• Startseite
  • Politik
  • Debatte um Sterbehilfe: Verunsicherte Patienten, streitende Ärzte – wie geht es weiter?

Verunsicherte Patienten, streitende Ärzte: Wie geht es in Sachen Sterbehilfe weiter?

  • Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist die Debatte um die Sterbehilfe neu entbrannt.
  • Viele Fragen bleiben, gewiss ist nur: Es wird sich etwas ändern.
  • Doch bereits jetzt bieten die zuvor geächteten Sterbehilfevereine wieder offen ihre Dienste an.
|
Anzeige
Anzeige

Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts bemerkt der Palliativmediziner Bernd Oliver Maier bei seinen Patienten manchmal einen neuen Ton. Es sind provokante, fordernde Sätze, die sie ihm nun schon mal entgegenwerfen. Na, nun könne er doch einfach ein Mittel zum Sterben verteilen, solche Sätze seien das.

Solche Diskussionen seien die Ausnahme, betont der Chefarzt am St.-Josefs-Hospital Wiesbaden. Inzwischen kämen sie schon kaum noch vor.

Fest steht für ihn aber auch: “Was wir jetzt erleben, ist ganz klar die Ruhe vor dem Sturm.” Dem Sturm, den er für den Moment erwartet, wenn die Politik das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe in ein Gesetz gegossen und umgesetzt hat.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Urteil entfacht Debatte um Sterbehilfe

Im Schatten der Corona-Pandemie ist der Streit um die Sterbehilfe inzwischen neu entbrannt. Im Februar hatte das Bundesverfassungsgericht in seinem spektakulären Urteil das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt. Über den eigenen Tod zu bestimmen, urteilten die Karlsruher Richter, gehöre zum Kern der Autonomie des Menschen. Daraus resultiere auch das Recht, sich Hilfe zu suchen, um sich das Leben zu nehmen.

Jetzt muss die Politik, die sich schon so schwertat, sich 2015 auf das Sterbehilfeverbot zu einigen, eine neue, mit dem Urteil zu vereinbarende Lösung finden. In der Zwischenzeit sind Patienten verunsichert, streiten Ärzte miteinander um den richtigen Weg – und füllen dieses Vakuum ausgerechnet jene Sterbehilfevereine, deren Verbot so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner praktisch aller Parteien war.

Anzeige

Zu einer der ersten Anlaufstellen für viele, die das Urteil der Verfassungsrichter als eine Art direkten Handlungsauftrag an alle Mediziner missverstanden, wurde in den letzten Monaten ausgerechnet ein Rentner aus Marl. Helmut Feldmann, selbst lungenkrank, gehörte zu den Klägern gegen das Sterbehilfeverbot, sein Name ging deshalb durch viele Medien. Zuletzt nun wandten sich viele an ihn, die bei ihren Ärzten vergeblich um Sterbehilfe nachgesucht hätten, an mehr als drei Dutzend Anrufe kann sich der frühere Elektriker erinnern. “Manche”, sagt Feldmann, “haben am Telefon geweint, weil ihr Arzt alles abblockte.”

Doch tatsächlich ist auch die Ärzteschaft in der Frage der Sterbehilfe gespalten. “Die Zahl der bekennenden Anwender der Sterbehilfe ist gewachsen”, sagt Maier, der auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin ist. “Zugleich ist vielen klar, dass sie sich zum jetzigen Zeitpunkt mit einem Bekenntnis angreifbar machen.” Zudem verbieten in den meisten Bundesländern die Berufsordnungen der Ärzte noch die Hilfe zum Suizid – und einige Mediziner fürchten den Konflikt mit ihren Kammern.

Es gebe, sagt Maier, “eine relativ große Zerrissenheit” in der Palliativärzteschaft. Für die einen sei die Selbsttötung die Ultima Ratio der Symptomkontrolle – für die anderen, wie Maier, ist jeder geäußerte Sterbewunsch vor allem ein Auftrag für Gespräche und das Ausloten weiterer palliativmedizinischer Möglichkeiten. Der Streit wird auch den Kongress der Palliativmediziner in der kommenden Woche in Wiesbaden überschatten. Die “Kontroversen am Lebensende” sind dort das Hauptthema.

Sterbehilfevereine sind wieder aktiv

Derweil haben die beiden großen Sterbehilfevereine die Lücke gefüllt, beide sind seit dem Urteil wieder in Deutschland aktiv. Sterbehilfe Deutschland, der Verein des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch, hat nach seinen Angaben inzwischen wieder in mehr als 30 Fällen in Deutschland Suizidhilfe geleistet, darunter auch in Altenheimen. Der Berliner Martin Goßmann, Facharzt für psychosomatische Medizin, Neurologie und Psychiatrie, ist Leiter des Ärzteteams des Vereins, er selbst begutachtet Sterbewillige danach, ob sie ihre Entscheidung eigenständig und im Besitz ihrer geistigen Kräfte getroffen haben – so umstritten gerade diese Kategorien unter Kritikern sind. Seit dem Urteil registriert Goßmann zwar keine zusätzlichen Nachfragen, wohl aber einen Nachholeffekt: “Die Häufigkeit, mit der Mitglieder sagen: Jetzt habe ich so lange gewartet, jetzt will ich das auch machen – die ist schon auffällig.”

Anzeige

Auch Dignitas Deutschland, Ableger des Schweizer Vereins mit Deutschland-Büro in Hannover, bietet hier laut Sprecher Florian Willet nun wieder Hilfe zum Suizid an, eine genaue Zahl der Fälle bislang nennt er nicht. Laut Willet hat der Verein in Deutschland 3300 Mitglieder – und verfügt über eine zweistellige Zahl von Ärzten, die für den Verein arbeiten. Zuletzt hatte der Verein mehr als 1000 Ärzte, vor allem Allgemeinmediziner, angeschrieben – “über die Rückmeldung waren wir positiv überrascht”.

Offen ist allerdings, wer künftig unter welchen Bedingungen in Deutschland Hilfe zum Suizid leisten darf. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte zuletzt erkennen lassen, dass er eine erneut eher strenge Regulierung der Sterbehilfe anstrebt. Auf der Liste der Personen und Institutionen, die er zuletzt um eine Stellungnahme zur Neufassung gebeten hatte, fanden sich Kritiker wie der frühere Verfassungsrichter Udo Di Fabio. Es fehlten dagegen dezidierte Sterbehilfebefürworter wie die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben.

Der Arzt und Sterbehilfegutachter Goßmann hofft nun auf eine “lautere, ehrliche und konstruktive Diskussion” – die aus seiner Sicht zu einer ergebnisoffenen Beratung führen sollte. Palliativmediziner Maier dagegen hofft auf eine Neuregelung, bei der die Aufklärung über palliativmedizinische Möglichkeiten unbedingter Teil des Prozesses ist. “Denn hinter fast jedem Sterbewunsch”, das sei seine Erfahrung, “steckt im Grunde ein Lebenswunsch.”

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen