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  • Corona: Warum der Helden-Begriff in der Krise wieder Konjunktur hat

Corona-Krise: Helden gegen das Virus

  • In der Corona-Krise sprechen wir wieder oft von Helden.
  • Dabei war der Begriff in den vergangenen Jahrzehnten negativ besetzt. Heroisches Verhalten verband man lange mit Kriegen – und nicht mit einer demokratischen Gesellschaft.
  • Doch die Helden von heute haben mit denen von damals nicht viel gemein.
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Verkäuferinnen und Arzthelferinnen sind es, Müllmänner und Apotheker auch, Briefträgerinnen, Feuerwehrleute und Pflegekräfte sowieso. All jene, die sich Tag für Tag trotz des Coronavirus in die Öffentlichkeit begeben, um ihren Job zu machen und ganz nebenbei die Gesellschaft funktionsfähig zu halten, werden in diesen Tagen als Heldinnen und Helden bezeichnet. Zumindest weiß heute jeder, wer gemeint ist, wenn von „Corona-Helden“ die Rede ist.

„Sie sind die Helden dieser Zeiten. Unsere Rückgrate, unser Stand“, hat Herbert Grönemeyer im abgelaufenen Jahr in einem rund dreiminütigen Clip gesungen. „Trauen, ihre Grenzen weit zu überschreiten. Für dich und mich, nehmen dieses Land in ihre Hand.“

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Waren Helden nicht gerade noch verpönt?

Ja, das sind diese Menschen, Heroen des Alltags. Doch es verwundert ein wenig, dass wir wieder ganz selbstverständlich von Helden sprechen. Waren diese nicht gerade noch verpönt? Sprachen Soziologen nicht vor Kurzem noch von einer postheroischen Gesellschaft?

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Unser Verhältnis zu Helden ist seit 1945 zwiespältig: Auf der einen Seite haben wir uns schon lange von den Flieger-, Panzer- und U-Boot-Helden der Weltkriege emanzipiert. Das heroische Bild von Menschen, die sich „fürs Vaterland opfern“, passte nicht mehr in die pazifistische Grunderzählung der neu gegründeten Bundesrepublik. In der DDR hingegen gab es – allerdings angepasst an die sozialistische Gesellschaft – weiterhin Heroen; mit Auszeichnungen wie dem „Helden der Arbeit“.

Am Ende seines Dramas „Das Leben des Galilei“ lässt Bertolt Brecht den Studenten Andrea Sarti sagen: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat!“ Galileo Galilei antwortet dann mit den berühmten Worten: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“.
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Auf der einen Seite schob man Heroen und Heroismus also weit weg, auf der anderen Seite war lange vor Corona eine Inflation des Heldenbegriffs zu beobachten: Pizzabringdienste nennen sich Lieferhelden, Autopflege wird von Waschhelden vorgenommen und die Post druckt Biene Maja, Pippi Langstrumpf und Wickie auf Briefmarken und nennt die Serie „Helden der Kindheit“. Es ist paradox: Die postheroische Gesellschaft wimmelt von Helden, die aber mit einem Achill, einem Odysseus, einem Siegfried oder einem Dietrich von Bern nichts mehr zu tun haben.

Was ist überhaupt ein Held oder eine Heldin?

Der Versuch, den Begriff des Helden genauer zu definieren, kann etwas Ordnung ins heroische Gewimmel bringen: Erstens machen oder leisten Helden etwas Außergewöhnliches, und zweitens bringen sie sich in Gefahr oder riskieren gar ihr Leben. Doch das reicht noch nicht, denn dann wären etwa Extremsportler auch Helden. Sind sie aber nicht. Denn drittens muss sich eine Gesellschaft oder zumindest eine Gruppe mit der Tat und dem Handelnden auch identifizieren können. Zu Heroen schaut man auf – bei den fliegenden Superhelden wie Superman wird dies auch visuell deutlich. Und zum Heldsein benötigt man die anderen, man kann sich nicht selbst zum Helden erklären (das ist einer der Denkfehler von Donald Trump).

