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Schulöffnungen: Der schwierige Weg zurück in die Klassenzimmer

  • Die Debatte um die Rückkehr zum Regelbetrieb in Schulen und Kindergärten steckt im selben Dilemma wie andere Lockerungsdebatten auch.
  • Da die Wissenschaft noch keine eindeutigen Antworten geben kann, ist die Politik in der Entscheidungsfindung auf sich gestellt.
  • Deshalb planlos zu handeln ist allerdings keine Option, meint Dany Schrader.
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Was bleibt, wenn die Corona-Krise bewältigt ist? Eltern, Lehrer und Erzieher werden diese Frage kurz und knapp beantworten: Frust. Seit Wochen summiert sich unter Hashtags wie #Coronaeltern und #Coronaelternrechnenab der Eindruck des Vergessenwerdens. Familien mussten plötzlich Kinderbetreuung und Job gleichzeitig bewältigen. Die Unterstützung vom Staat verlief an vielen Stellen eher schleppend – und aus Sicht der Betroffenen unzureichend.

Kita- und Schulöffnungen sind eine gute Nachricht – eigentlich

Dass jetzt auf großer Bühne über Kita-Öffnungen und die Rückkehr zum Regelbetrieb in Schulen und Kindergärten diskutiert wird, könnte deshalb eigentlich eine gute Nachricht sein – zumal einige Bundesländer schon bald zum Normalbetrieb zurückkehren wollen. Die jüngsten Pläne allerdings offenbaren auch, wie planlos in der Familien- und Bildungspolitik bisweilen vor und in der Pandemie agiert wird und wurde.

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Zunächst einmal liegen die Gründe für die Rückkehr zum Regelbetrieb auf der Hand: Der wahnsinnige und oft kaum zu bewältigende Spagat, den Eltern seit Monaten zwischen Job, Homeschooling und Kinderbetreuung absolvieren, hätte endlich ein Ende. Auch die Wirtschaft würde profitieren: Eltern können erst dann wieder voll erwerbsfähig und damit stützende Faktoren für die krisengeschwächte Wirtschaft sein, wenn der Alltag an Betreuungseinrichtungen und Schulen wieder läuft.

Die Krise trifft vor allem die ohnehin schon Schwachen

Zudem braucht Bildung Kontinuität – und die ist, selbst an Schulen mit hoher Digitalisierungsrate, aus der Ferne nicht zu leisten. Schon jetzt steht fest, dass die ohnehin schon schwachen Schüler und Kinder aus bildungsfernen Haushalten die Verlierer dieser Krise sein werden. Nicht umsonst warnt der Deutsche Kinderschutzbund vor dem Hintergrund des coronabedingten Schulausfalls vor einer “verlorenen Generation” für den Arbeitsmarkt.

Wenn Fitnessstudios öffen - warum nicht auch die Schulen?

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Diese Argumente haben Länder wie Schleswig-Holstein im Rücken, wenn sie mit großen Schritten schnelle Lockerungen planen: Die Landesregierung in Kiel hatte am Mittwoch entschieden, dass dort alle Grundschüler schon vom 8. Juni an wieder zur Schule gehen sollen – und zwar ohne Abstandsregeln. Bis zum Beginn der Sommerferien am 29. Juni sollen die Kitas wieder landesweit zu 100 Prozent ausgelastet sein. Und es ist ja richtig: Wenn Fitnessstudios, Biergärten und Freizeitparks öffnen, ist es fragwürdig, ausgerechnet Schulen und Kindertagesstätten geschlossen zu halten.

Kritiker sehen Schulöffnungen als großes Experiment

Doch sind die Kritiker auf der Gegenseite der Debatte deshalb gleich übervorsichtige “Corona-Spießer”? Wiegen ihre Argumente weniger schwer? Wer die wissenschaftliche Debatte aufmerksam verfolgt, kennt den aktuellen Streit der Forscher zum Thema Kinder und Corona. Inwieweit sie das Infektionsgeschehen beeinflussen oder gar selbst vom Virus beeinträchtigt sind, lässt sich, wie so vieles dieser Tage, noch nicht wissenschaftlich belastbar beantworten. Ebenso ist unklar, inwiefern sich die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten seit Anfang März auf die sinkenden Fallzahlen ausgewirkt haben.

Bildung oder Sicherheit? Die Lockerungsfrage ist ein scheinbar unlösbares Dilemma

Bildung oder Sicherheit? Vor diesem Hintergrund wird die Lockerungsfrage in Bezug auf Schulen und Kindergärten zu einem scheinbar unlösbaren Dilemma. Kritiker bezeichnen eine Rückkehr zum Regelbetrieb auch mit Blick auf die mögliche Gefährdung von Lehrern, Betreuern und Kindern als großes Experiment. Und wer will den Menschen erklären, dass sie weiterhin 1,5-Meter Abstand halten sollen, wenn ein schlecht belüftetes Klassenzimmer mit bis zu 30 Schülern von diesem Gebot ausgenommen ist?

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Es braucht jetzt nicht nur Worte - sondern Konzepte, Hilfen und Vorgaben

Nicht nur Firmen, Restaurants und Fitnessstudios benötigen dieser Tage schlüssige Hygienekonzepte. Auch Schulen und Kindertagesstätten brauchen jetzt nicht nur Worte - sondern Ideen, einheitliche Vorgaben und vor allem finanzielle Hilfen für die neue Normalität mit dem Virus. Im Kern geht es dabei wieder einmal um die große Frage, die auch schon vor Corona zu zahlreichen Debatten führte: Wie wichtig sind in diesem Land die Bedürfnisse von Eltern, Kindern, Jugendlichen und den für sie zuständigen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen? Ein guter Anfang wäre, sie bei der Bewältigung des neuen Alltags nicht schon wieder allein zu lassen.


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