Coronavirus kommt wieder: Der europäische Patient

  • Der Herbst hat noch nicht begonnen – und doch steigen die Neuinfektionen fast überall in Europa wieder an.
  • Woran liegt das? Wie ist die Lage in den Ländern? Und wie versuchen sie, die Situation in den Griff zu bekommen?
  • Eine Übersicht über die Herausforderungen, die auf mehrere große EU-Staaten nun zukommen.
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Madrid/Paris/Rom. Gefeit scheint niemand. Auch Länder, die die Infektionswelle im Frühjahr vergleichsweise gut in den Griff bekommen hatten, bekommen plötzlich Probleme. Tschechien zum Beispiel registrierte in dieser Woche mehr als 1100 Infektionen binnen 24 Stunden – gut 300 mehr als beim bisherigen Höchststand im April. Die Weltgesundheitsorganisation nennt den Anstieg “besorgniserregend”, Prag gilt für deutsche Reisende als Risikogebiet, und in ganz Tschechien gilt von diesem Donnerstag an eine Maskenpflicht in allen Gebäuden außerhalb der eigenen Wohnung.

In vielen Ländern Europas zeigt sich derzeit ein ähnlicher Trend: Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt wieder an – auch dort, wo mancher das Virus heimlich schon überwunden wähnte. Deutschland ist da keine Ausnahme: 1892 Neuinfektionen innerhalb eines Tages meldete das Robert-Koch-Institut hier am Mittwoch, erneut deutlich mehr als noch im Sommer. Doch während sich diese Rate der Neuinfektionen hierzulande zumindest bislang nicht beschleunigt, steigen die Zahlen in anderen Ländern zum Teil trotz weit rigiderer Maßnahmen im Frühjahr jetzt wieder weiter an.

Woran liegt das? Wie ist die Situation in Europa? Und wie versuchen andere Länder, das Virus wieder in den Griff zu bekommen?

Madrid wird zu Spaniens Problemzone

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“In Madrid wird es drei Wochen dauern, bis es ganz dick kommt”, schrieb Saúl Ares am 12. August auf Twitter, womit der Wissenschaftler vom Centro Nacional de Biotecnología zu einer kleinen Berühmtheit in Spanien wurde.

Seine Vorhersage, die manche für Panikmache hielten, hat sich bestätigt. Die spanische Hauptstadtregion mit ihren knapp 6,7 Millionen Einwohnern ist nicht nur die Gegend mit den meisten Neuinfektionen im Land, sondern auch diejenige, in der die meisten Krankenhausbetten mit Covid-19-Patienten belegt sind. Am Mittwoch waren es 2506, was 17 Prozent der Madrider Bettenkapazität entspricht. Und jetzt? Wird alles noch schlimmer kommen, oder ist der Höhepunkt erreicht? “Es kann alles passieren”, sagt Ares im Gespräch mit der Netzzeitung “El Confidencial”.

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Spanien führt seit einigen Wochen die tägliche Liste der Corona-Neuinfektionen der europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC an: 263,2 pro 100.000 Einwohner in den letzten 14 Tagen war der Wert am Donnerstag – zwölfeinhalbmal höher als in Deutschland. In Madrid lag die entsprechende Zahl am Mittwoch bei knapp 530. Die Lage ist ernst.

Die Fallzahlen steigen, die Wirtschaft leidet aber ebenfalls: Hoteliers demonstrieren gegen strenge Maßnahmen gegen das Coronavirus. © Quelle: imago images/Pacific Press Agency

Neue Restriktionen in mehreren Regionen

Die Spanier haben sich lange damit beruhigt, dass von den vielen Infizierten in diesem Sommer längst nicht so viele ernsthaft krank werden wie während der ersten Welle im Frühjahr. Damals war nur rund jeder Zehnte, der sich mit dem Virus angesteckt hatte, auch entdeckt worden, und das waren oft die schwereren Fälle. Heute werden allerorten Tests gemacht und deswegen auch mehr Infizierte aufgespürt. Doch die steigende Zahl der behandlungsbedürftigen Patienten zeigt, dass sich das Virus tatsächlich wieder ausbreitet. Jeden Tag ein bisschen mehr. Es ist mehr als eine statistische Illusion.

Die Welle lässt sich stoppen. Das haben Katalonien und die Nachbarregion Aragón vorgemacht, die Mitte Juli die ersten Regionen mit sprunghaft steigenden Infektionszahlen waren und es seitdem geschafft haben, die Virusausbreitung langsam wieder einzudämmen. Und das ohne allgemeine Ausgangssperren wie im Frühjahr. Geholfen haben spürbare Restriktionen in konkreten Zentren der Epidemie und gewisse allgemeine Beschränkungen des Nachtlebens und sozialer Zusammenkünfte. Das könnte das Vorbild für den Rest Spaniens sein.

Spaniens Gesundheitsämter sind völlig überfordert

Im ganzen Land haben sich die Menschen daran gewöhnt, außerhalb der Wohnung Maske zu tragen – abgenommen wird sie nur in der Kneipe oder im Restaurant, das heißt in den meisten Fällen: an Tischen draußen auf dem Bürgersteig. Ansonsten ist auf den Straßen Ma­drids deutlich weniger los als in Vor-Corona-Zeiten. Vieles darf man wieder seit dem Ende des Alarmzustands am 21. Juni, aber wenige tun es: ins Kino oder Theater gehen zum Beispiel. Fremde sind potenzielle Virenträger, deswegen meidet man sie. Stattdessen steckt man sich bei Freunden oder in der Familie an, da werden die meisten sorglos.

Die starke Ausbreitung des Virus in Spanien dürfte aber mutmaßlich weniger auf persönliche Unvernunft als auf sehr schlechte Politik zurückzuführen sein. In Madrid gab es bis vor Kurzem nur 560 Mitarbeiter zur Nachverfolgung von Infektionsketten. Demnächst sollen es 1100 sein, verspricht der regionale Gesundheitsminister. Gebraucht hätte man 1650 – von Anfang an.

Jetzt, angesichts der hohen Infektionszahlen, “ist jede Nachverfolgung sehr schwierig”, sagt Saúl Ares. Seit Beginn der Corona-Krise Ende Januar hecheln die spanischen Verantwortlichen den Ereignissen hinterher. Was bleibt, ist Hoffen und Bangen.

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Neuer Leichtsinn in Frankreich

Es ist jeden Tag dasselbe Bild: Vor den medizinischen Analyselabors bilden sich Warteschlangen. Ob in Paris, Nizza oder Marseille – seit Monaten haben die Mitarbeiter der Labors so viel Arbeit wie nie zuvor. “Wir kommen kaum hinterher. Der Andrang reißt nicht ab”, sagt eine Biologin eines Labors im Pariser Vorort Maisons-Alfort.

Die meisten Patienten kommen, um sich auf Covid-19 testen zu lassen, gerade anlässlich des Schulbeginns und der Rückkehr aus dem Urlaub. Pro Woche führt Frankreich inzwischen rund eine Million Tests durch. Seit Ausbruch der Pandemie sind hier insgesamt rund 30.800 Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten, gestorben.

Seit Monaten verfolgt das Land die Strategie “Testen – Nachverfolgen – Isolieren”. Doch während man die Pandemie nach Ende des landesweiten Lockdowns im Mai über mehrere Wochen auch hier im Griff zu haben schien, steigen die Infektionszahlen seit Ende August deutlich an, auf zuletzt 9843 neue Fälle pro Tag - im Frühjahr lag das Maximum bei rund 7500 erfassten Fällen.

In vielen Städten in Frankreich gilt eine Maskenpflicht auch im öffentlichen Raum. Allerdings halten sich immer weniger Menschen an die Regelung. © Quelle: Kamil Zihnioglu/AP/dpa

Die Regeln werden nicht mehr eingehalten

Besonders stark betroffen sind die Regionen um Bordeaux im Südwesten sowie die Côte d’Azur und die Provence im Südosten, die zunächst weitgehend verschont geblieben waren. Viele machen die Urlauber und jugendliche Partygänger für den dortigen Anstieg verantwortlich. Zwar gilt in zahlreichen französischen Städten überall draußen die Maskenpflicht, es droht ein Bußgeld in Höhe von 135 Euro. Doch davon abgesehen lässt sich ein Nachlassen beim Einhalten der Abstandsregeln feststellen. In Restaurants, Bars und öffentlichen Transportmitteln sitzen die Menschen eng an eng, viele Veranstaltungen finden wieder statt.

Da sich derzeit überproportional viele unter 30-Jährige infizieren, wirkt sich die Zunahme der Infektionszahlen noch nicht stark auf die Situation der Krankenhäuser aus, die noch Kapazitäten haben. Doch es wäre fatal, sich in einer “falschen Sicherheit” zu wiegen, warnt Jean-Francois Delfraissy, Präsident des wissenschaftlichen Expertenrates, der die französische Regierung berät. Für Freitag ist ein Krisentreffen geplant – das als Videokonferenz stattfindet, da sich Premierminister Jean Castex in Selbstisolation befindet. Er war in Kontakt mit dem Leiter der derzeit stattfindenden Tour de France, Christian Prudhomme, der infiziert ist. Voraussichtlich wird die Regierung entscheiden, die Isolationspflicht von 14 auf sieben Tage zu verkürzen. Das sei ausreichend und werde besser angenommen, so der Expertenrat – denn viele Menschen hielten die Quarantäne nicht ein, oft aufgrund beruflicher Verpflichtungen.