Helden aus dem Widerstand: Julius Leber (links beginnend im Uhrzeigersinn), Hans und Sophie Scholl, Martin Niemöller, Dietrich Bonhoeffer, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Hilde Coppi. © Quelle: bagi1998/iStock/dpa-Archiv

Voraussetzung ist, dass der Held oder die Heldin etwas Gutes, Wertvolles, Vorbildliches leistet. Dabei verschieben sich im Laufe der Geschichte die Maßstäbe, was als gut, wertvoll und vorbildlich gilt. Bezeichnete man im Ersten Weltkrieg noch einen Jagdflieger wie Manfred von Richthofen als Held, denken wir bei dem Begriff heute eher an die Männer und Frauen, die Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisteten. Ein Stauffenberg, ein Moltke, eine Sophie Scholl, eine Libertas Schulze-Boysen sind heute im Rückblick die Menschen, die in der Heldengalerie der deutschen Geschichte ihren Platz haben. Sie leisteten Außergewöhnliches, nämlich Widerstand gegen ein totalitäres System, sie riskierten (und ließen oft genug) ihr Leben – und sie bieten Raum für Identifikation.

Dieter Thomä: Die Demokratie braucht Helden

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Doch jenseits der Erinnerung an den Widerstand ließ die (west-)deutsche Nachkriegsgeschichte lange Zeit kaum Heldengeschichten zu. Da in der Demokratie alle Menschen gleich sein sollen, so der häufige Gedankengang, darf niemand so besonders und großartig sein, dass er oder sie aus der breiten Masse heraussticht, Spitzensportler mal ausgenommen. Zudem wird heute zur Lösung von Problemen nicht mehr auf Kampf und Aufopferung gesetzt, sondern vorwiegend auf eine vernünftige Konfliktlösung im Rahmen demokratischer Strukturen. Für Helden war da lange Zeit kein Platz.

Der Philosoph Dieter Thomä hält das für einen großen Fehler. Er sieht Helden als einen wichtigen Garanten der kriselnden Demokratien. In seinem Buch „Warum Demokratien Helden brauchen“ hält er ein Plädoyer für einen „zeitgemäßen Heroismus“. „Es ist nicht sicher, aber auch nicht unwahrscheinlich, dass ein großes Erwachen der Demokraten dem Aufstieg der Populisten und Autokraten in die Quere kommt. Bei diesem Erwachen sind demokratische Helden die Frühaufsteher“, schreibt der St. Gallener Professor.

Das Nivellierende der Demokratie und das Außergewöhnliche des Heldentums sieht Thomä nicht als Gegensatz: „Demokratie steht nicht für Gleichmacherei, sondern für eine Gleichheit, in der sich auch Unterschiede entfalten können.“ Er argumentiert, dass eine Demokratie nicht nur von Institutionen und Organisationen lebt, sondern auch von Menschen, die sich für das Gemeinwesen und die politische Ordnung auf mutige Weise einsetzen. Helden könnten die Demokratie vom rein funktionalen und sachlichen Anstrich des Verfassungspatriotismus befreien.

Krisenzeiten sind Heldenzeiten

Doch wo sind nun die Gemeinsamkeiten mit den Corona-Helden? Und wo die Unterschiede? Was seit Jahrhunderten, ja, seit Jahrtausenden zu beobachten ist, ist: Krisenzeiten sind Heldenzeiten. Die Sehnsucht nach einem starken Mann oder mittlerweile auch nach einer vernünftig und geschickt führenden Frau wächst in Kriegen und nach Katastrophen.

