Das Nährwertlogo: Kein Meilenstein – aber endlich ein Anfang

  • 90 Prozent aller Lebensmittel für Kinder enthalten zu viel Zucker, Salz und Fette.
  • Das Nährwertlogo würde Eltern eine Hilfestellung beim Kauf von Lebensmitteln geben.
  • Nun muss Klöckner Druck auf EU-Ebene machen, damit Konzerne das Logo auch abdrucken, meint Fabian Börger.
Fabian Boerger
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Berlin. Jetzt also doch: Erst sperrte sich die Bundesregierung gegen eine Kennzeichnung von ungesunden Lebensmitteln in Deutschland. Nun gibt Bundesministerin Julia Klöckner nach und präsentiert das neue Nährwertlogo Nutri-Score. Damit will sie nun endlich das umsetzen, was Verbraucherzentralen und Foodwatch schon seit Langem fordern. Und das ist auch gut so – vor allem für Kinder.

Denn immer öfter verstecken sich reine Zuckerbomben hinter gesund-vitalen Werbeslogans. So macht die Extraportion Milch bei der Milchschnitte nur einen Bruchteil des überwiegend zuckerhaltigen Snacks aus. Die Verbraucherorganisation Foodwatch spricht gar von 90 Prozent aller Lebensmittel und Getränke, die an Kinder vermarktet werden, die zu viel Fett, Salz und Zucker enthalten.

In dieser Hinsicht ist das Nährwertlogo ein Segen für alle Eltern, die nun auf den ersten Blick die Marketinglügen der Konzerne durchschauen. Und vielleicht stellen sie dann den Apfelsaft mit rotem Logo zurück ins Regal. Denn das wissen viele nicht: Der beliebte Saft enthält genauso viel Zucker wie Cola.

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Alarmierende Studie: Zuckerlimit für 2019 ist erreicht
1:14 min
Im Kampf für eine gesündere Ernährung haben Experten auch zu viel Zucker aus Süßspeisen und Getränken ins Visier genommen.  © dpa

Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail: Denn aufgrund des aktuellen EU-Rechts können Konzerne selbst entscheiden, ob sie die farbenfrohe Skala auf die Vorderseite der Verpackung drucken – oder eben nicht. Und damit droht eben doch alles beim Alten zu bleiben: Hersteller von Frühstücksflocken werben weiterhin mit „wichtigen Cerealien“ und täuschen über horrende Zuckeranteile hinweg. Kein Nährwertlogo, das sie nicht aufdrucken wollen, enttarnt sie. Schließlich ist das Abdrucken freiwillig.

Erfahrungen aus dem Nachbarland zeigen, dass sich freiwillige Beteiligung in der Wirtschaft wenig durchsetzen wird: In Frankreich gibt es das Nutri-Score-Modell bereits seit 2017 – und nur bei 25 Prozent der Produkte wird die Kennzeichnung verwendet. Eine enttäuschende Quote.

Lesen Sie hier: Klöckner legt sich fest: So soll das Nährwertlogo aussehen

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In Deutschland wird das wohl ähnlich sein. Und wirklich etwas ändern wird die Ministerin daran vorerst nicht. Kann sie auch nicht: Denn die EU-Verordnung sieht keine empfehlende Lebensmittelampel wie Nutri-Score vor. Das hat die Lebensmittellobby verhindert.

Es gilt nun sogar das Gegenteil: Weiter gehende verbindliche Vorschriften, die im EU-Recht nicht vorgesehen sind, sind den Mitgliedsstaaten ausdrücklich verboten. Angeblich sollen so Produkte aller EU-Staaten die gleichen Chancen auf dem europäischen Markt haben. Tatsächlich hat die Industrie mit allen Tricks auf Zeit gespielt, um die aufklärerischen Zucker- und Fettlabels möglichst lange zu verhindern.

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Verbände fordern daher eine Änderung der EU-Verordnung – zu Recht: Die Ernährungsministerin geht mit ihrer Initiative zwar einen Schritt in die richtige Richtung, doch bis sie den von ihr angekündigten „Meilenstein in der Ernährungspolitik“ gesetzt hat, muss sie sich nun auf europäischer Ebene dafür einzusetzen, dass die Verwendung des Nutri-Score europaweit zur Pflicht wird. Erst dann können Eltern darauf vertrauen, dass sie mithilfe des Nährwertlogos auch die gesünderen Produkte für ihre Kinder in ihren Einkaufskorb legen.

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