Das Geschäft mit der Angst

  • Hat uns diese Pandemie ängstlich werden lassen?
  • Waren wir immer schon so?
  • So oder so: Es gibt Menschen, die das für sich zu nutzen wissen.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Angst ist ein mächtiges Gefühl. Das Wort selbst leitet sich aus dem griechischen Verb „agchein“ und dem lateinischen „angere“ ab. Beides bedeutet so viel wie „würgen“ oder „die Kehle zuschnüren“. Besonders übermannt uns diese Emotion, wenn wir uns „ausgeliefert“ fühlen. Die Pandemie fördert das auf eindrucksvolle Art und Weise zutage. Etwa wenn sich die eigene Großmutter mit dem tödlichen Virus infiziert, man sie nicht besuchen, ihr nur am Telefon beistehen kann. Aufzulegen erfüllt einen dann mit Angst. Es ist die Ungewissheit, ob man sie jemals wieder sprechen wird, die einen plagt.

Selbst die (hoffentlich) anstehende Rückkehr zur Normalität fühlt sich zurzeit fragil an. Eineinhalb Jahre Isolation haben unsere Gesellschaft gezeichnet. Experten sprechen vom sogenannten Cave-Syndrom (Höhlensyndrom). Einfach wieder rausgehen? Kontakt mit fremden Menschen haben? Für viele von uns ist das zurzeit noch schwierig.

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Wenn man in dieser unübersichtlichen Zeit einen roten Faden erkennen möchte, dann ist es Angst.

Dieses grauenvolle Gefühl macht einige von uns empfänglich für Desinformation. Verschwörungs­ideologinnen und -ideologen, rechte Demagogen und gewiefte Geschäftsleute wussten diesen Umstand in den vergangenen Monaten für sich zu nutzen. Sie verdienten mit Stimmungsmache teilweise gutes Geld. Das zeigt die Recherche meines Kollegen Felix Huesmann aus dem Hauptstadtbüro des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND). Zu den umstrittenen Gewinnern der Pandemie gehört unter anderem das vom Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ eingestufte „Compact-Magazin“. Das Blatt propagiert, dass Gesundheits­vorsorge gerade in Pandemie­zeiten nicht in den Händen des Staates liegen sollte. Natürlich bietet das Magazin eine Alternative: den Onlineshop des eigenen Gesellschafters.

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Zu kaufen gibt es dort ein Vollsortiment für Verschwörungs­gläubige und Medizingegnerinnen und -gegner, berichtet Huesmann. Algenpulver gegen Corona? Warum nicht? Das Motto scheint zu lauten: Hilft es nicht, schadet es nicht. Geld bringt es auf jeden Fall. Und auch Prominente agieren als Sprachrohre für krude Scheinmedizin. Die ehemalige „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman wirbt etwa für die Einnahme von Chloroxid. Das Desinfektions- und Bleichmittel wird von einigen Pseudo­medizinerinnen und ‑medizinern als angebliches Wunderheilmittel angepriesen. Gegen HIV, Autismus, Krebs oder Covid-19.

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Corona als „Virus der Armen“

Diese Mythen erinnern an die Anfänge einer anderen Pandemie, die bis heute wütet – ohne Heilmittel oder Impfung. Vor 40 Jahren tauchten die ersten Fälle der mysteriösen Krankheit Aids auf. Eine Spurensuche von RND-Reporterin Saskia Heinze in der Vergangenheit zeigt: Es gibt auffallend viele Ähnlichkeiten der damaligen Krise mit der heutigen Corona-Pandemie, Angst und Panik inklusive. Damals wie heute wurden Schuldige gesucht, Menschen diskriminiert. Der frühere US-Präsident Donald Trump sprach während seiner Amtszeit vom „China-Virus“, diffamierte damit Millionen. Bei der HIV-/Aids-Pandemie endete die Suche nach Sündenböcken häufig bei Homosexuellen. Bis heute hat vor allem der ärmere Teil der Weltbevölkerung mit beiden Krankheiten besonders zu kämpfen.

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„Ich befürchte, dass Corona weltweit zum Virus der Armen wird“, erklärt etwa die Sexual­wissenschaftlerin Franziska Hartung dem RND. Während es sich Deutschland leisten kann, die Impfpriorisierung am Montag aufzuheben, gleichen andere Länder wahren Impfwüsten. Mein Kollege Jörg Kallmeyer stellt in seinem Leitartikel die Frage: „Was nutzt eine Herdenimmunität in Europa, wenn das Virus ein paar Tausend Kilometer entfernt immer weiter mutiert, dann irgendwann als besonders gefährliche Variante bei uns auftaucht und den Impfschutz aushebelt?“ Hier heißt es nun gegensteuern und aus der Vergangenheit lernen. Deutschland will bis zum Jahresende 30 Millionen Impfdosen abgeben. Ein nötiger Hoffnungsschimmer.

Denn neue Virusvarianten würden nicht nur die Pandemie zurückbringen. Auch die Angst würde uns erneut heimsuchen.

Zitat des Tages

Der Papst wollte, dass dieser Brief veröffentlicht wird.

Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising

Die katholische Kirche sei an einem „toten“ Punkt angekommen, befindet der Münchner Kardinal Reinhard Marx in einem Brief an Papst Franziskus. Das systemische Versagen der vergangenen Jahrzehnte hätte den Weg für sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche geebnet. In seinem Schreiben bietet er deshalb seinen Rücktritt an. RND-Hauptstadt­korrespondent Markus Decker schreibt in seinem Kommentar: „Dies kommt nach vielen Vorbeben einem Erdbeben gleich. Nachbeben sind zu erwarten.“

Leseempfehlungen

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Wer in Corona-Zeiten reisen möchte, muss sehr viele Einreiseregeln, Corona-Maßnahmen und Einschränkungen am Urlaubsort beachten. Die „Sicher reisen“-App des Auswärtigen Amtes gibt einen Überblick zu den jeweiligen Corona-Regeln eines Landes, informiert über spontane Veränderungen im Urlaubsland per Pushnachricht und bietet Informationen bei Notfällen. Reisereporterin Brigitte Vetter erklärt, was sie sonst noch alles kann – und was nicht.

„Geiz ist geil“ war gestern. Plötzlich kommt die Werbung oftmals grün, langlebig und nachhaltig daher. Dazu werben einige Unternehmen offensiv mit Diversität. Aber meinen sie es damit auch wirklich ernst? Matthias Schwarzer hat sich einige Werbeversprechen und deren Umsetzung durch die Unternehmen genauer angeschaut und resümiert: Es gibt tatsächlich Positivbeispiele, aber keineswegs alle Konzerne können ihre Versprechen auch halten.

Aus unserem Netzwerk

In Hannover stirbt ein 30-Jähriger durch Schüsse auf ein fahrendes Auto in der Innenstadt. Am helllichten Tag. Am Donnerstagabend durchsuchen Spezialkräfte eine Wohnung in Langenhagen, doch vom mysteriösen Täter fehlt zunächst jede Spur. Am Freitag aber meldet sich der Anwalt des mutmaßlichen Todesschützen bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Er sagt, sein Mandant wolle sich stellen – sei aber dafür psychisch noch nicht in der Verfassung.

Termine des Tages

Mit dem Fahrrad gegen den Autobahnausbau: In zahlreichen Städten in ganz Deutschland sind heute Fahrraddemos geplant. Die Demonstrationen sind Teil des bundesweiten Protesttages „Verkehrswende jetzt – Autobahnausbau stoppen“.

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CDU in NRW stellt Landesliste auf: Die nordrhein-westfälische CDU will heute Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Armin Laschet auf Platz eins ihrer Landesliste für die Bundestagswahl wählen. Rund 250 Vertreterinnen und Vertreter des größten CDU-Landesverbandes kommen dafür erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie wieder zu einer Präsenzversammlung in Düsseldorf zusammen.

Halbfinale der Eishockey-WM: Bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Lettland steht Deutschland im Halbfinale. Gegner ist heute um 17.15 Uhr in Riga Titelverteidiger Finnland. Vier Stunden zuvor spielen die USA und Kanada den möglichen Finalgegner der Deutschen aus.

Was heute wichtig wird

In zehn deutschen Städten wird heute gegen Abschiebungen nach Afghanistan demonstriert. Die Menschenrechts­organisation Pro Asyl bezeichnet das Land als „Kriegs- und Krisengebiet“ und fordert einen sofortigen Abschiebestopp. Die nächste Sammelabschiebung ist für den 8. Juni geplant. © Quelle: Michael Kappeler/dpa

Der Podcast des Tages

Geyer & Niesmann besprechen mit Grimme-Preis-Trägerin Jana Merkel (MDR, „Fakt“) die angespannte Lage in Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl und wie es mit Reiner Haseloffs Kenia-Koalition lief; die Wählerbeschimpfung des Ostbeauftragten Marco Wanderwitz und ob die DDR schuld an den AfD-Erfolgen ist; die Benzinwut auf die Grünen und die Initiativbewerbung von Bundespräsident Steinmeier.

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Ihr Alexander Krenn

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