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  • Corona: Was die Krise für Beschäftigte und Kleinunternehmen bedeutet

Von hundert auf null: Das Leid von Beschäftigten und Kleinunternehmern in der Coronakrise

  • Der Coronaausbruch zieht eine Wirtschaftskrise nach sich, wie sie das Land noch nicht erlebt hat.
  • Nicht nur Unternehmen stehen vor schweren Zeiten, sondern auch Angestellte, Selbstständige und Aushilfskräfte.
  • Welche Ängste diese Menschen nun haben und vor welchen Herausforderungen sie stehen – ein Report.
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Berlin. Am Dienstag war einfach Schluss. Von jetzt auf gleich. Gut 40.000 Portionen Essen haben Lars Feldmann und seine Kollegen bei einem Berliner Caterer noch am Montag gekocht. Tags darauf blieb die Großküche kalt. Schulen und Kitas sind dicht, die Kinder essen nun zu Hause. Lediglich ein paar Hundert Mahlzeiten für die Kinder von Polizisten, Ärzten und Pflegepersonal, die einen Betreuungsplatz in der Notversorgung haben, sind übrig geblieben. Ein Witz im Vergleich zu den Mengen, die der Betrieb sonst produziert.

Feldmanns Chef hat nahezu die gesamte Belegschaft in Kurzarbeit geschickt. Auf unbestimmte Zeit. „Eine solche Situation habe ich in meinem Berufsleben noch nicht erlebt“, sagt der gelernte Koch, der als Küchenchef arbeitet und seinen echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Es ist gespenstisch.“

Eine Krise wie die durch den Coronaausbruch hat die deutsche Wirtschaft noch nicht gesehen. Die Politik, die sonst alles dafür tut, die Konjunktur am Laufen zu halten, tritt mit Wucht auf das Bremspedal. Von hundert auf null – in unter einer Woche. “Flattening the curve” – die steil ansteigende Kurve der Coronaneuinfektionen zum Abflachen bringen – ist nun das übergeordnete Ziel. Den Einbruch der Wirtschaft nimmt die Regierung dafür in Kauf. Anders geht es nicht, glauben sie in Kanzleramt und Ministerien. Zumindest dann nicht, wenn italienische Verhältnisse noch verhindert werden sollen. Gesundheit geht jetzt vor.

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Ein Drittel des Gehalts fällt weg

Für Küchenchef Feldmann heißt das, dass er nun mit seiner Familie zu Hause sitzt. Immerhin die Kinderbetreuung ist dadurch kein Problem mehr, wohl aber die Finanzen. Feldmann hat sich informiert, was Kurzarbeitergeld für ihn bedeutet. 67 Prozent seines Nettolohns bekommt er jetzt – weil er Kinder hat. Bei Kinderlosen sind es 60 Prozent. „Das sind schon harte Einschnitte“, sagt der Familienvater. Alle anderen Kosten laufen ja weiter. Ausgezahlt wird die Lohnersatzleistung über den Arbeitgeber, der die Aufwendungen von der Bundesagentur für Arbeit erstattet bekommt.

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Kurzarbeit – aus Sicht der Politik hat dieses Wort etwas fast schon Magisches. Das Instrument gilt als Wunderwaffe. Ohne Kurzarbeit, davon sind sie im Berliner Regierungsviertel fest überzeugt, wäre das Land niemals so unbeschadet durch die Finanzkrise 2008/2009 gekommen. Ziel von Kurzarbeit ist es, Arbeitsplätze zu erhalten, damit Unternehmen nach der Krise wieder durchstarten können. „Wenn die Schulen und Kitas wieder öffnen, müssen wir auch wieder 40.000 Essen produzieren können“, sagt Koch Feldmann. „Mutmaßlich wieder von heute auf morgen.“

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Die vermeintliche Wunderwaffe hat allerdings einen Haken: Sie hilft nur Menschen mit einem sozialversicherungspflichtigen Job. Freiberufler, freischaffende Künstler und Selbstständige haben keinen Anspruch auf die Leistung. Sie alle trifft die Krise umso härter.

