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  • Demmin im Mai 1945: Massenselbstmord vor Einmarsch der Roten Armee

Mai 1945: Der Weltuntergang von Demmin

  • Hunderte Bewohner der vorpommerschen Kleinstadt Demmin setzten im Mai 1945 nach dem Einmarsch der Roten Armee ihrem Leben ein Ende.
  • Bis heute beschäftigt der Massenselbstmord vom Mai 1945 die Bewohner – und Neonazis.
  • Dieses Jahr aber fällt deren Aufmarsch aus.
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Demmin. Dieses Jahr kommen sie nicht. Demmin kann durchatmen. Sonst versammeln sich jedes Jahr zum 8. Mai Rechtsextreme aus ganz Mecklenburg-Vorpommern in Demmin und treten zum „Trauermarsch“ an. Wegen der Corona-Auflagen hat die NPD ihre Anmeldung für 2020 zurückgezogen.

Sie werfen Kränze in die Peene. Mindestens 500, vielleicht bis zu 1000 Menschen gingen hier im Mai 1945 in den Tod. Frauen banden sich ihre kleinen Kinder um den Leib und stürzten sich ins Wasser, Demminer und Flüchtlinge gleichermaßen. Sie waren auf die Wiesen geflüchtet, nachdem die Rote Armee die Stadt angesteckt hatte. Wochenlang noch trieben aufgedunsene Wasserleichen in den Flüssen um die Stadt.

Der Krieg war eigentlich schon vorbei, er hatte Demmin verschont. Die meisten in der Stadt hatten Hitler immer unterstützt, bei den Märzwahlen 1933 erhielt die NSDAP hier eine satte absolute Mehrheit. Schon vorher war Demmin Hochburg des Stahlhelm und der Deutschnationalen gewesen.

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Nicht nur in der Hansestadt mit 11.000 Einwohnern steigerte sich die Angst vor dem, was “die Russen” den Besiegten antun könnten, zur Hysterie. Die Menschen besorgten sich Gift, hielten Revolver und Rasierklingen bereit. Hitler schwadronierte in seinem Bunker vom heroischen Endkampf und tötete sich dennoch selbst, um nicht als „Tier im Moskauer Zoo zu landen“.

Das Inferno von Demmin lässt die Stadt bis heute nicht los. Auch, weil jedes Jahr Neonazis von weit her kommen, um die Erinnerung an die Toten an sich zu reißen. Aber dieses Jahr eben nicht. Das Gedenken kann ziviler werden. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert jetzt ein überdimensionales Trauertuch im Altarraum der St. Bartholomaei-Kirche an die Opfer des Massensuizids von Demmin. Das zwölf Meter lange Tuch besteht aus vielen quadratischen Teilen mit unterschiedlichen Kreuzen, an denen Menschen aus Deutschland und Dänemark über Monate hinweg genäht haben.

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Erinnern trotz Corona - Der 75. Tag der Befreiung
1:55 min
Der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus jährt sich am 8. Mai 2020 zum 75ten Mal. Viele öffentliche Gedenkveranstaltungen fallen jedoch aus.  © Jan Sternberg/Maximilian Arnhold

Die Potsdamer Künstlerin Kathrin Ollroge hat in den vergangenen Jahren viele Interviews in der Stadt geführt. „Gedankengänge in Demmin“ heißt ihr Projekt. Immer wieder kommen ihre Gesprächspartner auf den 8. Mai zu sprechen, auch wenn sie eigentlich über Gegenwart und Zukunft der Stadt reden wollen. Die Namen notiert Ollroge nicht, nur die Aussagen. Und die zeigen eine tief verstörte Stadt – auch nach 75 Jahren.

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„Die Kriegsereignisse schweben wie ein dunkler Deckel über dieser Stadt“, sagt da eine Demminerin. „Dann kam die Wende, das nächste Ereignis. Die hätte den Deckel eigentlich abheben müssen, denkt man. Die Aufarbeitung fehlt, früher hat man ganz geschwiegen, jetzt redet man. Zu DDR-Zeiten war Schweigen im Walde, jetzt darf jeder etwas sagen und den Tag missbrauchen.“

„Demmin wird instrumentalisiert von außen. Und wir können nichts dagegen tun“, sagt ein anderer. Wieder andere beklagen sich: „Demmin ist wie eine offene Wunde, immer wird nur über den 8. Mai berichtet, niemals etwas anderes.“

Am 30. April 1945 erreichten die ersten sowjetischen Panzer die Stadt. Deutsche Truppen und die NS-Größen der Stadt waren geflohen. Eine Nachhut der Wehrmacht sprengte die Brücken Demmins. Die Panzer der Roten Armee konnten zunächst nicht weiterfahren, die Infanterie sickerte in die Stadt ein.

Durch die gesprengten Brücken saßen nun alle in der Falle – Sowjetsoldaten, Demminer und Flüchtlinge. Die Eroberer ließen Frust und Siegesrausch an den Deutschen aus. „Hunderte von Soldaten schwärmten aus auf der Suche nach Uhren, nach Schmuck, nach Schnaps, nach Frauen, nach Spaß und Lust und Gewalt“, schreibt Florian Huber in seinem Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“. Bald brannte das erste Haus, dann die ganze Stadt.

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Eine Demminerin erzählte Kathrin Ollroge von den Dramen an den Flüssen. Ihr Vater war damals noch ein kleines Kind und rettete mit einer Mischung aus Angst und Überlebenswillen die Familie: „Mein Vater und sein Bruder standen an der Brücke und sagten: Wir springen nicht. Da ist die Mutter mit den anderen beiden Kindern zurückgekommen. Das ist echt. Alles andere ist Gelaber.“

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