Das Virus lenkt junge Leute aufs Land

  • Bis vor Kurzem war völlig klar: In der Großstadt wollen junge Berufstätige leben, nahe an der U-Bahn, idealerweise mit Nachtclubs um die Ecke.
  • Die Viruskrise aber macht plötzlich das Leben auf dem Land populär – während man per Zoom mit dem Büro verbunden bleibt.
  • Kommt jetzt eine ungeahnte neue deutsche Einheit: die von Stadt und Land?
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

von dem französischen Schriftsteller Henry Monnier (1799–1877) stammt der Satz: “Man sollte die Städte auf dem Lande bauen, da ist die Luft besser.”

Junge Leute aus Deutschland versuchen jetzt genau das. Unter dem Eindruck der Corona-Krise verlagern immer mehr Berufstätige im Alter von 30 bis 45 Jahren ihre städtische Art zu leben gleichsam per Drag-and-drop ins Grüne, weitab der vormals hochgelobten Metropolen. Außerhalb von Enge und Gedränge wollen sie einfach wieder ohne Sorge tief durchatmen.

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Es ist ein Megatrend, dem RND-Redakteur Jan Sternberg für seine heutige große Reportage in den Weiten Ostdeutschlands nachgestiegen ist. In Werben an der Elbe zum Beispiel, einer 600-Einwohner-Gemeinde, traf er die Berliner Familie Saß. Aus ihrem Wochenendhäuschen ist erst eine Corona-Fluchtburg geworden – und dann, nach und nach, der neue Arbeitsmittelpunkt der Familie.

Neue Zuversicht in abgehängten Gebieten

Die in Firmen und Behörden in Gang gekommene “Abkehr von der Präsenzkultur” macht es möglich. Was kann eleganter sein, als ein Einkommen zu Großstadtbedingungen zu erzielen in einer Umgebung irgendwo im Grünen, in der man schon im nächsten Moment in den glucksenden See steigen kann, womöglich am eigenem Steg?

Der Tag Die Themen des Tages und besondere Leseempfehlungen: Das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland. Jeden Morgen um 7 Uhr.
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Allerorten blühen nun die Fantasien von Dörflern, die gerade noch Trübsal bliesen. Ein neuer Blick fällt auf alte Häuser und Grundstücke, die eben noch als unverkäuflich galten. Wäre das alte Sägewerk nicht auch als “Co-Working-Space” geeignet? Und könnte man in der pleitegegangenen Kneipe nicht ein neues Bio-Cafe eröffnen, das Matcha-Cheesecake anbietet und vielleicht auch selbst gemachte Holunderlimonade?

In vermeintlich abgehängten Gebieten hält nun eine unerwartete neue Zuversicht Einzug. Und ein soziokultureller Wandel ist im Gang, den viele noch vor Kurzem nicht für möglich gehalten hätten. Kriegt Deutschland im 30. Jahr der Einheit eine weitere erstaunliche Vereinigung hin, die von Städten und Dörfern? Unsere Reportage setzt am Ende einer Woche, in der viel von schlechten Wirtschaftsdaten die Rede war, in diesem Sinne zumindest ein kleines Hoffnungszeichen.

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Das Zitat des Tages

“Trump ist ein Egomane und ein Rassist. Er hat die USA nie versöhnt, sondern immer nur versucht, zu spalten. Seine Strategie, Bundestruppen in demokratisch regierte Städte gegen deren Willen zu entsenden, um die dort bestehenden Auseinandersetzungen über Rassismus anzuheizen, ist abscheuerregend. Angesichts der vielen Schusswaffen in den USA mache ich mir große Sorgen, dass es bis zur Wahl oder auch danach zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen kann.”

Rolf Mützenich, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, in einem Interview mit RND-Hauptstadtkorrespondent Andreas Niesmann

Die Leseempfehlungen des Tages

In welchen Ländern kann man überhaupt noch Urlaub machen? Wo sind neue Risikogebiete? Die Fragen bleiben, die Antworten wechseln mitunter von Tag zu Tag. In Spanien etwa muss jetzt differenziert werden: Warnungen gelten für die drei Regionen Katalonien, Aragón und Navarra. Reisereporter-Redakteurin Maike Geißler gibt einen aktuellen Überblick.

Seit mehr als 14 Jahren läuft die ARD-Telenovela “Rote Rosen” in der ARD. Was ist eigentlich das Erfolgskonzept dieser Serie? Und warum wird darin die Pandemie nicht thematisiert? RND-Redakteurin Hannah Scheiwe hat mit Hauptdarsteller Gerry Hungbauer darüber gesprochen.

Das Deutsche Tourenwagen-Masters (DTM) startet an diesem Wochenende im belgischen Spa-Francorchamps mit Verspätung in die neue Saison. DTM-Chef und Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger äußert sich im Interview mit Sportbuzzer-Redakteur Christian Müller zu den Besonderheiten des Auftakts in Corona-Zeiten – und gibt Ferrari-Star Sebastian Vettel einen Rat.

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Eine eigensinnige 78-Jährige namens Gisela hat in diesem Jahr der Pandemie alle Warnungen in den Wind geschlagen, eine Haushälfte verkauft und sich allein in einem Wohnmobil Richtung Süden verabschiedet. In Zeiten, in denen in Deutschland ältere Heimbewohner isoliert wurden und hinter Glasscheiben Besuchern zuwinkten, grüßte Gisela von einem Berg in Portugal. Die Geschichte einer sehr individuellen Rebellion erzählt Silia Wiebe. Die gute Nachricht: Gisela blieb bis heute gesund.

Der Podcast des Tages

Die Termine des Tages

In der Corona-Krise in Deutschland sind heute drei Entwicklungen interessant:

  • Das Robert-Koch-Institut gibt neue Zahlen bekannt. Erstmals nach dem Ende des Lockdowns werden wieder mehr als 1000 Neuinfizierte pro Tag befürchtet.
  • Die Initiative “Querdenken 711” will am Nachmittag auf der Straße des 17. Juni in Berlin gegen die Corona-Beschränkungen demonstrieren. Das Motto lautet: “Ende der Pandemie – Tag der Freiheit”. Die Initiative “Querdenken 711″ hatte bereits mehrmals in Stuttgart zu Kundgebungen aufgerufen. Die Polizei stellt sich auf eine Beteiligung von Neonazis und Verschwörungstheoretikern ein.
  • An den Küstenorten entlang von Nord- und Ostsee ist wegen der ungewöhnlich hohen Temperaturen mit lokalen Zugangsbeschränkungen – und gegebenenfalls auch mit Rangeleien – zu rechnen.
  • In Silverstone beginnt am Nachmittag das Qualifying für die Formel-1-Weltmeisterschaft.
  • In Hongkong rechnen westliche Beobachter nach der am Freitag angekündigten Verschiebung von Wahlen mit möglichen neuen Protestaktionen und Verhaftungen.
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Der Schnappschuss des Tages

Demonstranten in Portland, Oregon (USA), halten Mobiltelefone mit eingeschalteter Lampenfunktion hoch. Die Kundgebungen gegen Polizeigewalt gehen weiter – auch nach dem Abzug der Bundespolizei. Am Freitag berichtete die Zeitung “Washington Post”, Journalisten seien in Portland von der Heimatschutzbehörde mit geheimdienstlichen Mitteln überwacht worden. © Quelle: Marcio Jose Sanchez/AP/dpa

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Aus dem Newsroom: Matthias Koch

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