„Da läuft was aus dem Ruder“

Die Verbreitung judenfeindlichen Gedankenguts hat quantitativ ein Ausmaß erreicht, das es niemals zuvor gab. Im Vergleich von zehn Jahren hat sich die Zahl antisemitischer Online-Kommentare seit 2007 verdreifacht, ergab eine Studie der TU Berlin. Und die Texte werden immer radikaler.

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Berlin. Yorai Feinberg (38) hat sich die Mühe gemacht, den Dreck allein eines Internet-Trolls zusammenzufegen. Zusammengekommen sind 57 dicht beschriebene DIN A4-Seiten voller Beschimpfungen, Hetze und Hass gegen den aus Jerusalem stammenden Besitzer eines israelischen Restaurants gleich hinterm Berliner KaDeWe. Feinberg ist Jude und allein aus diesem Grund Ziel antisemitischen Hasses im Netz. "Dreckige Ratte" oder "Judensau" sind noch die vornehmsten Verbal-Angriffe.

Die Dämme sind gebrochen, nachdem der Gastwirt Ende vergangenen Jahres ein Video ins Netz hochgeladen hatte, das zeigt wie ihn ein Passant vor dem Restaurant auf das unflätigste beschimpfte. Feinberg warnt: „Das läuft aus dem Ruder.“

Krebsgeschwür in digitaler Kommunikationswelt

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Davor glaubt auch die Sprach- und Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin. Mit einem Team hat sie über Jahre hinweg in mehr als 300.000 Texten, Kommentaren und Emails die Artikulation, Verbreitung und Manifestation von Judenhass in den sozialen Medien untersucht. Ihr Fazit ist ernüchternd: Antisemitismus zieht sich quantitativ wie ein Krebsgeschwür durch die digitale Kommunikationswelt – die Zahl entsprechender Online-Kommentare hätte sich seit 2007 verdreifacht.

Außerdem sei der Antisemitismus von heute radikaler als jemals zuvor und ergreift zunehmend linke und mittig positionierte Bildungsbürger. Seit 2009 hätten sich NS-Vergleiche, Gewaltfantasien und drastische, Juden dämonisierende und das Menschsein absprechende Zuschreibungen verdoppelt. „Jahrzehnte nach der Holocaust-Aufklärung hat sich nichts zum Besseren verändert“, konstatiert Schwarz-Zwiesel. „Der durch Flüchtlinge importierte Antisemitismus ist nicht das Hauptproblem, das wir in Deutschland haben.“

Israel-bezogener Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft

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Typisch sei heute der Israel-bezogene Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft, hat das Forscherteam in der Studie ermittelt. Zum Beispiel werde von jüdischen statt israelischen Siedlungen gesprochen. Israel stehe für den ewigen Juden und damit verbundene Stereotypen wie Fremde, Wucherer, Gier, Teufel, Verräter. Juden würden häufiger in den sozialen Netzwerken, in den Kommentarbereichen der Online-Qualitätsmedien oder in E-Mails als „Krebs“, „Unrat“ oder „Pest“ bezeichnet, die das „größte Elend der Menschheit sind“.

Schwarz-Zwiesel führt dies darauf zurück, dass israelbezogenem Judenhass nach dem Motto, das dürfe man ja wohl mal sagen, kaum Widerstand in Justiz oder Zivilgesellschaft entgegenschlägt. „Ich sehe die oft geäußerte Härte und Entschiedenheit, gegen Antisemitismus vorzugehen, in der Gesellschaft nicht.“ Als Beispiel nannte sie deutlich antisemitische Rap-Texte, denen „Kunst- und Meinungsfreiheit“ attestiert würden.

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In mehreren deutschen Staedten fanden im April Solidaritätsaktionen für jüdische Mitbürger statt. Hier: „Berlin trägt Kippa".