Bis Juni sind die Aufträge weg

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Alexander Semrow etwa, der als Tonmeister in Berlin arbeitet, fragt sich inzwischen, wie er das Jahr überstehen soll. Bis in den Juni hinein hat er sämtliche Aufträge für Beschallung, Aufnahmen und Veranstaltungen verloren. „Rund 20.000 Euro Umsatz sind schon weg“, schätzt der 43-Jährige. Und die Kosten für Studiomiete sowie private Kranken- und Rentenversicherung laufen weiter. Semrow hat den Taschenrechner ausgepackt und nachgerechnet. „Zwei bis drei Monate kann ich überbrücken“, sagt er. „Danach wird es eng.“ Eine größere Investition in die Technik hat er fürs Erste auf Eis gelegt. „Macht ja in dieser Lage keinen Sinn.“

Auch die selbstständige Veranstaltungsmanagerin Nadine Meyer fährt auf Sicht, nachdem ihr innerhalb von zwei Wochen sämtliche Aufträge für Konferenzen und Tagungen storniert worden sind. „Mein Auftragsbuch ist leer“, sagt die 36-Jährige, die eigentlich anders heißt. Meyer lebt nun von ihren Ersparnissen, wobei die Ausgaben für Büromiete oder Berufsversicherungen auch bei ihr weiterlaufen. „Unseren Plan, eine Wohnung zu kaufen, müssen wir jetzt beerdigen“, sagte die Mutter eines vierjährigen Sohnes

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Semrow und Mayer weisen darauf hin, dass die von der Regierung angebotenen Kredite ihnen wenig nützen. „Die Einnahmen, die mir jetzt entgehen, kann ich ja nicht mal eben so nachverdienen, wenn die Aufträge wieder da sind“, sagt Semrow. Als Soloselbstständiger ist Zeit der limitierende Faktor.

Womöglich hilft die Berliner Landesregierung ihnen aus der Patsche. Laut einem Bericht des “Tagesspiegels” prüft die ein Zuschussprogramm für alle Soloselbstständigen in der Hauptstadt. Angeblich sollen Betroffene schnell und unbürokratisch mit jeweils 15.000 Euro unterstützt werden. In anderen Bundesländern gibt es ähnliche Überlegungen. Sicher oder gar offiziell ist allerdings nichts. „Klingt bestenfalls wie eine Beruhigungspille“, findet Semrow.

Linke träumen von Grundeinkommen

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Viele Soloselbstständige fürchten derzeit um ihre Existenz, vor allem in der Kulturszene. “Zahlreiche Kulturschaffende stehen aufgrund der Coronakrise vor dem Nichts”, warnt SPD-Bundestagsparlamentarierin Cansel Kiziltepe (SPD). “Wir brauchen dringende Hilfen für diese Menschen.” Eine gute Lösung wäre, wenn der Staat die Beiträge in die Künstlersozialkasse (KSK) für die nächsten Monate übernimmt", so die Finanzpolitikerin. “Damit können wir viele Kulturschaffende direkt unterstützen und ihnen etwas Luft zum Atmen geben.”

Andere träumen davon, die Gelegenheit zu nutzen, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. „Diese Krise führt uns vor Augen, wie wichtig universelle Lösungen sind. Das Grundeinkommen wäre die konsequenteste Lösung“, sagte Linken-Chefin Katja Kipping dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das Mindeste sei ein Pandemie-Überbrückungsgeld fürs Selbstständige und Menschen, deren Einkommen durch die Coronakrise deutlich zurückgehen.

Davon würden dann auch jene profitieren, die bislang komplett durchs Raster fallen: Gelegenheitsjobber und Aushilfsarbeiter. Studentin Lisa Meyer etwa arbeitet auf 450-Euro-Basis in einem Göttinger Café. Gerade hat ihr Arbeitgeber angekündigt, vorerst zu schließen. Zwar ist Kurzarbeit beantragt, Meyer wird davon aber nicht profitieren, weil Minijobber davon ausgenommen sind. Theoretisch müsste der Chef sie weiterbezahlen, er könnte allerdings das Arbeitsverhältnis schnell beenden. “Ich habe nur einen Monat Kündigungsfrist“, sagt die 24-Jährige. Sie hofft, dass das Schlimmste im Mai vorbei ist.

Es kann allerdings auch sein, dass es dann erst so richtig losgeht. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) jedenfalls trifft gerade Vorkehrungen für eine längere Krise. Der Minister sagte Mittwoch nach einem Spitzentreffen mit Arbeitgebern und Gewerkschaften zu, dass Lohnlücken beim Kurzarbeitergeld und „unverhältnismäßige Lohneinbrüche“ bei Arbeitsausfall wegen Kinderbetreuung vermieden werden sollen. „Wir werden dazu Gesetze machen“, versprach Heil. Es gehe darum, den Eltern ein Signal zu geben, dass sie in dieser Situation nicht mit unverhältnismäßigen Lohneinbußen zu rechnen hätten.

Immerhin eine gute Nachricht an diesem tristen Tag.

RND


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