Die Seuche Angst: Wie Corona Deutschland verändert

  • Furcht ist ein mächtiges Gefühl. Und die Apokalypse hat immer Konjunktur.
  • Die Angst vor dem unbekannten Coronavirus hat tiefe historische Wurzeln.
  • Szenen aus einem verunsicherten Land.
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Sie werden auf Autogramme verzichten müssen. Keine Fotos, keine Selfies mit Robert Lewandowski, Manuel Neuer oder Serge Gnabry. Die Mediziner des FC Bayern München haben ihren Stars empfohlen, besser auf Distanz zu gehen. Man weiß ja nie. “Wir bitten um das Verständnis unserer Fans”, schreibt der Verein.

83.795 bestätigte Coronafälle gab es am Freitagabend weltweit. Davon 79.000 in China. 650 in Italien. 53 in Deutschland. 50 Länder der Erde sind betroffen. Der Genfer Autosalon: abgesagt. Das Erzbistum Paderborn rät zum Verzicht auf Weihwasser.

Hamsterkäufe – ein Wort wie aus einem Weltkrieg

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Und plötzlich ist sie da. Die Angst. Sie kriecht in die Köpfe. Sie lässt sich nicht mehr abschütteln. Diese bisher abstrakte und geografisch weit entfernte Gefahr mit dem schönen Namen Corona ist im deutschen Alltag angekommen. Ein Land in Besorgnis. Der Bundesgesundheitsminister nimmt Worte wie “Epidemie" in den Mund. Das klingt beunruhigend. Als wisse er mehr. Wie damals, als Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärte: “Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.” Als könnten auch hierzulande diese Bilder drohen, die niemand sehen will: zugemauerte Ausfallstraßen, abgeriegelte Städte, leere Straßen, angstvolle Augen über Atemschutzmasken, Fieberthermometer an Flughäfen, Soldaten in Schutzanzügen, Millionen eingekesselte Bewohner. Menschen basteln sich Atemmasken aus Babywindeln und BH-Körbchen. Es kommt zu Hamsterkäufen. Hamsterkäufe. Ein Wort wie aus einem Weltkrieg.

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Ein Aldi-Markt in Dortmund am Freitag. Martin Brameyer, 41-jähriger Informatiker, will einkaufen. Er möchte backen, aber daraus wird nichts. Die Regale mit den Grundnahrungsmitteln sind leer. Keine Nudeln, kein Mehl, kein Reis, keine Kartoffeln. “Die Leute drehen durch”, sagt er. In Erkelenz in Nordrhein-Westfalen, Heimatort eines infiziertes Ehepaares, sind in einem Aldi-Markt ebenfalls viele Regale leer.

Plötzlich fühlt sich die ferne Bedrohung ganz nah an: Ein Bild des Coronavirus Covid-19 im Rahmen einer Pressekonferenz in Basel in der Schweiz. © Quelle: Georgios Kefalas/KEYSTONE/dpa
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Angst ist eine mächtige Emotion. Viel stärker als Vernunft. Ihre evolutionäre Kraft besteht darin, für Gefahren gewappnet zu sein. Der Blick verengt sich. Hören und Sehen sind geschärft. Die Muskeln sind angespannt. Der Organismus macht sich bereit. “Fight or Flight”. Kämpfen oder Fliehen. Der Tausende Jahre alte Schutzmechanismus hilft beim Überleben. Doch die Natur hat diese Alarmanlage sehr empfindlich eingestellt. Fehlalarme sind häufig. Und zu viel Angst lähmt. Körperlich und emotional. Bei Seuchen hilft Angst nicht weiter. Im Gegenteil: Sie wird selbst zur Seuche.

Am Münchner Hauptbahnhof steht Wolfgang Hauner von der Bundespolizei. Von hier sind es 280 Kilometer nach Bozen in Südtirol und knapp 500 nach Mailand. Die italienischen Risikogebiete sind also nah. Hauner erklärt, wie man mit einem “begründeten Verdachtsfall” in einem Zug umgehen würde: Die Beamten nehmen Kontakt mit einem Ansprechpartner im Zug auf und schicken einen Notarzt an das entsprechende Gleis. Der kann noch vor Ort einen Schnelltest machen. Bei einem positiven Ergebnis würde der Patient ins Klinikum Schwabing gebracht werden. In Zukunft sollen alle Reisenden, die per Bahn aus Norditalien kommen, beim Verlassen des Zuges eine “Aussteigerkarte” mit Kontaktdaten und Aufenthaltsort ausfüllen. Das hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) angekündigt.

Die Seuche Angst sickert in die Lücken, die das Wissen lässt. Und auch sie ist hoch ansteckend. Je größer die Unsicherheit, desto größer die Angst. Und umgekehrt. Es ist ein Teufelskreis der Emotionen. Die Ratio weiß, dass Panik unangebracht ist. Aber was hilft das? Man weiß ja noch nicht einmal, wie man diesen Erreger denn nun genau nennen soll: Corona? Sars-CoV-2? Covid-19?