Radikale Judenhasser infiltrieren jenseits ihrer Blogs eigentlich völlig unverfängliche Foren. So stehe seit 2011 ungelöscht auf dem Portal „gutefrage.net“ die Frage „Wieso sind Juden immer so böse?“ Selbst über Twitter, Instagram oder Facebook verbreitete Aufrufe, gegen Judenhass zu demonstrieren, würden „innerhalb weniger Stunden infiltriert durch Text mit zahlreichen Antisemitismen und Abwehrreaktionen“, sagte Schwarz-Friesel. Zu finden seien antisemitische Stereotype und judenfeindliche Verschwörungsfantasien praktisch auf allen Portalen wie Facebook, Twitter, YouTube, Online-Buchläden, Kommentarbereichen der Online-Nachrichtenseiten einschließlich Fanforen oder Verbraucher-, Ratgeber- und Spaßportalen. Alarmierend: Mit 70 Prozent ist Hass die am häufigsten verwendete Emotion bei den Verfassern.

Die Ergebnisse decken sich mit Erfahrungen der Recherche- und In­for­ma­tion­sstelle An­ti­semitismus Berlin (RIAS). „Die Hemmschwelle, sich antisemitisch zu äußern, sinkt weiter. Viele führen sich animiert durch den Zuspruch rechtspopulistischer Positionen im Netz und in der Offline-Welt“, so RIAS-Mitarbeiter Daniel Poensgen. „Der Israelbezogene Antisemitismus bildet sogar eine Brücke zwischen Milieus, die ansonsten nicht so viel gemein haben. Man kann dies gut bei antiisraelischen Versammlungen oder Demonstrationen beobachten, wo sich linksradikale Kleingruppen und nationalistische oder islamistische Anhänger treffen.“

„Letztlich geht es hierbei immer um Menschen“

Der Beauftragte gegen Antisemitismus der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Sigmount Königsberg, erinnert daran, dass es letztlich auch bei Beschimpfungen in der digitalen Welt um Menschen ginge. Letztlich griffen Hetze und Hass, wie auch das Forschungsteam der TU Berlin feststellt, in die reale Welt über und äußerten sich in übelsten Beschimpfungen und Tätlichkeiten.

„Vor allem Kinder und Jugendliche werden durch die zunehmende Radikalisierung traumatisiert und suchen zuerst die Schuld bei sich“, sagt Königsberg. „Zwei Drittel der mir gemeldeten antisemitischen Vorfälle betreffen Kinder und Jugendliche. Viele verlassen deshalb staatliche Schulen. Wenn aber immer weniger jüdische Kinder auf staatlichen Schulen sind, werden sich die Altersgenossen immer fremder. Das ist ein Teufelskreis.“

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Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sieht sich durch die Studie in seinem Empfinden bestätigt. "Übelste antisemitische Hetze wird als vermeintlich harmlose Kritik an Israel verbrämt. Wenn das dann noch mit einem Ausdruck moralischer Überlegenheit gekoppelt wird, finde ich es wirklich abstoßend", so Schuster im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Er meint, dass die sozialen Netzwerke konsequenter gegen Antisemitismus vorgehen müssten. „Daneben ist es eine Aufgabe der Bildung und Erziehung zu verdeutlichen, warum bestimmte Grenzen auch im scheinbar anonymen Netz gewahrt werden müssen. Hetze im Internet kann jeden treffen. Daher sollte jeder ein Interesse daran haben, Toleranz und Respekt zu den Grundwerten der Kommunikation zu machen, egal, wo sie stattfindet.“

Yorai Feinberg lässt sich durch die Online-Tiraden nicht einschüchtern. „Ich bin in Jerusalem aufgewachsen, das ist härter.“ Vor seinem Restaurant fährt jedoch in regelmäßigen Abständen die Berliner Polizei Streife. Machen sich seine Eltern in Israel Sorgen um ihn? „Nein. Sie sind offline. Sie wissen von alldem nichts.“

Von Thoralf Cleven

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