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Frankreich verschärft die Corona-Maßnahmen
1:53 min
Zuletzt waren die Neuinfektionen in Frankreich mit dem Coronavirus deutlich angestiegen.  © Reuters

In eine wirtschaftliche und soziale Krise zu versinken wäre “noch gefährlicher als die Gesundheitskrise”, warnt Castex. Macron hat auch deshalb einen neuen generellen Lockdown ausgeschlossen. “Unsere Strategie besteht darin, mit dem Virus zu leben, das heißt, das schulische, wirtschaftliche und soziale Leben nicht anzuhalten”, sagte er.

Italien hat dazugelernt, bleibt aber vorsichtig

Von den Zahlen, wie sie aus Frankreich oder Spanien gemeldet werden, liegt Italien meilenweit entfernt: Zuletzt wurden vom nationalen Gesundheitsamt durchschnittlich 1400 Neuansteckungen pro Tag gemeldet. Das sind zwar deutlich mehr als Ende Juni, als sich weniger als 200 Personen täglich mit dem Coronavirus infiziert hatten, aber insgesamt befinden sich die Zahlen damit nur unwesentlich über jenen Deutschlands.

Die niedrigen Fallzahlen in Italien liegen nicht daran, dass weniger getestet würde: Auch hier zählt Italien mit bisher elf Millionen Rachenabstrichen nach wie vor zu Europas Klassenbesten.

Die vergleichsweise komfortable Lage Italiens hat einen einfachen Grund: Das Land war als erstes in Europa – und damit weitgehend unvorbereitet – von der Corona-Epidemie erfasst worden, hatte 35.000 Tote zu beklagen und erlebte einen der härtesten und längsten Lockdowns des Kontinents. Der Schock über die Tragödie, die in norditalienischen Städten wie Bergamo beinahe apokalyptische Ausmaße angenommen hatte, sitzt bei den Italienern nach wie vor tief. Aus diesem Grund werden auch die noch bestehenden Hygieneregelungen, die Maskenpflicht in geschlossenen Lokalen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln sowie das Verbot von Massenveranstaltungen und die erneute Schließung der Diskotheken überwiegend mit großer Disziplin befolgt. Aus dem gleichen Grund gibt es in der Bevölkerung kaum Verständnis für Covid-Proteste: Zu einer Kundgebung gegen die Regierung hatten sich in Rom am vergangenen Samstag nur gerade 1500 Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretiker eingefunden.

An den Universitäten in Italien beginnt bald der Lehrbetrieb. © Quelle: Cecilia Fabiano/LaPresse/AP/dpa

Angst vor dem Ende der Schulferien

Dennoch sind Ministerpräsident Giuseppe Conte und Bildungsministerin Lucia Azzolina derzeit nicht sorgenfrei: Am 14. September soll auch in Italien wieder der Unterricht beginnen. Das Datum galt bisher als heilig: Die acht Millionen Schüler Italiens haben seit Anfang März kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen – die schulfreie Zeit dauerte länger als in jedem anderen Land der Welt.

Doch nach wie vor können die wenigsten Schulen ein klares Konzept vorlegen, wie die Distanzregelungen und Hygienevorschriften eingehalten werden können. Außerdem fehlt es an allen Ecken und Enden an zusätzlichen Lehrkräften, die benötigt würden, um den Unterricht in verkleinerten Klassen zu führen. Hinzu kommt, dass sich in den langen Sommerferien vor allem junge Menschen, also auch (in der Regel symptomfreie) Studenten und Schüler, mit dem Virus infiziert haben: Das Durchschnittsalter der Neuinfizierten ist auf 30 Jahre gesunken.

Doch angesichts der zahlreichen Probleme wird nun auch innerhalb der Regierung von einer Verschiebung geredet. Dafür gäbe es auch einen praktischen Grund: Am 20. und 21. September stimmen die Italiener über die Verkleinerung ihres Parlaments ab, außerdem finden Regionalwahlen statt. Die Wahllokale werden normalerweise in den Schulhäusern eingerichtet. Diese müssen danach gereinigt und desinfiziert werden – eine Aufgabe, die die meisten Italiener gerne mit aller Gründlichkeit erledigt sähen, um kein zusätzliches Risiko einzugehen.

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