Das Ende einer Ära: Merkels Dank von Herzen

  • Nach 16 Jahren im Amt ist Angela Merkel am Donnerstagabend mit einem Großen Zapfenstreich gewürdigt worden.
  • Sie ruft zur Verteidigung der Demokratie auf und dazu, die Welt auch mit den Augen des anderen zu sehen.
  • Zum Schluss nimmt sie sich eine Rose – und geht.
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Berlin. Nein, Angela Merkel kommen nicht die Tränen. Sie hat sich vermutlich extra kein Lied für den Großen Zapfenstreich zu ihren Ehren ausgesucht, bei dem sie die Fassung verlieren könnte. Sie will auch nicht so viel Aufhebens machen um ihren Abschied. Sie ist froh, nach 16 harten Amtsjahren jetzt wirklich gehen zu können. Aber ergriffen wirkt die 67-Jährige am Donnerstagabend bei der höchsten Würdigung, die die deutschen Streitkräfte einer Zivilperson erweisen, im Berliner Bendler-Block doch.

Und zwar nicht, als das Stabsmusikkorps der Bundeswehr im Schein der Fackelträger ihre Wunschlieder „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen, Hildegard Knefs Chanson „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ und das Kirchenlied „Großer Gott, wir loben Dich“ spielen.

Es war vielmehr der Moment, als Oberstleutnant Kai Beinke vor Merkel steht und seinen Soldaten das Kommando gibt: „Helm ab zum Gebet“. Da steht die Kanzlerin zwischen riesigen roten Rosensträußen und ob der Kälte im schwarzen Mantel und mit schwarzen Handschuhen und schaut immer wieder gen Boden.

Und wer auch immer sich das ausgedacht hat (die Bundeswehr sagt, sie sei es nicht gewesen), es dürfte Merkel gerührt haben: Zu Beginn der Zeremonie gibt es ein Feuerwerk im Hintergrund und gegen Ende läuten Kirchenglocken. Es ist ein feierlicher Abend. Das Ende einer Ära.

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Großer Zapfenstreich: Abschied für Angela Merkel
3:03 min
Beim Großen Zapfenstreich handelt es sich um die formelle Verabschiedung der Bundeswehr von der Kanzlerin.  © Reuters

Demut für das Amt

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Merkel ruft in ihrer siebenminütigen Rede ein letztes Mal als Bundeskanzlerin dazu auf, die Demokratie gegen Hass, Gewalt und Falschinformationen zu verteidigen. Es müsse überall dort Widerspruch geben, wo wissenschaftliche Erkenntnis geleugnet und Verschwörungstheorien und Hetze verbreitet würden. sagt die Wissenschaftlerin. „Unsere Demokratie lebt auch davon, dass überall da, wo Hass und Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen erachtet werden, unsere Toleranz als Demokratinnen und Demokraten ihre Grenze finden muss.“ Die Demokratie lebe auch von Vertrauen in Fakten. Das müsse verteidigt werden.

Merkel sagt, sie empfinde vor allem Demut für das Amt, das sie so lange habe ausüben dürften und Dankbarkeit für das Vertrauen, das sie erfahren habe. „Vertrauen, dessen war ich mir immer bewusst, ist das wichtigste Kapital in der Politik. Es ist alles andere als selbstverständlich und dafür danke ich von ganzem Herzen.“ Es seien herausfordernde 16 Jahre gewesen. Politisch und menschlich. Sie hätten sie aber immer auch erfüllt.

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Sie ruft noch dazu auf, „die Welt immer auch mit den Augen des anderen zu sehen“ – auch die unbequemen Perspektiven des Gegenübers.

Unter den Gästen ist auch ihr designierter Nachfolger Olaf Scholz (SPD). Ihm und seiner Ampel-Regierung wünscht Merkel „alles, alles Gute und eine glückliche Hand und viel Erfolg“. Nun müssten sie Antworten finden. Sie sei überzeugt, dass die Zukunft gut gestalten werden könne, „wenn wir uns nicht mit Missmut, Missgunst und Pessimismus, sondern mit Fröhlichkeit im Herzen an die Arbeit machen“. So jedenfalls habe sie es immer für sich gehalten in der DDR und erst recht „unter den Bedingungen der Freiheit“.

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Merkel wirkt gelöst, sie strahlt

Dieser besondere Tag für Merkel verläuft bis zum Abend wie immer: in hoher Schlagzahl politischer Ereignisse. Nur wenige Stunden zuvor gab sie ihre letzte Pressekonferenz nach einer Ministerpräsidentenkonferenz. Warum sie Nina Hagen, die darüber selbst völlig überrascht war, ausgewählt habe, wird Merkel gefragt. Das Lied sei ein „Highlight“ ihrer Jugend gewesen, die ja bekanntermaßen in der DDR stattgefunden habe, sagt sie.

Darin wird auch der Sanddorn am Strand von Hiddensee besungen und so spielt es außerdem in ihrem früheren Wahlkreis. „Insofern passt alles zusammen.“ Es ist so ein typisch nüchternen Satz von Merkel. Ohne Pathos. Ohne Tamtam. Nicht einmal an einem so großen Tag.

Die Knef sang: „Mit 16, sagte ich still / Ich will, will alles oder nichts / (…) / Und heute, sage ich still / Ich sollt mich fügen, begnügen / Ich kann mich nicht fügen / Kann mich nicht begnügen / Will immer noch siegen, will alles, oder nichts.“ Und dann der Schluss: „Für mich soll‘s rote Rosen regnen / Mir sollten ganz neue Wunder begegnen / Mich fern vom Alten neu entfalten / Von dem, was erwartet, das meiste halten / Ich will, ich will“. Das Lied passt dann doch sehr gut zu Merkel. Sich vom Alten entfalten – das wird sie jetzt angehen.

Als die Soldaten mit ihren Fackeln an ihr vorbei gezogen sind und die Limousinen vorfahren, um Merkel abzuholen, schaut sie noch einmal zur Tribüne, wo die Gäste sitzen. Sie erheben sich von ihren Plätzen und applaudieren. Merkel wirkt gelöst. Sie strahlt. Zum Schluss gibt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ihr eine Rose aus dem Strauß - und umgekehrt. Die beiden Frauen hatten es politisch nicht leicht miteinander. Merkel geht mit der Rose in der Hand.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung haben wir die Szene der Rosenübergabe versehentlich falsch dargestellt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen

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