeklügeltes Auswahlsystem. Eine persönliche Befragung übers Telefon ist ein besserer Standard als Spielereien, in denen man auf Internetseiten Fragen schaltet, bei denen es dem Zufall überlassen bleibt, wer teilnimmt. Das ist auch manipulationsanfälliger. Wenn man Onlinepanels macht, muss man die Teilnehmer offline rekrutieren, damit die Repräsentativität gewährleistet ist.

Video
Hier erklärt Trump seinen Wahlsieg
1:29 min
US-Präsident Donald Trump hat sich zum Wahlsieger erklärt, obwohl aus vielen wichtigen Bundesstaaten noch keine endgültigen Ergebnisse vorlagen.  © Reuters

Aber auch in Deutschland liegen Demoskopen immer wieder falsch mit ihren Prognosen über Wahlausgänge.

Es gibt keine Prognosen vor der Wahl. Vor der Wahl werden Stimmungen gemessen. Und Stimmungen sind keine Stimmen. Da kann es Übereinstimmungen geben, aber es muss nicht sein. Das ist keine neue Entwicklung. Das war schon immer so. 1965 gab es Umfragen, wonach es ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Kanzlerkandidaten Ludwig Erhard von der CDU und Willy Brandt von der SPD gab. Am Wahltag lag die CDU acht Punkte vor der SPD. 2005 lag die CDU in den Umfragen bei 40 Prozent und bekam 35,2. Da klafften Kanzler- und Parteipräferenz auseinander: Die Leute hätten am liebsten eine Mehrheit für die CDU mit einem Kanzler Gerhard Schröder gehabt. Das ließ sich in den Umfragen nicht einfangen.

Anzeige

Welche neuen Entwicklungen erwarten Sie für die Bundestagswahl im nächsten Jahr?

Wenn wegen der Corona-Krise der Anteil der Briefwähler steigt, kann das Umfragen erschweren. Wer Briefwahl gemacht hat, sagt danach oft nicht mehr, was er oder sie gewählt hat. Offen ist, welche Auswirkungen es hat, dass Angela Merkel nicht mehr kandidiert und ihre Bindungskraft für die CDU fehlt. Ein weiteres Problem hat sich auch in den USA gezeigt: Leute, die zu Verschwörungstheorien neigen, lassen sich nicht befragen – weil sie die Umfrageinstitute als Teil des Establishments ansehen. Das sind in den USA die Trump-Wähler und bei uns die AfD-Wähler. Bei allen seriösen Umfrageinstituten ist die AfD dadurch in den Rohdaten unterrepräsentiert. Bei Instituten, die Onlinebefragungen ohne Zugangsbeschränkungen machen, liegt die AfD dagegen auch gerne mal deutlich zu hoch. Das legt nahe, dass da Interessierte auch einfach mal ein bisschen mehr klicken.

Anzeige

Wie wichtig ist der Personenfaktor bei Wahlen?

Das Modell vom rationalen Wähler, der alle Wahlprogramme liest und vergleicht, ist sehr akademisch. Personen waren immer wichtig. Es gab einen Adenauer-Sog in den 50er-Jahren, es gab die Willy-Brandt-Begeisterung in den 70ern, und ohne Gerhard Schröder wäre Helmut Kohl 1998 wohl noch etwas länger Kanzler geblieben.

Gibt es die Tendenz zur Wahlentscheidung in letzter Minute, die eine Vorhersage erschwert?

In letzter Minute fällt weniger die Entscheidung, welche Partei man wählt, sondern ob man überhaupt wählt. Diese Nichtwähler sagen vorher meist nicht, dass sie nicht wählen, sondern geben eine Parteipräferenz an. Das ist für Demoskopen dann natürlich ein Problem – insbesondere, weil es immer mehr Nichtwähler gibt.

In den USA war die Wahlbeteiligung ungewöhnlich hoch. Auch in Deutschland lässt sich eine Repolitisierung beobachten, durch die Corona-Krise und vorher bereits über die Klimaproteste.

Das Klimathema wird überschätzt. Es hat keine große Mobilisierungsfunktion. Bei der Europawahl 2019 war trotz der Klimaproteste die Wahlbeteiligung nur etwas höher. Bei den Jungen, die ja die Proteste tragen, war die Wahlbeteiligung weiter erschreckend niedrig. Fridays for Future ist eine Bewegung der höheren Bildungsschichten. Die jungen Leute, die schon berufstätig sind, fühlen sich nicht angesprochen. Und der Corona-Protest hat sich nach unseren Untersuchungen nicht zu einer wahlrelevanten Bewegung ausgewachsen.

Ist es sinnvoll, kurz vor einer Wahl keine Umfrageergebnisse mehr zu veröffentlichen?

Es gibt keine eindeutigen empirischen Belege, dass sich die Wähler davon beeinflussen lassen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen