Datenanalyse: AfD holt mit wenigen Stimmen große Wahlkreise

  • Nach der Wahl in Thüringen hat die Farbe Blau auf der Wahlkarte viel Raum eingenommen.
  • Dahinter stehen jedoch nicht im gleichen Umfang Wähler.
  • Die AfD schafft es wie keine andere Partei, mit wenigen Stimmen große Wahlkreise zu gewinnen.
Johannes Christ
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Erfurt. Wahlkarten erwecken den Eindruck, dass dünn besiedelte Regionen politisch mehr wiegen als die eng bewohnten Städte. In Deutschland hat insbesondere die AfD zuletzt einigen Boden gutgemacht. Nach Brandenburg und Sachsen legte die Partei auch in Thüringen stark zu und nahm dem politischen Gegner elf Wahlkreise ab.

Vor allem in Ostdeutschland, vereinzelt auch in Baden-Württemberg, bekommt die Alternative für Deutschland mittlerweile die Mehrheit. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland hat mit Daten der Statistischen Landesämter untersucht, inwieweit die Farbverteilung auf der Deutschlandkarte die tatsächlichen Kräfteverhältnisse widerspiegelt.

Die Union dominiert das Land

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Nach wie vor dominierende politische Kraft auf dem Land ist die Union. Dementsprechend schwarz färbt sich die politische Landkarte. CDU und CSU halten knapp die Hälfte der 844 Wahlkreise. Damit erobert die Union fast zwei Drittel der Fläche Deutschlands. Die SPD konnte in den vergangenen Landtagswahlen immerhin ein knappes Drittel der Direktmandate holen. Viele kleine Wahlkreise im Ruhrgebiet und in Hamburg führen aber nur zu einer Fläche von einem Fünftel.

Weitere 73 Wahlkreise gewannen die Grünen, 25 gingen an die Linken. Beide sind in Städten besonders stark. Die Grünen gewannen beispielsweise Wahlkreise in Kassel, Leipzig, Potsdam, München und Darmstadt. Die Linken verteidigten am Sonntag weite Teile der thüringischen Städte Erfurt, Weimar, Gera und Jena. Darüber hinaus haben sie ihre Hochburgen in Ost-Berlin. Diese Erfolge bringen rein optisch allerdings wenig: Der durchschnittliche Wahlkreis der Linken umfasst gerade einmal ein Zehntel der Fläche des typischen Wahlkreises der Union.

Die AfD hält mittlerweile 66 Wahlkreise

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Die Grünen haben dagegen in Baden-Württemberg auch auf dem Land einige Erfolge eingefahren und den Südwesten großflächig eingefärbt. Die FDP holte ihre stärksten Ergebnisse im Rheinland. Für einen gewonnenen Wahlkreis reichte es allerdings nicht. Ungleich erfolgreicher war da die AfD: In 66 Wahlkreisen hält sie seit der Wahl am Sonntag die Mehrheit, vor allem in den dünn besiedelten Regionen des Ostens. Der Wahlkreis Dahme-Spreewald III etwa ist mit fast 2000 Quadratkilometern der zweitgrößte Deutschlands. Friedrichshain-Kreuzberg II umfasst gerade mal zwei Quadratkilometer und ging an die Grünen.

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Während Union, Grüne und SPD durchschnittlich um die 20.000 Wähler von ihrem Direktkandidaten überzeugten, um den Sieg einzufahren, reichten der AfD im Durchschnitt knapp 8.500 Wähler und der Linken sogar nur 7.500 Wähler. Zum Vergleich: Im Wahlkreis Aachen IV holte die CDU mit fast 28.000 Stimmen nur Platz zwei. Die große Diskrepanz hat mehrere Ursachen: Zum einen haben die Linken und auch die AfD ihre Hochburgen in Wahlkreisen mit relativ wenigen Wahlberechtigten. Im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald V durften gerade einmal 26.700 Menschen wählen, mehrheitlich machten sie ihr Kreuz bei der AfD. Im bayerischen Wahlkreis Fürth waren mehr als 130.000 Personen zur Wahl aufgerufen, dort gewann die CSU.

Der zweite Faktor ist die Wahlbeteiligung: In den Wahlkreisen, die der AfD zufielen, machten durchschnittlich nur 62 Prozent von ihrem demokratischen Recht Gebrauch, spürbar weniger als die bundesweit durchschnittlich 67 Prozent. Die stärkste Mobilisierung erlebten mit 70 Prozent die Wahlkreise mit einer grünen Mehrheit. Hinzu kommt ein dritter Grund: Sowohl den linken als auch den rechten Wahlkreissiegern reichten durchschnittlich bereits rund 30 Prozent der Stimmen zum Sieg. Dementsprechend eng war oft das Rennen: Die AfD-Kandidaten siegten mit durchschnittlich nur 3,5 Prozentpunkten Vorsprung, die der Linken mit 6,3. Zum Vergleich: Die Union kam im Durchschnitt auf 37 Prozent der Stimmen, gut 11 Prozentpunkte mehr als der Zweitplatzierte.

Die Zweitstimme entscheidet

Unter dem Strich heißt das aber nicht, dass das Wahlsystem nicht funktioniert und es einige Parteien systematisch leichter haben als andere. Entscheidend für die Sitzverteilung ist nämlich nicht das Direktmandat, sondern der Zweitstimmenanteil. Wer in einem Bundesland viele Wahlkreise gewinnt, bekommt entsprechend weniger Abgeordnete über die Landesliste. Erhält eine Partei mehr Direktmandate, als ihr nach dem Zweitstimmenanteil zustehen, bekommt sie zwar in der Regel sogenannte Überhangmandate. Diese werden aber durch Ausgleichsmandate für die anderen Parteien nivelliert. Im Ergebnis kommt die AfD mit 12 Prozent der Zweitstimmen auf etwa 13 Prozent aller 1795 Abgeordneten in den Landesparlamenten.

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