Paris: Stadt der Liebe im Dornröschenschlaf

  • Frankreichs Metropole lebt eigentlich von ihren Cafés und Restaurants, dem bunten Treiben in den Straßen.
  • Die Ausgangssperre taucht sie in eine nie gekannte, bedrückende Ruhe.
  • Ein Besuch in der Geisterstadt.
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Paris. Ein sonniger Frühlingsnachmittag in Paris. Die Straßenkreuzung zwischen Rue Poulet und Rue Dejean im Montmartre-Viertel liegt still und friedvoll da. Nur von Zeit zu Zeit kommt ein Passant vorbei, der von einer Gruppe Polizisten aufgehalten wird. Ob er seinen Passierschein bei sich trage, korrekt ausgefüllt mit Name, Wohnort, Datum, Uhrzeit?

Höchstens eine Stunde und lediglich im Umkreis von einem Kilometer dürfen die Menschen in Frankreich zurzeit noch joggen, spazieren gehen, den Hund ausführen, das Nötigste einkaufen. Wer die Regeln nicht befolgt, muss ein Bußgeld von 135 Euro bezahlen. In den ersten zwei Wochen der Ausgangssperre, mit der die Verbreitung des Coronavirus abgebremst werden soll, kamen allein in Paris bei mehr als 300.000 Kontrollen fast 25.000 Strafzettel zusammen.

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Paris ist kaum wiederzuerkennen

Ist das wirklich noch die Rue Poulet, in der es früher kaum ein Durchkommen gab? In der sich die Menschen um die Straßenverkäufer von gegrilltem Mais und Maronen drängelten, wo stets junge Männer in Grüppchen zusammen standen und wo schwarze Frauen in farbenfrohen Kleidern und mit Kleinkindern an der Hand ihre Einkäufe erledigten?

Meist kamen sie aus den Vororten hier in den Norden von Paris, denn hier fanden sie Produkte aus ihren Heimatländern: dicke Kochbananen, Maniokwurzeln, exotische Pfefferschoten. Mit ihrer lebhaften Marktstimmung und dem unübersichtlichen Gewimmel gilt die Gegend als „Afrika in Paris". Zumindest in Normalzeiten. Doch die sind seit Inkrafttreten des Hausarrests am 17. März vorbei. Hinter den Vitrinen der auf das Glätten von Kraushaar spezialisierten Friseursalons bleibt es dunkel. Selbst vor der Metrostation „Barbès" stehen mehr Polizeibeamte als Schwarzhändler, die diesen Platz sonst kontrollieren.

So verlassen einer ihrer quirligsten Orte daliegt, so ist die ganze Stadt in eine Art Dornröschenschlaf verfallen. Dasselbe Bild zeigt sich im Ausgehviertel Belleville, auf dem Platz der Bastille und selbst auf dem Concorde-Platz, wo sich während der Hauptverkehrszeiten stets absurd anmutende Auto-Knoten bilden, herrscht nun freie Durchfahrt. Aber fast niemand fährt noch durch. Paris ist kaum wiederzuerkennen, zieht es sein Flair doch aus seinen belebten Straßen und den Caféterrassen, von denen aus sich die schicken Pariser Frauen und Männer so wunderbar beobachten lassen.

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Deutschland nimmt weitere Corona-Patienten aus dem Ausland auf
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Am Dienstagnachmittag landete in Hamburg eine Militärmaschine mit Patienten aus Frankreich.  © Reuters

Anders als beim Terroranschlag 2015 verlieren Pariser Bürger diesmal die Lebensfreude

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Den Terroristen, die am 13. November 2015 auf Besucher von Bars und einer Konzerthalle schossen, gelang es nicht, der Stadt ihre Lebensfreude und ihr unbeschwertes Nachtleben zu rauben. Dem Coronavirus schon - jedenfalls vorübergehend. Alle Cafés, Restaurants, Boutiquen sind geschlossen. Für ihre Betreiber gesellt sich zur Furcht vor dem Virus, das sich in der Hauptstadtregion besonders rasant ausbreitet und die Krankenhäuser inzwischen an die Belastungsgrenze bringt, die Angst vor dem finanziellen Ruin. Die Regierung hat den Selbstständigen einen milliardenschweren Rettungsplan versprochen. Doch wer wann in welcher Höhe davon profitiert, erscheint unsicher.

Über den Platz der Republik, der seit seiner Renovierung unterhalb der Statue der Marianne als Personifizierung der französische Nation über eine ausladende Betonfläche verfügt, drehen sonst dutzende Skateboard-Fahrer ihre Runden. Ein einziger ist noch verblieben, der einen Mundschutz trägt und Kunststücke übt.

Auch die Gelbwesten sind nun zu Hause

Monatelang befand sich hier das Zentrum der samstäglichen Proteste der Widerstandsbewegung der „Gelbwesten". Wenn es sein müsse, würden sie auf ewig durchhalten, versicherten manche von ihnen. Jetzt sind auch sie zu Hause.

An mehreren Ecken des Platzes sitzen Obdachlose zwischen Tüten mit ihrem Hab und Gut. Das Rathaus hat für einige von ihnen Hotelzimmer organisiert und richtet derzeit Turnhallen für sie ein. Doch offenbar wurden nicht alle derer untergebracht, die weiterhin draußen leben und schlafen, verletzlicher denn je. Sonst gehen sie in der Masse unter; nun fallen sie auf und zeigen, dass Paris zwar eine wunderschöne, aber harte Stadt ist. In normalen und erst recht in Ausnahmezeiten.

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