Das Virus lässt Amerikas Wähler wandern

  • Donald Trump gerät eine Woche vor der Wahl ins Trudeln.
  • In Wisconsin, Michigan und Pennsylvania, wo er 2016 knapp gewann, wird er von Joe Biden abgehängt. In Iowa und Georgia, wo Trump vor vier Jahren mühelos gewann, wird es neuerdings sehr eng.
  • Die Ursache des Drehs ist landauf, landab dieselbe: Der Präsident wirkt in der Corona-Krise nicht vertrauenswürdig.
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Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zu unserem USA-Newsletter genau eine Woche vor der Wahl.

Was Donald Trump immer verhindern wollte, ist nun doch passiert: Das Thema Corona kehrt zurück, mit Macht.

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Eigentlich wollte Trump viel lieber über innere Sicherheit reden oder über Wirtschaftsthemen. Doch nun erfasst die in den USA erneut ansteigende Viruswelle den Präsidenten wie ein mächtiger Gegenstrom: Trump rudert und rudert – und fällt doch von Tag zu Tag mehr zurück.

Wo soll jetzt noch ein Überraschungssieg Trumps herkommen? In letzter Minute, so hat man es monatelang gehört, werde der Mann im Weißen Haus sich noch irgendetwas einfallen lassen. Oft schwangen da wohl aber psychologische Überreaktionen mit wie bei PTSD (post traumatic stress disorder): Weil dieser Mann viele Menschen schon mal sehr erschreckt hat, fürchten sie, er werde es wieder tun.

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Das US-Wahlsystem und seine Tücken
2:33 min
Am 3. November wird der nächste US-Präsident gewählt - aber das Wahlsystem bringt einige Schlupflöcher mit sich.  © RND

Drei starke Anzeichen für die Wende

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Wer sich indessen einlässt auf eine aktuelle Lageanalyse ohne jede Furcht und Voreingenommenheit, stellt fest: Die Hinweise auf einen Machtwechsel in den USA am 3. November haben sich so sehr verdichtet wie noch nie.

Unter allen Anzeichen sind die drei folgenden die stärksten.

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1. Trump schafft den Dreh nicht: Üblicherweise bewirkt in US-Präsidentschaftswahlkämpfen auf den letzten Metern der in Umfragen hinten Liegende einen wie auch immer gearteten Dreh zu seinen Gunsten. Das hat Trump nicht geschafft: nicht durch das TV-Duell, nicht durch seine – allzu diffusen und allzu späten – Attacken auf den Sohn und die Brüder Joe Bidens, und auch nicht durch irgendeine andere „Oktoberüberraschung“.

2. Bidens Vorsprung ist historisch: Auch die größten Umfrageskeptiker müssen sacken lassen, dass der Vorsprung Joe Bidens vor Trump in den nationalen Meinungsumfragen erstens seit Monaten außergewöhnlich stabil ist und zweitens sogar größer als der von Barack Obama in dessen bestem Jahr 2008. Da zugleich der aktuell gemessene Anteil der Unentschiedenen ungewöhnlich klein ist, spricht viel für die Theorie von einem Blitz, der in der Luft liegt und sich krachend entladen wird.

3. Nie wählten so viele Amerikaner so früh: 64,7 Millionen Amerikaner haben schon gewählt. Auch dies ist eine historische Premiere. Damit haben 46,9 Prozent der Wähler, die vor vier Jahren teilnahmen, die Sache schon hinter sich. Unter den Frühwählern schlagen die Demokraten die Republikaner fast im Verhältnis zwei zu eins. Dieser Trend stützt sich wohlgemerkt nicht auf Umfragen, sondern auf Fakten: In vielen Staaten wird wegen der Vorwahlen die Zugehörigkeit zu den Demokraten oder Republikanern registriert.

