Das kleine Griechenland leistet Großes

  • Die Regierung in Athen hat es vorgeführt: Ein Land braucht kein hohes Pro-Kopf-Einkommen, um intelligent durch die Krise zu steuern.
  • Durch eine sehr frühe Reaktion auf das Virus hat Griechenland die Kurve abgebogen – und zählt nun prozentual viel weniger Opfer als andere.
  • Jetzt gibt es dafür ein dickes Lob von Yuval Noah Harari, einem Bestsellerautor und Popstar der modernen Philosophie.
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Eine bessere Griechenland-Werbung kann es nicht geben. Yuval Noah Harari, ein aus Israel stammender Historiker, Philosoph und Bestsellerautor mit riesiger Fangemeinde in den USA, hat das Elf-Millionen-Volk am Mittelmeer und seine Regierung soeben in den allerhöchsten Tönen gelobt.

“Griechenland hat bei der Eindämmung dieser Epidemie einen fantastischen Job gemacht”, sagte Harari in einem Interview des US-Fernsehsenders CBS. “Wenn ich zwischen Griechenland und den USA wählen müsste, wer von beiden die Welt politisch anführen sollte, würde ich definitiv Griechenland wählen.”

Die provozierenden Thesen dieses Popstars unter den Gegenwartsphilosophen hallten rund um die Erde – und lösten in Athen wohlige Vibrationen aus. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis bedankte sich prompt “im Namen des griechischen Volkes” auf Twitter bei Harari für dessen “freundliche Worte”.

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Doch es geht nicht allein um Freundlichkeiten. Harari brachte in dem amerikanischen Sender etwas zur Sprache, was auch quer durch Europa immer mehr Beobachter registrieren: Es gibt derzeit so etwas wie eine auffällige neue Unauffälligkeit Griechenlands.

Das Sorgenkind wird zum Vorbild

In diversen Finanzkrisen gingen die Griechen dem Rest Europas gelegentlich auf die Nerven. Durch die Viruskrise bewegen sie sich aber deutlich erfolgreicher als andere: Aus dem einstigen Sorgenkind ist ein Vorbild geworden. Anders als etwa die USA reagierte Griechenland sehr früh auf die Bedrohung – durch konsequentes Social Distancing. Anders als etwa Italien verzichtet Griechenland derzeit auf ein lautes Quengeln und Drängeln in Richtung Corona-Bonds. Andere Hilfen indessen, aus politisch unumstrittenen Töpfen, hat die Regierung Mitsotakis schon einkassiert, geräuschlos und effizient.

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Zum neuen Stil in Athen trägt nicht zuletzt der Premier selbst bei. Mitsotakis ist ein Konservativer – und ein Modernisierer zugleich. Anders als sein Amtsvorgänger von der Linkspartei, Alexis Tsipras, findet der Harvard-Absolvent Mitsotakis weniger Gefallen am Streit als an Lösungen. Zudem ist er jemand, der es wichtig findet, das als richtig Erkannte nicht nur zu tun, sondern es vor allem schnell zu tun.

Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis und Gesundheitsminister Vassilis Kikilias besuchen das Athener Krankenhaus Sotiria und übergeben eine Materiallieferung. © Quelle: imago images/ANE Edition
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  • Schon am 10. März, 13 Tage nach dem allerersten Einzelfall einer Coronavirus-Infektion, ordnete Mitsotakis die Schließung der Schulen an.
  • Nachdem am 12. März ein erster Todesfall registriert worden war, folgte bereits eine Woche später ein Lockdown – das Verbot “aller unnötigen Bewegungen durch die Öffentlichkeit".
  • Die laufende Kommunikation mit dem Volk überließ Mitsotakis einem Zivilschutzminister und einem Professor für Infektiologie, die beide jeden Tag im Fernsehen auftraten und offenbar eine hohe Glaubwürdigkeit ausstrahlten.

Griechenlands Zahlen sind beeindruckend

Das Ergebnis: Auf der Liste der Johns-Hopkins-Universität muss man lange scrollen, um überhaupt zu Griechenland vorzustoßen. Die Zahlen sind beeindruckend niedrig – auch wenn man sie ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung setzt.

  • Bis Freitagabend wurden in Griechenland 108 Corona-Tote gezählt. Das sind 0,001 Prozent der Bevölkerung (10,72 Millionen)
  • Das oft als Musterland gelobte Deutschland (4105 Corona-Tote bei 83,146 Millionen Einwohnern) kommt mit 0,005 Prozent auf einen etwas höheren und damit schlechteren Wert als Griechenland.
  • In den USA (33.325 Corona-Tote bei 328,239 Millionen Einwohnern) liegt die Quote bei 0,01 – das ist das Zehnfache des griechischen Werts.
  • Italiens Marke von 0,037 Prozent wiederum (22.170 Tote bei 60,317 Millionen Einwohnern) liegt um ein Vielfaches höher und deutet auf die dortige heillose Eskalation hin.

Besonders interessant wird es, wenn man eine weitere Rechnung hinzunimmt: Bruttoinlandsprodukt geteilt durch Einwohnerzahl. In den drei Vergleichsländern gibt es ein deutlich höheres Pro-Kopf-Einkommen (USA: 62.869 US-Dollar, Deutschland: 47.662, Italien: 34.321) als in Griechenland (20.317).

Fazit: Ein kluger Umgang mit der Viruskrise hängt nicht vom Pro-Kopf-Einkommen ab.

Einmal mehr lernt nun die Welt von der Weisheit der Griechen. Auch ein kleines Volk mit kleinem Einkommen kann durchaus Maßstäbe setzen. Mit dem griechischen Staatsmann Demosthenes (384–322 v. Chr.) könnte man hinzufügen: “Nicht alles Große ist gut, aber alles Gute ist groß.”

RND

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