Das verschwendete Talent des Christian Lindner

  • FDP-Chef Christian Lindner ist vielleicht der begabteste Politiker seiner Generation.
  • Doch die FDP tritt auf der Stelle, kann von der Krise der Volksparteien nicht profitieren.
  • Tobias Peter analysiert, woran das liegt und was die FDP jetzt tun müsste.
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Stuttgart. Im Neuen Testament gibt es das Gleichnis von den Talenten. Darin vertraut ein reicher Mann vor einer längeren Reise seinen Knechten sein Vermögen an. Am Ende belohnt er diejenigen, die entsprechend ihren Fähigkeiten das Geld gemehrt haben. Demjenigen aber, der das Geld nur zur sicheren Verwahrung vergraben hat, wirft er Lethargie vor.

Christian Lindner ist reich an Talenten. Es gibt in Deutschland kaum einen Politiker, der rhetorisch so stark ist wie er. Lindner hat als FDP-Chef seine Partei fast im Alleingang zurück in den Bundestag geführt. Doch seitdem hat er die FDP nicht entscheidend vorangebracht.

Keiner ruft nach der FDP

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Die ernüchternde Bilanz zum traditionellen Dreikönigstreffen der FDP ist: Anders als die Grünen kann die FDP von der Krise der Volksparteien nicht profitieren. Die Menschen im Land sind der großen Koalition aus Union und SPD überdrüssig. Die FDP erreicht trotzdem bestenfalls ordentliche Ergebnisse. Kaum einer hat das Gefühl, sie werde gebraucht.

Lindner nervt es, das zu hören: Aber ohne jeden Zweifel ist bis heute sein Nein zu einer Jamaika-Koalition nach dem Jahr 2017 ein entscheidender Faktor für die ernüchternde Lage seiner Partei. Viele erwarten von der FDP, dass sie bereit ist, Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Die FDP ist eine Partei, die den Menschen und dem Land statt „German Angst“ Mut und Optimismus verschreiben will. In ihrer Geschichte standen immer wieder Personen an der Spitze, die viel riskiert haben, um dem Land Impulse zu geben. Das gilt sowohl für Walter Scheel mit dem sozialliberalen Bündnis als auch für Hans-Dietrich Genscher mit der Wende zur Union.

Kommt jetzt Schwarz-Grün?

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Lindner hat nicht den Optimismus aufgebracht, dass sich die zu erwartenden Reibereien in einer Jamaika-Regierung im Alltag bewältigen ließen. Vielleicht wählen die Menschen beim nächsten Mal lieber gleich Schwarz-Grün.

Die Mutlosigkeit Lindners hat leider große Teile der Partei befallen. Die FDP hat viele begabte junge Politiker, von der Generalsekretärin Linda Teuteberg über den Innenpolitiker Konstantin Kuhle bis hin zu Juli-Chefin Ria Schröder. Gerade für Teuteberg gilt aber: Mehr selbstbewusstes Auftreten gegenüber Lindner wäre angesagt. Wer eigene Akzente setzen will, muss sich Gehör verschaffen – da hat sie sich, auch in Stuttgart, zu wenig getraut.

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Wie wichtig eine personelle Verbreiterung wäre, hat sich im Umgang mit den Fridays-for-Future-Protesten gezeigt. Es ist toxisch für das Image der FDP gewesen, dass Lindner den Schülern entgegengehalten hat, Klimaschutz sei „eine Sache für Profis“. Lindner räumte den Fehler zu spät ein. Der Eindruck mangelnder Empathie für das Anliegen der jungen Menschen ist haften geblieben.

Die fehlende Inspiration

Die FDP ist zu uninspiriert. Alle starren darauf, was der Vorsitzende tut. Doch Lindners Initiativen beschränken sich bislang zu stark auf taktische Manöver. Vor der Thüringen-Wahl setzte er mit Blick auf die Wählerschaft im Osten darauf, die kritischen Töne zur Migrationspolitik lauter werden zu lassen. Jetzt versucht er angesichts der Krise in der SPD in deren Wählerreservoir zu fischen. Das geht strategisch in Ordnung. Es ist – wie die Abwerbung mehr oder weniger prominenter SPD-Mitglieder – auch eine nette PR-Idee, dass die FDP im Jahr 2020 einen Tag vor dem Tag der Arbeit vor die Betriebstore gehen und mit Arbeitnehmern reden will. Eine packende liberale Erzählung ist das alles aber noch lange nicht.

Wie lässt sich die individuelle Freiheit etwa mit der Notwendigkeit neuer Regeln in der Klimapolitik austarieren? Wie kann die Arbeitswelt in Zeiten der Digitalisierung zum Vorteil aller gestaltet werden? Das Land könnte von einer liberalen Antwort profitieren – aber nur, wenn die FDP in einer sich rasant verändernden Welt auch mal die eigene Komfortzone verlässt. Schlagworte wie „Lösungen statt Verbote“ reichen nicht. Die Liberalen müssen sich ehrlich damit auseinandersetzen, dass es neue Dilemmata im Umgang mit der individuellen Freiheit gibt.

Lindner ist das vielleicht größte politische Talent seiner Generation. Er muss mehr aus seinen Fähigkeiten machen. Die FDP fordert lautstark einen großen Wurf für das Land. In ihrem eigenen Denken bleibt sie zu klein.