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Viel Raum für eigene Ängste

Die Coronakrise lässt wegen der unklaren Lage viel Raum für die eigenen Ängste. Es sind auch solche darunter, die kulturell geschürt wurden. Denn auf verunsicherte Menschen wirkt es stabilisierend, gemeinsam einen Schuldigen zu benennen, gegen jede Vernunft. Asiatischstämmige Menschen fühlen sich unter Generalverdacht. Bei Twitter wehren sie sich unter dem Hashtag #wirsindnichtdervirus #JeNeSuisPasUnVirus. Ein holländischer Radiosender sendet ein satirisch gemeintes Lied mit dem Titel “Vorbeugen ist besser als Chinesen”, in dem von “Stinkchinesen” die Rede ist. In Südkorea, Malaysia, Großbritannien und Kanada finden sich “No Chinese”-Schilder.

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Szenen aus Deutschland: Der asiatischstämmige “Tagesspiegel”-Autor Marvin Ku stellt im Berliner Zoo einem Mitarbeiter eine Frage – und löst Fluchtreflexe aus. Im Weggehen hört er, wie einer zum anderen sagt: “Haste ooch Angst, dich mit Corona anzustecken?” In einer Berliner Notaufnahme weigern sich Patienten, sich von einer Ärztin behandeln zu lassen, deren Eltern aus Vietnam kommen. Eine chinesische Studentin hört bei einer Wohnungsbewerbung in Deutschland als Absagegrund: “Ich möchte keinen Coronavirus”. Ein Gemüsehändler in Süddeutschland untersagt chinesischen Touristen den Zutritt zu seinem Laden.

Ein Echo der “gelben Gefahr” aus der Kolonialzeit

“Wir erleben gerade, dass Menschen pauschal wegen ihres Aussehens oder ihrer Herkunft ausgegrenzt und benachteiligt werden”, sagt Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die diffuse China-Phobie, von der Betroffene berichten, hat mehrere Wurzeln. Ein fremdes Virus aus einem fremden Kulturkreis mit zweifelhafter Informationspolitik – das wirkt auf viele Menschen gleich mehrfach bedrohlich. “Gelber Alarm”, titelte die französische Tageszeitung “Le Courrier Picard”. Es ist auch ein Echo jenes Schmähwortes von der “gelben Gefahr” aus kolonialen Zeiten, mit dem nicht nur das deutsche Kaiserreich im 19. Jahrhundert den Hass auf Chinesen befeuerte. Auf jene Menschen also, die fremd aussahen und merkwürdige Wildtiere essen.

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"Pardon wird keinem Chinesen gegeben, der Euch in die Hände fällt": Kaiser Wilhelm II. (M., auf dem Podest) verabschiedet am 27. Juli 1900 in Bremerhaven ein Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China. Das damalige Schlagwort von der "gelben Gefahr" wirkt bis heute nach. © Quelle: picture-alliance / akg-images

Die “Bedrohung” durch die Völker Ostasiens wurde zur ideologischen Grundlage für europäische Expansionsgelüste. Niemals wieder solle es ein “Chinese wagen, einen Deutschen scheel anzusehen”, polterte Kaiser Wilhelm II. im Juli 1900 in seiner “Hunnenrede”, als er das deutsche Ostasiatische Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China entsandte: “Pardon wird keinem Chinesen gegeben, der Euch in die Hände fällt.” Seither sitzt die Furcht vor der unbekannten Größe China tief in den westlichen Köpfen. Zur selben Zeit machten US-Zeitungen und Politiker heftig Stimmung gegen die “Rattenesser” in den “schmutzigen”, “verseuchten” und überfüllten Chinatowns. Chinesen, hieß es, trügen mit ihrem fremden Gebaren die Schuld am Ausbruch der Pest.

Baden-Württemberg. Mannheim. Die Firma Reckitt Benckiser produziert Sagrotan, das bekannteste Mittel gegen Viren, Bakterien und andere Keime. “Die weltweite Nachfrage hat exponentiell zugenommen”, sagt Xenia Barth, die Geschäftsführerin für den Bereich Hygiene Home. “Wir arbeiten unermüdlich daran, die Marktnachfrage zu erfüllen.” Auch Mundschutz ist Mangelware. Bis zu 80 Euro verlangen Ebay-Händler für ein Exemplar.

Die Welt hat mächtige Seuchen erlebt. Albert Camus hat in “Die Pest” die zersetzende Wirkung epidemischer Panik auf eine Gesellschaft präzise geschildert. Nach der Pest kamen die Spanische Grippe. Krim-Kongo-Fieber. Ebola. Lassafieber. Aids. Stets waren Verschwörungstheorien, Sündenböcke, Rassismus und heiliger Zorn auf das vermeintlich ursächliche “andere” im Spiel.