Die Ehefrau hilft mit: Dr. Jill Biden bei einer Wahlveranstaltung der Demokraten in Morrisville, Pennsylvania. © Quelle: imago images/MediaPunch

Den Trump-Gegnern ist, wie sich inzwischen empirisch zeigt, eine frühe Stimmabgabe ein wichtiges und dringendes Anliegen. Die Republikaner können den objektiv bereits erzielten Vorsprung der anderen Seite zwar theoretisch noch ausgleichen, indem sie am Wahltag besonders zahlreich physisch in den Wahllokalen erscheinen. Das Risiko allerdings, dass der eine oder andere aus irgendeinem politischen oder persönlichen Grund am Ende doch zu Hause bleibt, verschiebt sich durch die Millionen von Frühwählern unter den Demokraten mittlerweile immer in Richtung der Republikaner.

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Wie das Virus die Swing States beeinflusst

Schon seit Monaten zeigt sich in nationalen Umfragen, dass Joe Biden eher zugetraut wird, angemessen und verantwortungsvoll mit der Viruskrise umzugehen als Donald Trump. Beim Thema Wirtschaft oder innere Sicherheit hätte Trump, auch das zeigt die Demoskopie, bessere Karten. Nun aber schiebt sich das Virus nach vorn – mit erheblichen Wirkungen auch auf die politisch gelegentlich wechselnden Swing States.

Drei Beispiele:

Arizona: Der Südwest-Staat wählt seit 16 Jahren republikanisch – dürfte aber jetzt in Richtung Demokraten kippen. Viele Ältere in Arizona denken wie Larry Vroom, ein 79-Jähriger aus Sun City bei Phoenix, der zeitlebens für die Republikaner stimmte und jetzt dem Fernsehsender NBC anvertraute, dass er Biden wählen werde – wegen der Corona-Krise: „Trump akzeptiert seine Verantwortung nicht.“

„Kampf um die Seele der Nation“: Kamala Harris und Joe Biden in Phoenix, Arizona. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Vor vier Jahren lag Trump bei den Alten in Arizona mit auffallend großem Abstand vorn, jetzt nicht mehr. „Da ist ein gigantischer Wandel im Gang“, sagt Samara Klar, Politikwissenschaftlerin an der University of Arizona. Da aber die jungen Leute in Arizona sowie die Latinos ohnehin mehrheitlich Biden wählen, gehen die meisten Institute inzwischen davon aus, dass Trump am nächsten Dienstag Arizona verlieren wird.

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Iowa: Hier hat Trump vor vier Jahren Hillary Clinton mit fast zehn Punkten Abstand besiegt – deshalb hatte die Biden-Kampagne Iowa ursprünglich gar nicht auf dem Zettel. Aktuelle Umfragen aber sehen nun Trump und Biden Kopf an Kopf. Auch in Iowa sind es die Älteren, die die Veränderung bewirken: Unter ihnen machen sich laut Umfragen drei von fünf große Sorgen wegen Corona.

Rick Flanagan (61) aus Newton zum Beispiel gefiel es nicht, dass die republikanische Senatskandidatin in Iowa, Joni Ernst, eines Tages anfing, die Totenzahlen im Zusammenhang mit der Corona-Krise generell in Zweifel zu ziehen. „Das war es dann für mich”, sagte Flanagan der „New York Times“.

Wisconsin: Bei einer Kundgebung am vorigen Sonnabend rief Trump jubelnden Anhängern zu: „Wenn wir nur die Hälfte der Tests durchführen würden, hätten wir auch nur die Hälfte der Fälle.“ Thesen wie diese werden jedoch in Wisconsin, einem Staat mit steil steigenden Infektionszahlen, auf makabre Weise widerlegt. Am selben Tag gab es 28 neue Corona-Todesfälle in dem knapp sechs Millionen Einwohner zählenden Bundesstaat, das entsprach einer Zunahme um 154 Prozent binnen 14 Tagen. Am Testen kann es nicht gelegen haben.

Dass sich in Wisconsin ein knapper Sieg Trumps wiederholen könnte, ist extrem unwahrscheinlich. Derzeit liegt Biden hier mit mehr als sieben Punkten Abstand vorn.

Hisst das Weiße Haus die weiße Flagge?

Das Weiße Haus hat zunehmend Mühe, auch nur eine klare Kommunikationslinie hinzubekommen. Am Sonntag überraschte Trumps Stabschef Mark Meadows die Nation mit dem Hinweis, die USA seien nicht in der Lage, die Pandemie einzudämmen: „Wir werden sie nicht kontrollieren.“ Der Fokus liege stattdessen auf der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Meadows äußerte sich in der CNN-Sendung „State of the Union“.