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Doch die handstreichartige Lösung eines Problems kann von niemandem mehr erwartet werden, nicht im Kampf gegen das Virus und schon gar nicht von den ausgerufenen Corona-Heroen. Ihr Heldenstatus erwächst daraus, dass sie in Berufen arbeiten, die kein Homeoffice zulassen. Dass sie täglich in Kontakt mit Hunderten Menschen kommen, ohne dass sie vor ihrer Aufgabe zurückschrecken.

Der Heldenbegriff ist seit Jahrtausenden männlich aufgeladen. Von der griechischen Mythologe über das mittelalterliche Nibelungenlied bis hin zu Napoleon, dem Beethoven seine „Eroica“, also die „heroische Sinfonie“ widmete, und den Soldaten der Weltkriege – nahezu alle waren Männer. Die Frauen, die als Heldinnen anerkannt waren, darunter Jeanne d’Arc, Florence Nightingale und Sophie Scholl, sind an wenigen Fingern abzuzählen. Die Corona-Helden unserer Tage hingegen sind überwiegend weiblich. Sie arbeiten in Berufen, die vorwiegend von Frauen ausgeübt werden.

Corona-Helden wird ihr heroisches Verhalten nicht versilbert

Und noch ein Unterschied: Während Helden in der Vergangenheit mit Lorbeerkränzen, Orden und Beförderungen rechnen konnten, bleibt den Corona-Helden nur der Verdienstorden unserer Zeit: der Applaus vom Balkon. Finanziell schlägt sich ihr Einsatz nicht nieder. Denn die Helden der Krise werden nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung bis zum Jahr 2025 bei Gehaltserhöhungen das Nachsehen haben. Den unteren Lohngruppen drohen demnach sogar reale Einkommensverluste, weil die Inflation die geringen Steigerungen auffrisst.

So droht, dass die Heldengesänge in den Ohren der Gelobten nur noch wie Hohn klingen. Es reiche nicht, „ganze Berufsgruppen pauschal, in einer seltsamen Mischung aus Gleichgültigkeit und Großzügigkeit, auf den Sockel zu heben“, betont Dieter Thomä. „Glaubwürdig ist die Heroisierung nur, wenn sie mit einer nachhaltigen Veränderung der Wertschätzung derer einhergeht, die in unserer Gesellschaft lebensnotwendige Aufgaben erfüllen.“

Am vergangenen Dienstag haben der Bund und die Länder die Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus weiter verschärft. Was jetzt noch nachdrücklicher als vorher verlangt wird, ist zu Hause zu bleiben, von dort zu arbeiten, Abstand zu halten, Begegnungen mit anderen Menschen zu vermeiden. Die Bundesregierung hat in ihren bewusst überspitzten Videos vom vergangenen Herbst Nichtstun und Auf-der-Couch-liegen mit dem Hashtag #besonderehelden unter Heroismusverdacht gestellt. Dabei sind das, was gerade von jedem einzelnen verlangt wird, ja eigentlich ganz und gar unheroische Taten. „Held wird man – kulturübergreifend – nur durch eine Tat, nicht durch ein Erleiden“, schreibt der Historiker Jan Philipp Reemtsma in „Helden und andere Probleme“. In diesen Tagen irrt er mit seinem Satz. Denn die neuen Helden machen ja bisweilen genau das: Wir ziehen nicht in den Kampf, wir tun nichts – wir unterlassen.

„Die Probleme können wir nur alle gemeinsam lösen“

Und es sind Tätigkeiten, die nur Wirkung entfalten, wenn nicht große Männer oder große Frauen Außergewöhnliches leisten, sondern wenn wir alle mitmachen. „Die Probleme können wir nur alle gemeinsam lösen, nicht einzelne Helden, denen wir dann einen Orden um den Hals hängen“, sagte der Soziologe Ulrich Bröckling in einem WDR-Interview. Und dies ist dann wohl auch der größte Unterschied zu all den Heldenerzählungen der Weltgeschichte. Am Ende kann uns vor allem ein Gedanke durch die Pandemie führen: Wir brauchen nicht nur Helden, wir müssen auch Helden sein.

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