Ein globales Schwarzer-Peter-Spiel

Gerade bei Krankheiten gilt in aller Welt dasselbe: “Wir” wären kerngesund, wenn nicht die “anderen” wären. Ein Beispiel für das globale Schwarzer-Peter-Spiel ist die Syphilis. In Italien, Polen und Deutschland nannte man sie “Franzosenkrankheit”. In Frankreich hieß sie “italienische Krankheit”. In den Niederlanden war die Rede von der “spanischen Krankheit”, in Russland sagte man “Polenkrankheit” und in der Türkei hieß die Syphilis “Christenkrankheit”. Nur in einem waren sich die Europäer im 15. Jahrhundert so ziemlich einig: Von uns kommt der Quatsch nicht, schuld ist dieser Kolumbus.

"Panikmache ist ein Geschäftsmodell": Eine Stationsleiterin auf der Infektionsstation der Uniklinik Essen steht in Schutzkleidung und mit einer Atemmaske in einer Schleuse. © Quelle: picture alliance/dpa

Die Apokalypse hat immer Konjunktur. Hollywood suhlt sich geradezu in erregendem Weltuntergangsgrusel. Filme wie “Outbreak” oder “Contagion” zeigen Weltkarten, in denen die roten Punkte einer tödlichen Seuche in Rekordzeit den Planeten überziehen. Dank Corona wanderte “Contagion” zuletzt wieder in die Topfilmcharts bei iTunes. Und ein dämonisierender Whatsapp-Kettenbrief voller Lügen (“Flüssigkeiten verstärken das Virus”) sorgte für Panik. Angst verkauft besser als Sex. “Panikmache ist ein Geschäftsmodell”, sagte die Medienexpertin Tanjev Schultz dem ZDF. Und: “Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht”, hat Mark Twain gesagt. Das gilt vor allem, wenn es wenig gesicherte Fakten gibt.

Auch Medien nutzen die Kraft der Angstmacherei, aber unterm Strich hat die Coronakrise die frühe Phase der medialen Ausbeutung hinter sich gelassen, in der selbst der “Spiegel” mit dem Bild einer asiatisch aussehenden Person samt Mundschutz und der gelb gedruckten Zeile “Coronavirus: Made in China” titelte. Tatsächlich sind sich die meisten deutschen Medien inzwischen der Verantwortung bewusst, gerade in Phasen großer Unsicherheit das Gesicherte und das Spekulative sauber zu trennen.

“Das Gehirn akzeptiert bekannte Gefahren”

Lübeck-Travemünde. Ein Gottesdienst der Landessynode. “Corona beschäftigt und beunruhigt inzwischen das ganze Land”, sagt die Hamburg-Lübecker Bischöfin Kirsten Fehrs. “Es ist uns hautnah gerückt.” Die Krise dürfe aber nicht zu einem kompletten Rückzug der Menschen führen. “Wir brauchen die Gemeinschaft und den Zusammenhalt, gerade jetzt.” Es könne zwar sein, dass auf Großveranstaltungen, Feste oder Feiern verzichtet werden müsse. “Aber wir verzichten nicht auf unsere Hoffnung.” Die Krankheit stelle die Mitmenschlichkeit und Solidarität in einer Gesellschaft auf die Probe.

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Die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen, um sich gegen das Coronavirus zu schützen.  © RND

Warum fürchten Menschen den Klimawandel nicht in gleichem Maße wie eine Corona-Pandemie? “Unser Gehirn akzeptiert bekannte Gefahren, weil sie nicht unmittelbar bedrohlich erscheinen”, sagte der Angstexperte Borwin Bandelow dem “Spiegel0148. “Wir geraten immer dann leichter in Panik, wenn eine neue und scheinbar unbeherrschbare Gefahr auftaucht. Wir bekommen akut Angst, wenn uns jemand mit einem Messer angreift oder wir einem Bären begegnen. Auch haben wir eine diffuse Angst vor Dunkelheit, trübem Wasser oder Gewitter. Komischerweise gibt es aber keine Zigarettenphobien oder Phobien vor gesättigten Fettsäuren, obwohl daran in Deutschland jährlich am meisten Menschen sterben.”

Die Angst vor Corona ist die Angst vor dem Unbekannten

Die Zahl der Grippetoten weltweit schwankt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zwischen 290.000 und 650.000 pro Jahr. Aber die Grippe scheint uns vertraut. Wir akzeptieren sie als Teil des Lebens. Es ist das Unbekannte, das wie eine dunkle Wolke über das Land zieht. Die Angst vor Corona ist die Angst vor dem Unbekannten.

Die Angst wird erst weichen, wenn gesicherte Fakten an ihre Stelle treten. Wenn wir den Feind kennenlernen. Wenn Forscher seine Schwachstellen identifiziert haben. Es sind Wissenschaft und Medizin, die aus Angst Hoffnung machen können. Das postfaktische Zeitalter, in dem die Errungenschaften von 200 Jahren Aufklärung in Gefahr schienen, weicht einer neuen Ära. Es ist nicht das Geschrei, das die Welt rettet. Es ist nicht der Grellste und Lauteste, der weiß, was hilft. Es ist die Wissenschaft. Es sind ruhige Frauen und Männer in weißen Kitteln.








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