Hisst das Weiße Haus die weiße Flagge? Viele Kommentatoren deuteten es so. Doch schon am nächsten Tag, auf der Wahlkampfbühne, beeilte sich Trump, diesem Eindruck entgegenzutreten. Man werde, ganz im Gegenteil, alles tun, um die Pandemie einzudämmen – „wir machen dabei bereits einen unglaublich guten Job“. Der Eindruck von Chaos und Planlosigkeit hat sich damit erneut verstärkt, eine Woche vor der Wahl.

Was nützt jetzt noch Amy Coney Barrett?

Mit 52 Ja-Stimmen gegen 48 Nein-Stimmen im Senat setzten Trumps Republikaner in der Nacht zum Dienstag Amy Coney Barrett als neue Richterin am Supreme Court durch. Es ist ein Machtbeweis - mit sehr langfristigen Folgen für die Rechtsprechung. Doch was nützt dieses Manöver den Republikanern am Wahltag?

Der Präsident posiert mit der neuen Supreme-Court-Richterin wie mit einer Trophäe: Donald Trump und Amy Coney Barrett am Dienstag in Washington. © Quelle: imago images/MediaPunch

Trump ließ sich schnell mit der frisch vereidigten Barrett an seiner Seite fotografieren – wie mit einer Trophäe. Das Bild soll seine Anhänger beeindrucken: Seht her, ich habe euch eine konservative Katholikin als neue oberste Richterin geliefert.

Der Effekt auf die Wahlen aber wird sich, allen großen Gesten zum Trotz, in Grenzen halten. Trumps kühler Blick fällt derzeit auf die zahlreichen Katholiken im Süden des wichtigen Swing States Pennsylvania. Doch gerade denen macht auch Biden ein Angebot: Wenn sie ihn wählen, den Sohn irischer Einwanderer, der in Scranton, Pennsylvania, als Kind eines Autohändlers lebte, könnten sie erstmals seit John F. Kennedy einen Katholiken ins Weiße Haus entsenden.

Wahlkampf? Ein Kinderspiel!

Alexandria Ocasio-Cortez, Kongressabgeordnete und großer Star des linken Flügels der Demokraten, führte dieser Tage einen neuen, spielerischen Ansatz vor. Die 31-Jährige rief dazu auf, mit ihr „Among Us“ auf ihrem neuen Twitch-Kanal zu spielen. Mehr als 400.000 Leute klinkten sich ein, um „AOC“ – so das Kürzel von Ocasio-Cortez – spielen und gleichzeitig streamen zu sehen. Im Spiel geht es darum, einen Mörder zu entlarven. „AOC“ streute Botschaften ein, um junge Leute zum Wählen aufzufordern.

Mit Spielwitz: Alexandria Ocasio-Cortez, Demokratin aus New York. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Kommunikation per Spiel ist ein Weg, den die US-Demokraten derzeit systematisch beschreiten. Sogar Joe Biden (77) ist einbezogen – als stolzer Eigentümer einer Insel im Spiel „Animal Crossing: New Horizon“.

Zahlen vor den Wahlen

­Joe Biden würde nach dem aktuellen Stand der Dinge mit großer Sicherheit zum Präsidenten gewählt werden. Er müsste nur die nach Umfragen bereits von den Demokraten dominierten blauen Staaten gewinnen – keinen einzigen von den noch unentschiedenen (braun).

Donald Trump dagegen müsste, um zu gewinnen, drei Dinge schaffen: zunächst alle zu den Republikanern tendierenden roten Staaten holen, dann zusätzlich auch sämtliche unentschiedenen Staaten erobern und schließlich ein großes Stück weit in das blaue Lager einbrechen. Dies alles ist nicht unmöglich, aber – nach dem jetzigen Stand aller zusammenfließenden Daten – sehr unwahrscheinlich.

Die Webseite „FiveThirtyEight“ fasst laufend die wichtigsten Umfragen zusammen und generiert auf transparente Art ein aktuelles Gesamtbild. Die blauen Staaten werden von den Demokraten dominiert, die rot markierten von den Republikanern. Die unentschiedenen sind braun. © Quelle: FiveThirtyEight. © Quelle: FiveThirtyEight

Präsident wird, wer im 538-köpfigen Wahlleutegremium mindestens 270 Stimmen bekommt. Die Wahlleute werden aus den Einzelstaaten entsandt, ihre Zahl richtet sich nach der Bevölkerungsgröße des Staates. Am meisten Gewicht haben Kalifornien (55 Wahlleute), Texas (38) und Florida (29).

Die Webseite „FiveThirtyEight“ listet neuerdings das immer wieder knappe Florida als zu den Demokraten tendierend auf. Sollte es tatsächlich so kommen, stünde in der Nacht zum 4. November ein Ergebnis schon früh fest. Florida zählt schon jetzt die Briefwahlzettel aus; die Zahlen werden bei Schließung der Wahllokale bereits vorliegen. Auch North Carolina wird bei „FifeThirtyEight“ inzwischen (blass-)blau einsortiert.

Auch ohne diese beiden Staaten käme Biden immer noch auf eine bequeme Mehrheit von 290 Stimmen im Wahlleutegremium. In diese Richtung geht weiterhin die „Consensus Map“ auf der Webseite „270 to win“.

Leseempfehlungen

Rechtsruck am Gericht: Donald Trump hat mit Amy Coney Barrett eine Konservative als Richterin am Supreme Court durchgesetzt, die dort jahrzehntelang Einfluss entfalten kann.

Macht der Minderheiten: Die US-Demokraten setzen im Wahlkampf auf Microtargeting. Während Donald Trump tönend vor die Massen tritt, beeinflussen Joe Bidens Leute kleine und kleinste Gruppen: persönlich, telefonisch und digital. Alles läuft lautlos – und mit chirurgischer Präzision.

Breitseiten gegen die Briefwahl: Trump zieht erneut die Echtheit von Briefwahlergebnissen in Zweifel und schürt damit abermals Ängste, er werde das Wahlergebnis vom 3. November nicht anerkennen.

Facebook in Furcht: Facebook bereitet sich auf einen möglichen Ausnahmezustand nach den Präsidentschaftswahlen vor – das Netzwerk rüstet sich gegen eine mögliche Flut von Falschinformationen und Hassbeiträgen.

Video aus Washington

US-Korrespondent Karl Doemens erklärt die Bedeutung der am 3. November parallel laufenden Wahl zu einem Drittel der Sitze im Senat.

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US-Vlog: Welche wichtige Wahl beim Duell zwischen Trump und Biden vergessen wird
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US-Korrespondent Karl Doemens erklärt die Verteilung im Senat und warum sich beim Kampf um die Mehrheit nicht nur ein Blick auf die Swing States lohnt.  © RND

Zitat der Woche

Hey Miami – jetzt will ich mal eure Hände sehen... Wer von euch hat ein geheimes Bankkonto in China? Einfach mal melden... Keiner?

Barack Obama, früherer US-Präsident, bei einem Wahlkampfauftritt in Florida – bei dem er auf Berichte anspielte, wonach Donald Trump in China nicht nur ein Konto hatte, sondern auch mehr Steuern zahlte als in den USA.

On the road: Kandidaten im Endspurt

Joe Biden ist heute auf Tour in Georgia. Er wird in den kommenden Tagen auch in Florida, Iowa und Wisconsin auftreten. Bidens Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris plant Stops in Arizona und Texas. Die Termine in den traditionell eher zu den Republikanern tendierenden Staaten Georgia, Iowa, Arizona und Texas deuten auf eine offensive Linie der US-Demokraten hin: Ihr Ziel ist der „landslide“, ein Erdrutschsieg am 3. November.

Donald Trump bearbeitet weiterhin die drei Rustbelt-Staaten Pennsylvania, Michigan und Wisconsin.

Am Freitag meldet sich Marina Kormbaki mit einer neuen Folge des Newsletters. Sie ist derzeit in den USA unterwegs und wird unter anderem aus Pennsylvania und Florida berichten.

Stay tuned – and stay sharp!

Matthias Koch

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

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