Das Auf und Ab mit der Hoffnung

  • Das Hin und Her um Astrazeneca hat Spuren hinterlassen und das Vertrauen in den Impfstoff beschädigt.
  • Oder doch nicht? Bilder aus NRW und MV zeigen, dass viele Menschen über 60 freiwillige Impftermine mit ebendiesem Vakzin wahrnehmen.
  • Eine neue Gesellschafts­studie der Bertelsmann Stiftung trübt allerdings die Hoffnung.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

aus Marketingsicht dürfte das Jahr 2021 für den britisch-schwedischen Impfstoffhersteller Astrazeneca bislang der reinste Albtraum gewesen sein. Erst sollten die Älteren von dem Impfstoff Abstand nehmen, dann setzten zahlreiche Länder die Impfungen nach Berichten über schwere Nebenwirkungen ganz aus. Und obwohl die Europäische Arzneimittel­-Agentur (EMA) das Vakzin zwischenzeitlich wieder freigab, sorgten vergangene Woche erneute Berichte über Nebenwirkungen für eine weitere Pause. Und schließlich das Urteil: Nunmehr sollen Jüngere auf den Impfstoff verzichten.

Und das ist nur der objektive Teil der Geschichte. Söders „wer sich traut“ und Seehofers „ich lasse mich nicht bevormunden“ dürften dem Image des Vakzins in Deutschland weiter geschadet haben.

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Die allgemeine Befürchtung: Jetzt will keiner mehr diesen Impfstoff. Da können Experten noch so sehr betonen, dass er sehr wirksam ist oder dass die Chance auf schwere Nebenwirkungen so viel geringer sei als etwa bei der Pille oder gar bei Viagra. Mit dieser Einschätzung ging Deutschland zumindest ins Osterwochenende.

Aber womöglich lagen wir alle daneben.

Am Ostersamstag waren in Nordrhein-Westfalen die Terminbuchungs­systeme für über 60-Jährige, die sich mit dem Astrazeneca-Vakzin impfen lassen wollten, freigeschaltet worden. Rund 400.000 Termine standen zur Verfügung, die Website verzeichnete allein am Samstag gut eine Million Zugriffe. Am Ostersonntag waren alle Termine vergeben.

Ein Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern geht noch einen anderen Weg. In Nordwest­mecklenburg öffneten Impfzentren am Ostermontag für Impfwillige ohne Termin. Auch hier waren übrig gebliebene Astrazeneca-Dosen im Angebot. Die ersten Interessierten waren schon zwei Stunden vor Öffnung des Zentrums in Wismar da. Um 8 Uhr morgens war die Schlange bereits Hunderte Meter lang.

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Der Ansturm auf die herbeigesehnte Impfung war so groß, dass die Organisatoren sich kurzerhand dazu entschlossen, die Aktion bis in den Abend zu verlängern. Mehr als 800 Menschen erhielten so ihre Erstimpfung.

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Spahn: „Bis Mai ist jeder Fünfte geimpft“
2:10 min
Bundesgesundheits­minister Jens Spahn machte am Ostermontag auch die Gleichbehandlung von vollständig Geimpften mit Getesteten deutlich.  © Reuters
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Vielleicht waren die Sorgen, dass sich nun niemand mehr mit den zahlreichen Astrazeneca-Impfdosen vakzinieren lassen wolle, also doch unbegründet. Das Osterwochenende lässt die Hoffnungen zumindest wachsen.

Düsterer Blick in die Zukunft

Doch was an einer Stelle Hoffnung entfacht, lässt diese an anderer wieder verpuffen. Der Lockdown zerrt schon lange an den Nerven der Menschen. Dass das nicht nur ein Gefühl ist, zeigt die Studie „Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Pandemie“ der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Infas-Institut.

Obwohl die Pandemie anfangs noch positive Effekte auf das Miteinander hatte, macht sich seit Beginn des zweiten Lockdowns Ernüchterung breit. Der Zusammenhalt sinkt, das Vertrauen in die Mitmenschen schwindet und das Zukunftsbild der Gesellschaft verdüstert sich – so die alarmierende Bilanz der Forscher.

Allen voran betrifft das Menschen, die sich in einer prekären Lebenslage befinden. So stimmte im Dezember 2020 die Hälfte der Befragten dieser Personengruppe der Aussage „Ich mache mir große Sorgen um meine Zukunft“ zu. Noch düsterer sieht es in der Gruppe der jungen Leute bis 29 Jahre aus: Zwei Drittel der Befragten haben Zukunftssorgen – viele zeigen deutliche Anzeichen von Depressionen.

Immerhin: Das Vertrauen in die Regierung und die Demokratie ist insgesamt gestiegen. Und das versprüht letztendlich doch wieder ein Fünkchen Hoffnung.

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Zitat des Tages

Wenn wir jetzt unsere Strategie wechseln und auf möglichst viele Erstimpfungen ausrichten, wird kein vierter Lockdown mehr nötig sein.

Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte

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