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Kehrtwende von Johnsons Sonderweg? Der britische Plan gegen das Coronavirus

  • Die Briten sind anders: Boris Johnson hält in Zeiten des Coronavirus offenbar die Füße still.
  • Der Rest Europas leitet dagegen drastische Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Sars-Cov-2 ein.
  • Der britische Premier verfolgt die Strategie einer Herdenimmunität – zumindest noch, denn die Kritik wird lauter.
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London. Leergeräumte Supermarktregale, abgesagte Veranstaltungen, eine täglich steigende Zahl von Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben – während die Nervosität unter der britischen Bevölkerung zunimmt, widersetzt sich die Regierung in London noch immer dem Trend auf dem Kontinent, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Premierminister Boris Johnson bleibt bei seinem Sonderweg. Noch.

Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen und Universitäten sind weiterhin geöffnet und ob ein Großevent stattfindet, ist Sache der jeweiligen Organisatoren. Etliche von ihnen haben deshalb eigenverantwortlich Veranstaltungen abgesagt, der London Marathon etwa wurde verschoben, Fußballspiele der Premier League finden ebenfalls bis zunächst Anfang April nicht statt. Übernimmt die Gesellschaft die Aufgabe der Politik?

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Die Kritik an Johnsons Strategie wird seit Tagen lauter und schärfer. Es scheint, als würde der Premier deshalb eine Kehrtwende einleiten zu wollen. So könnten laut Medienberichten ab kommenden Wochenende auch in England und Wales Zusammenkünfte ab 500 Menschen verboten werden. Johnson spiele “Roulette mit der Öffentlichkeit”, meinte Richard Horton, Chefredakteur des Medizinmagazins “The Lancet”.

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Zahlreiche Wissenschaftler verlangten in einem in der Zeitung “The Times” veröffentlichten Brief zudem von der Regierung, die wissenschaftlichen Beweise, Daten und Modelle, auf denen das Vorgehen beruhe, zu veröffentlichen. Sogar der ehemalige konservative Gesundheitsminister Jeremy Hunt beschrieb den Schritt, mit einem Verbot von großen Zusammentreffen noch zu warten, als “überraschend und besorgniserregend”.

Herdenimmunität gegen das Coronavirus?

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Boris Johnson aber verweist auf die Experten. Deren Empfehlung unterscheidet sich grundlegend von jener in anderen Ländern, etwa Deutschland, Frankreich oder Irland.

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Der britischen Strategie zufolge sollte sich ein Großteil der jüngeren und gesunden Menschen, bei denen sich die Symptome meist nur schwach zeigen und die Krankheitsverläufe relativ mild verlaufen, sogar mit dem Coronavirus anstecken, um so eine Art Herdenimmunität gegen das neue Virus zu erreichen. Isoliere man die Bevölkerung lediglich für einige Wochen, habe man nichts gewonnen, sagte der wissenschaftliche Chefberater der Regierung, Sir Patrick Vallance. Das Gegenteil sei der Fall. Sobald man die Quarantäne aufhebe, breche das Virus wieder aus. Der nationale Gesundheitsdienst NHS würde kollabieren. Es mangelt chronisch an Personal, zudem stehen je 100.000 Einwohner nur 6,6 Betten auf Intensivstationen zur Verfügung. Das sind deutlich weniger als etwa in Deutschland, wo es 29,3 Betten gibt.

Coronavirus: Wie Großbritannien seine Alten schützen will

In London geht man davon aus, dass der Höhepunkt der Pandemie erst in rund drei Monaten anstehe. Bis dahin will man diese steuern, damit man Kapazitäten im ohnehin bereits ächzenden staatlichen Gesundheitswesen aufbauen kann. Außerdem will man die Menschen nicht zu früh drängen, ihren Lebensstil stark einzuschränken. Es handele sich um “eine möglicherweise sehr wirksame, aber auch riskante Strategie”, hieß es von mehreren Seiten. Denn wenn sich bis zu 80 Prozent der Bevölkerung mit Covid-19 ansteckt, wie will das Land jene Risikogruppe schützen, für die das Virus sogar tödlich sein kann?

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Medienberichten zufolge plant die Regierung deshalb harte Maßnahmen, die dem Schutz von älteren Menschen und jenen mit Vorerkrankungen dienen sollen. Briten über 70 Jahre könnten bis zu vier Monate Isolation bevorstehen. Wer dieser Tage unter Symptomen wie Fieber oder einem neuen Husten leidet, wird angewiesen, sieben Tage zuhause zu bleiben. Getestet wird kaum.

Immerhin, viele Briten scheinen sich drastische Maßnahmen zu wünschen, nachdem sich der sonst stets zu lockeren Sprüchen aufgelegte Premier Johnson bei der Vorstellung der Strategie außergewöhnlich ernst und betroffen zeigte. “Noch viel mehr Familien werden geliebte Angehörige vorzeitig verlieren.” Das bis Mitte vergangener Woche verfolgte Motto “Keep calm and carry on” gilt auch im Vereinigten Königreich nicht mehr.

RND


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