Cuomo: Mit Macht und Mitgefühl gegen Corona

  • Plötzlich mögen sogar Linksliberale den Gouverneur des Staates New York.
  • In seinem Kampf gegen Corona bringt er eine ganze Stadt auf seine Seite.
  • Manche sehen in ihm sogar den besseren Herausforderer von Präsident Trump.
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New York. Rebecca Fishbein ist eine typische New Yorker Linksliberale. Sie wohnt im Boheme-Stadtviertel Williamsburg, sie ist Anhängerin von Bernie Sanders, sie schreibt für das feministische Nachrichtenportal „Jezebel“, und bei der jüngsten Gouverneurswahl hat sie selbstverständlich für die links-progressive Außenseiterin und frühere „Sex and the City“-Schauspielerin Cyn­thia Nixon gestimmt.

Für Leute wie Fishbein war Andrew Cuomo stets ein Feindbild. Der Gouverneur des Staates New York ist zwar Demokrat und hat linke Positionen wie Obdachlosenhilfe und die Homo-Ehe vertreten, doch er steht auch für das alte politische Establishment wie sonst kaum jemand im Staat. Cuomo klüngelt mit der Businesselite von New York, er befriedet die Republikaner im Staatsparlament und er hat den Ruf, ein skrupelloser Machtmensch zu sein. Zuletzt stand er in der Kritik, weil er Medicaid, die staatliche Krankenversicherung für Rentner, zusammengestrichen hatte.

Doch seit Fishbein wegen des Coronavirus in ihre Wohnung eingesperrt ist, freut sie sich nur noch auf zwei Dinge am Tag: ihre Joggingrunde und das tägliche Pressebriefing von Cuomo. “Ich lache über seine kleinen Witze. Ich streiche mir durch die Haare, wenn er über neue Testcenter spricht. Ich habe mir mindestens 20-mal die Interviews mit seinem Bruder, dem TV-Moderator Chris Cuomo, angeschaut, in denen sie liebevoll über ihre Mutter reden. Ich glaube, ich habe mich verknallt.”

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Der Gouverneur als Macher: Andrew M. Cuomo (links) probiert ein Sprühgerät mit Desinfektionsmittel aus, das Teil eines dreistufigen Desinfektionsprozesses eines New Yorker U-Bahn-Waggons ist. © Quelle: Kevin P. Coughlin/Office of Gove

Cuomos Corona-Briefings als nationaler Quotenhit

Millionen von Amerikanern geht es zurzeit ähnlich. In einer Zeit, in der die täglichen Pressekonferenzen aus dem Weißen Haus mit ihren widersprüchlichen Botschaften und ihrem unverblümt vorgetragenen Zynismus nur Verunsicherung und Angst säen, sind die Briefings von Cuomo zum nationalen Quotenhit geworden.

Der Gouverneur des Staates, der sich zum Krisenherd Nummer eins der Pandemie entwickelt hat, strahlt all das aus, was Präsident Donald Trump vermissen lässt. Cuomo macht seinen Landsleuten nichts vor, er beschönigt nichts, dramatisiert aber auch nichts. Der väterliche Italoamerikaner ist besorgt und engagiert, aber gelassen. Und vor allem vermittelt er Mitgefühl.

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So rief er etwa Rebecca Fishbein an, nachdem er ihre Kolumne gelesen hatte, und sprach mit ihr darüber, wie hart es sein muss, als Single die Quarantäne durchzustehen. Er versicherte den älteren New Yorkern, dass in seinem Staat kein einziges Leben zum Wohle der Wall Street geopfert werde. Wenn Reporter darauf verweisen, dass “nur” noch rund 250 New Yorker pro Tag sterben, erinnert er sie daran, dass jeder dieser 250 Menschen ein Bruder, eine Schwester, ein Vater oder eine Ehefrau waren.

Fehde mit Donald Trump

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Und Cuomo hat gezeigt, dass er sich nicht scheut, sich mit Washington anzulegen, wenn es darum geht, New Yorker Krankenhäusern die dringend benötigten Materialien zu sichern. So ist seine Fehde mit Trump um die Beatmungsgeräte der nationalen Katastrophenbehörde Fema zur Legende geworden. Cuomo hat offengelegt, dass die Bundesregierung 30.000 solcher Geräte bunkert und damit in New York und anderswo Leben gefährdet.

Dabei hat Cuomo einen Tonfall gefunden, auf den Trump hört. Er hält zwar nicht hinter dem Berg, wenn er etwa von dem Wahnsinn in Washington spricht, den öffentlichen Betrieb so schnell wie möglich wieder aufnehmen zu wollen. Trumps Entschluss, einen bundesweiten Leitfaden für das Verhalten in Corona-Zeiten zum 1. Mai auslaufen zu lassen, hat er einen eng gestrickten Stufenplan für die Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens entgegengesetzt. Dabei orientiert er sich an den Empfehlungen der Centers for Disease Control.

Doch Cuomo kritisiert den Präsidenten nie persönlich und hält damit die Leitung ins Weiße Haus offen. Erst vor rund zwei Wochen traf er sich direkt mit Trump und brachte ihn dazu, den Beitrag der Staaten zum nationalen Katastrophenschutz auszusetzen. Trump hat zudem ein Krankenhausschiff nach New York geschickt und ein Kongresszentrum mit 2500 Betten ausgestattet.

In dieser schwierigen Lage kommt Cuomo, Spross einer politischen Dynastie, sein lebenslanges Training in Diplomatie und politischem Taktieren zugute. In Washington war er unter Bill Clinton Minister für Wohnungsbau und Städteplanung. In der Funktion erarbeitete er das erste nationale Programm zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit überhaupt.

Cuomo for President?

Jetzt, in der Krise, scheint die Mischung aus Mitgefühl und Härte, die Cuomo ausmacht, genau das richtige Mittel zu sein. Deshalb wurden in den vergangenen Wochen auch jene Stimmen immer lauter, die fordern, er solle verspätet in den Präsidentschaftswahlkampf einsteigen. Cuomo erscheint derzeit genau der starke Mann zu sein, den die demokratische Partei braucht, um Trump herauszufordern.

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Cuomo selbst hat das mehrfach kategorisch ausgeschlossen. “Ich kenne Washington. Ich will da nicht mehr hin”, sagt er. Und auch, wenn er technisch gesehen immer noch zum Spitzenkandidaten der Demokraten aufsteigen kann, ist es höchst unwahrscheinlich, dass er bis zum Wahlparteitag noch ausreichend Delegiertenstimmen sammeln kann.

Dennoch ist Cuomo durch die Corona-Krise zu einer Macht auf der politischen Bühne Amerikas geworden. Erst einmal hat er jedoch noch einen Job zu erledigen. Er muss seinen Staat und die Stadt New York durch eine der härtesten Prüfungen ihrer Geschichte steuern. Und im Gegensatz zum Präsidenten weiß Cuomo, dass die Krise gerade erst angefangen hat. “Es ist ein Krieg, und wir haben gerade erst die erste Schlacht geschlagen.”

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