Corona-Krise: Ärzteschaft fordert schnelleres Impfen

  • Vier Bundesländer haben Astrazeneca auch für unter 60-Jährige wieder freigegeben.
  • Die Hausärzte sind aber skeptisch.
  • Spätestens im Juni soll die Priorisierung gänzlich für alle Impfstoffe aufgehoben werden.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Vor dem Hintergrund der dramatisch steigenden Infektionszahlen ist eine Debatte um die Beschleunigung der Impfkampagne durch die Freigabe von Astrazeneca und die Aufhebung der Priorisierung beim Impfen ausgebrochen.

Die Länder Berlin, Sachsen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern gehen voran und haben den Impfstoff in Arztpraxen am Mittwoch für alle Altersgruppen freigegeben.

Eigentlich gilt in Deutschland seit dem 31. März, dass wegen sehr seltener Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) Astrazeneca in der Regel nur noch bei Menschen ab 60 Jahren eingesetzt wird. Unter 60-Jährige können sich „nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung“ weiter damit impfen lassen.

Anzeige

Bislang wurde davon aber nicht flächendeckend Gebrauch gemacht. Die Hausärzte selbst hatten sich wegen des hohen Beratungsaufwands und der Sorge vor möglichen Entschädigungsansprüchen zunächst dagegen ausgesprochen.

Anzeige

21,6 Prozent haben bereits die erste Impfung erhalten

Die Impfkampagne ist inzwischen in Schwung gekommen. 21,6 Prozent der Bevölkerung sind mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft, wie aus dem Impfquotenmonitoring des Robert Koch-Instituts (RKI) hervorgeht.

Anzeige

Eine Meldung der „Bild“-Zeitung unter Berufung auf das Kanzleramt, wonach bereits im Mai die Priorisierung aufgehoben werden soll und die Impfungen für alle Bevölkerungsgruppen, also auch für Junge und Gesunde, freigegeben werden können, wies Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstag zurück.

Der Minister, der nach den Erfahrungen der vergangenen Monate offensichtlich keine falschen Erwartungen mehr wecken will, sprach von Juni für eine Aufhebung der Priorisierung. Wenn es früher sein sollte, wäre er froh, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag im Bundesrat.

Klar aber ist, dass nach den laufenden Impfungen alter und chronisch kranker Menschen in den ersten zwei Prioritätsgruppen im Mai die dritte und letzte Prioritätsgruppe geöffnet werden soll. Dazu zählen 60- bis 70-Jährige, medizinisch vorbelastete Menschen, Polizei, Feuerwehr und Personal im Lebensmittelhandel. Im Mai sollen neben den Hausärzten auch Betriebsärzte impfen.

Die Pandemie und wir In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Astrazeneca wird sich als Impfstoff für Jüngere wohl nicht durchsetzen, wenn es nach den Hausärzten geht. „Den unter 60-Jährigen sollten wir in der Regel Astrazeneca nicht verimpfen“, sagte Ulf Zitterbart, Vorsitzender des Hausärzteverbands Thüringen und Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Hausärzteverbands, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Anzeige

Bei Astrazeneca müsse man ja zwischen dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs einer Covid-19-Erkrankung und den möglichen Impfnebenwirkungen abwägen. „Je jünger die Patienten sind, desto höher ist ihr Risiko für eine schwere Impfnebenwirkung und desto geringer ist ihr Risiko für den schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung“, argumentierte Zitterbart.

Die Bundesärztekammer fordert eine schnellere und effizientere Verimpfung der vorhandenen Dosen: „Es ist nicht hinnehmbar, dass in Deutschland mehr als fünf Millionen Impfdosen ungenutzt gelagert werden, während sich täglich Tausende Menschen neu mit Corona infizieren“, sagte Ärztepräsident Klaus Reinhardt dem RND.

Das Ziel müsse es sein, schnellstmöglich viele Menschen gegen das Virus zu immunisieren. „Dafür müssen die in den Impfzentren zurückgehaltenen Reserven für die Zweitimpfung so weit wie möglich aufgelöst werden. Das ist aufgrund der erwartbaren Liefermengen im zweiten Quartal vertretbar.“

Alle weiteren ungenutzten Impfdosen sollten so schnell wie möglich an die Arztpraxen weitergegeben werden, forderte Reinhardt. Dort blieben in der Regel keine Impfstoffe liegen, auch weil die Impfverordnung den Ärzten Spielraum bei der Umsetzung der Impfreihenfolge einräume. „Hilfreich sind auch digitale Nachrückerlisten, auf die sich Impfwillige eintragen können, um unverimpfte Dosen zu erhalten, bevor sie verfallen“, sagte der Ärztepräsident.

Dass einige Bundesländer bei der Abgabe von Astrazeneca an unter 60-jährige ganz auf die Impfpriorisierung verzichten wollten, könne man als Vertrauensbeweis an die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen werten. „Sie kennen ihre Patienten am besten und wissen, welche Risikogruppen vordringlich geschützt werden müssen. Ich hoffe sehr, dass wir bundesweit gänzlich auf Priorisierungen verzichten können, wenn, wie angekündigt, ab Ende Mai ausreichend Impfstoffe für alle Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung stehen.“

Anzeige

In dieser Abwägung rate er dazu, dass jüngere Menschen auf einen anderen Impfstoff warten. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis alle geimpft werden können.

Video
Weiterer Impfstoff: Deutschland will 30 Millionen Dosen Sputnik V erwerben
0:46 min
Deutschland will nach Angaben des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) 30 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V erwerben.  © dpa

Unterdessen hat Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) auf seiner Reise nach Moskau 30 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V reservieren lassen. Voraussetzung für einen Erwerb des Vakzins sei aber die Zulassung durch die Europäische Arzneimittelbehörde, betonte Kretschmer nach einem Gespräch mit dem russischen Gesundheitsminister Michail Muraschko.

Kretschmer äußerte die Hoffnung, dass dies im Mai gelingen kann. Dann sollen im Juni, Juli und August jeweils zehn Millionen Dosen dieses Impfstoffes gekauft werden.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen