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Das Geschäft mit den Schnelltests: Willkommen in der Goldgrube

  • Die Testzentren sind für die Betreiber ein lukratives Geschäft.
  • Zugleich beklagen sie, dass langfristige Konzepte der Politik für das Testen fehlen.
  • Bei Kontrollen haben die Behörden zuletzt Dutzende Verstöße festgestellt – und zahlreiche Zentren geschlossen.
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Hannover. Zum Test geht es abwärts, vorbei an einem Plakat „Corona-Testcenter“, das das Graffito an der Wand dahinter nur zum Teil überdeckt. Unten ein karger, weißer Raum, ein Schalter am Eingang, mit Vorhängen abgetrennte Kammern, ein Stuhl darin. Am Ausgang steht eine Trinkgeldbox aus Papier, mit Filzstift beschrieben: „It is a dirty job but somebody gotta do it“ – „es ist ein schmutziger Job, aber jemand muss ihn machen.“

So unspektakulär sehen sie aus, die Goldgruben am Ende des zweiten Corona-Jahres.

Das Testzentrum an der Limmerstraße im hannoverschen Stadtteil Linden ist eines von gut 100, die das Unternehmen Covimedical, mit mehr als 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines der größten im Land, derzeit betreibt, zwischen Usedom und Schwarzwald, Juist und Freising. Bis zu 90.000 Menschen können sich hier pro Tag testen lassen, gibt Covimedical an – was es ermöglicht, den Maximalumsatz mit diesem Geschäftszweig relativ einfach zu berechnen: 11,50 Euro erstattet der Bund für jeden sogenannten Bürgertest. Macht, im Idealfall, mehr als eine Million Euro Umsatz. Pro Tag.

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Das wichtigste Mittel

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Es braucht als Grundausstattung nicht viel, um beim Millionengeschäft mit den Schnelltests mitzumachen. Es reichen ein paar Wellblechcontainer, ein leer stehender Laden oder, wie an der Limmerstraße, ein ungenutzter Keller unter einem alten Kino. Die Ausbildungszeit ist ebenfalls überschaubar: Sie beträgt zwei Stunden. So lange dauert die Schulung, gern auch online. Ist es so einfach?

Das möglichst breite Testen ist eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen die Pandemie. Das hat, nach einer kurzen Phase der Verirrung, datierbar auf die Zeit vom 11. Oktober bis zum 11. November, auch die Politik längst erkannt. Seitdem bezahlt der Bund die Schnelltests wieder. Zugleich sorgten die Länder mit 3G- und mehr noch mit den 2G-plus-Regeln, bei denen sich auch Geimpfte und Genesene testen lassen müssen, für einen zwischendurch kaum mehr erwarteten Boom und Bedarf. Covimedical zum Beispiel hat in den vergangenen Wochen einen Anstieg um 1000 Prozent registriert.

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Für die Bürgerinnen und Bürger sind Testpflicht und ‑zentren vor allem: eine Last. Termin machen. Oftmals trotzdem noch anstehen. Darauf vertrauen, dass der Mensch mit dem Spatel sein Handwerk beherrscht. Warten.

Für die Betreiber dagegen ist das Geschäft mit den Tests zunächst mal vor allem: eine große Verheißung. Rund 4,5 Milliarden Euro hat der Bund für die Bürgertests bislang überwiesen, das geht aus einer Aufstellung des Bundesamtes für Soziale Sicherung hervor.

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Hohe Zahl an PCR-Tests: Labore kommen an ihre Grenzen
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Geschäft und Zumutung

Zugleich ist dieses Geschäft eine Zumutung. Vor einem Jahr, zum Start, von der Politik freudigst begrüßt. Dann, nach einzelnen Betrugsfällen im Frühjahr, unter Generalverdacht gestellt. Im Oktober, mit dem Ende der Gratistests, faktisch um die Geschäftsgrundlage gebracht. Nur einen Monat später, nach einer der schnellsten Volten in der Pandemiepolitik, erwarten Politik und Bürgerinnen und Bürger, dass man zum Start von 2G-plus- und 3G-Modellen bitte wieder sofort in Kompaniestärke Abstrichspatel bei Fuß steht.

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Schon komisch, Herr Neumeier, oder? „Vor Ort setzt man auf uns und vertraut darauf, dass wir diese Kapazitäten aufbauen“, sagt er. „Aber von der Politik redet niemand mit uns.“

Christoph Neumeier, Gründer von Covimedical, ist 31 Jahre alt, zu Hause im hessischen Dillenburg. Bis zum Beginn des Jahres 2020 sah sein Berufsleben so aus: Auftritte bekannter DJs organisieren, Clubs buchen, Flüge organisieren. Seine Verbindung zum Medizinbetrieb bestand vor allem darin, dass seine Freundin Medizin studierte.

„Das Hin und Her geht auf Kosten der Qualität“: Christoph Neumeier, Gründer von Covimedical. © Quelle: Covimedical

Aber wenn man ihm zuhört, dann war das die beste Vorbereitung für eine Karriere als deutschlandweiter Testzentrums­betreiber. Spontan musste er sein. Improvisations­freudig. Und außerdem kannte er eine Menge Menschen in ganz Deutschland, die wegen der Pandemie um ihren Job gebracht waren.

Neumeier startete mit Freunden in fünf Städten, noch bevor der Bundesgesundheits­minister mit den kostenlosen Tests eine Art Sonderkonjunktur­programm auflegte. Sein eigenes Geschäftsfeld, Konzerte und Partynächte in Clubs und Hallen, Massenevents in engen Räumen, war der Inbegriff dessen, was das Virus nun unmöglich machte. Neumeier begann seine neue Karriere nun auf einem Feld, das ebendieses Sars-CoV-2 eröffnete. Zu Hochzeiten im Sommer betrieb er mehr als 200 Testzentren, davon 80 auf den Balearen. Neumeier testete für die Formel 1, im Legoland und im Europapark Rust. Und als der Bundespräsident zum Bürgerfest bat, testete er auch da. Mehr als 2000 Menschen gab Covimedical Arbeit.

Planung unmöglich

Mit seiner Firma legte er ein Wachstum hin, das ihm in anderen Zeiten wahrscheinlich alle verfügbaren Gründerpreise eingebracht hätte. Stattdessen folgte im Herbst der pandemiepolitisch begründete Tritt in den Allerwertesten: Dass jeder die Tests wieder selbst bezahlen sollte, leerte die Zentren. Neumeier blieb nichts anderes, als reihenweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Hause zu schicken, drei Viertel der Testzentren machte er dicht – um sie jetzt, wenn es denn geht, wieder zu öffnen.

Seine Arbeitstage seien „am Anschlag“, sagt er, auch wenn man ihm, den Nachtgestählten, die Erschöpfung nicht ansieht. Das Hin und Her der Regierung in Sachen Tests hält er für ebenso ärgerlich wie amateurhaft, es gehe „auf Kosten der Qualität. Dass man einfach den Knopf drückt und das bundesweit wieder aufgezogen wird, das ist nicht möglich“, schimpft er. „Es ist ein großes Problem, dass man das nicht mit einer Gesamtstrategie aufgezogen hat.“ Eine, die eine längerfristige Planung ermöglicht hätte. Dabei habe er schon im August anhand der Ergebnisse absehen können, dass das Impfen allein nicht dauerhaft schützt.

„Kann man damit reich werden? Nein“

Aber die hohen Summen sind eine angemessene Entschädigung? Neumeier verweist auf die Millionen von Tests, die sie auf Verdacht ordern müssen, um Engpässe zu vermeiden, wie sie gerade manche Betreiber plagen. Und auf Ärzte und Dokumentationen, die sie wegen der PCR-Tests und Auflagen ebenfalls bezahlen müssen.

„Kann man damit Geld verdienen? Ja“, sagt Neumeier. „Kann man damit reich werden? Nein“, beteuert er.

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Der zweifelhafte Ruf der Branche allerdings resultiert aus einer Zeit, als genau das möglich schien. Im Frühjahr erhielten die Betreiber 18 Euro für jeden Test erstattet – und mussten dabei nicht mal Kontrollen fürchten. Die Verordnung kam einer Einladung zum Betrug gleich: So soll allein ein Bochumer Unternehmen fast eine Million Tests zu viel abgerechnet haben, der Prozess hat gerade begonnen.

Als Konsequenz hat der Bund die Erstattung auf 11,50 Euro gekürzt und Kontrollen eingeführt: Die Gesundheitsämter sollen nun die Zen­tren selbst beaufsichtigen, die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) die Abrechnungen prüfen. Und sie werden fündig: So hat zum Beispiel das Münchner Gesundheitsreferat bislang bei 15 Betreibern mit insgesamt 40 Teststellen den Auftrag widerrufen, wie die Behörde auf Anfrage des RND erklärt. Drei Stellen haben die Kontrolleure geschlossen – wegen „schwerwiegender Hygieneverstöße“, „fehlerhafter Testanwendung“ oder auch, weil Ergebnisse rausgingen, bevor überhaupt der Test gemacht wurde.

Stuttgart hat allein in den vergangenen zwei Wochen vier von 16 kon­trollierten Teststationen dichtgemacht. Berlin meldet für den September 46 auffällige Abrechnungen, das Saarland zehn, Niedersachsen für den November 155. Längst nicht immer steckt offenbar böse Absicht dahinter. „Viele Betreiber haben erkennbar Mühe, überhaupt die Formulare korrekt auszufüllen“, sagt ein Insider aus einer Landes-KV.

Qualität als Glückssache

Für die Tübinger Ärztin, Pandemie­beauftragte und DRK-Präsidentin Lisa Federle sind das alles weitere Gründe, eine Reform des Testkonzepts anzumahnen. Sie gehört zu den Pionierinnen breiter Schnelltests hierzulande, mit dem Arztmobil hat sie diese auf Spendenbasis schon kostenlos angeboten, bevor dies bundesweit Programm wurde – die Grundlage des „Tübinger Modells“.

Viel zu testen sei wichtig und nötig, sagt sie noch immer – aber möglichst durch medizinisches Personal. „Es kann nicht sein, dass jeder Handwerker jetzt so was aufmacht“, sagt sie. Die Qualität sei oftmals Glückssache und nicht selten unprofessionell. Auch sei die Erstattung noch immer zu hoch und setze falsche Anreize: 8 Euro hält sie für ausreichend. „Es wird Zeit, dass man sich ganz schnell eine gute Strategie überlegt“, sagt sie – und ist sich in dem Punkt mit Covimedical-Gründer Christoph Neumeier einig.

„Das Testen wird uns noch lange erhalten bleiben“, prophezeit der – umso wichtiger sei es, die Zentren und ihre Betreiber nicht ständig neuen Unsicherheiten auszusetzen. Er selbst sieht sich ohnehin eher als Dienstleister jener Eventbranche, in der er sich selbst zu Hause fühlt. „Es wäre schön“, sagt er, „wenn wir mit unserer Tätigkeit dazu beitragen könnten, Öffnungen in anderen Bereichen wieder zu ermöglichen.“

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