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  • Corona und Homö­opathie: Impfgegner und ihre Beweggründe aus der Natur

Homöopathie und Pandemie: Nein zum Impfen aus Liebe zur Natur

  • Was treibt Deutsch­lands Impf­verwei­gerer zu ihrem hart­näckigen Nein? Wer tiefer bohrt, stößt oft auf eine Verklä­rung der Natur.
  • Neue Studien zeigen: Wenn der Glaube an Homö­opathie wächst, lässt die Impf­bereit­schaft nach.
  • Deutsch­land zahlt jetzt einen Preis für die Abkehr vieler moderner Menschen von wissen­schaft­li­chem Denken.
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Irgend­wann hat Anton Hötzels­perger es aufge­geben. Eine Zeit lang hat er noch versucht, unge­impfte Bekannte und Freunde zum Impfen zu über­reden. Doch es hat einfach nie geklappt, in keinem einzigen Fall.

Zumin­dest weiß er inzwischen: Es liegt nicht an ihm. Es liegt an der Dick­schädelig­keit der Impf­­gegner und Impf­gegne­rinnen um ihn herum.

Hötzels­perger lebt im Land­kreis Rosen­heim. Die Region, eine Auto­stunde südöst­lich von München, hat eine Inzi­denz von 979 und eine der niedrigsten Impf­quoten der Republik. Mitte November meldete das Gesund­heits­amt 57,7 Prozent voll­ständig Geimpfte – und fügte alar­miert hinzu: „Die wöchent­lichen Zuwächse bewegen sich nur im Zehntel­prozent­bereich.“

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Was ist da los? Hötzels­perger seufzt. Es sei kompli­ziert. „Das Beste ist“, sagt er düster, „man klam­mert das Thema im Alltag aus.“

„Die Impfgegner sind ganz normale Leute“

Der „Toni“ kennt die Leute im Land­kreis, er ist hier vernetzt wie wenige. Laptop und Leder­hose: Hötzels­perger lebt das baye­rische PR-Motto wört­lich vor. Er ist Gründer der „Samer­berger Nach­richten“, eines kleinen, vitalen Nachrichtenportals, und er ist Mitglied im regio­nalen Trachten­verein. In der Tracht durfte er mal Barack Obama die Hand schüt­teln, im Jahr 2015, vor dem G7-Treffen auf Schloss Elmau.

„Die Impf­gegner hier bei uns“, sagt Hötzels­perger, „sind ganz normale Leute, tüchtig, erfolg­reich, vernünftig.“ Seine Frau Rosi gibt ihm recht: „Das ist hier nichts Politi­sches.“

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„Das sind oft ganz normale Leute, tüchtig, erfolg­reich und vernünftig“: Rosi und Anton Hötzels­perger aus dem Land­kreis Rosen­heim berichten über ihre Begeg­nungen mit Impf­gegnern. © Quelle: privat

Beide berichten von Spritzen­­verwei­gerern, mit denen man sich wunder­bar eine Stunde lang unter­halten könne, ohne dass sie irgend­etwas Seltsames sagen. „Doch wenn die Rede aufs Impfen kommt, setzt es plötz­lich aus.“ Dann höre man auf einmal Hass­tiraden auf „die da oben“. Oft fielen die Namen Angela Merkel und Markus Söder „und manch­mal auch Bill Gates“.

In der maleri­schen Land­schaft zwischen Inn und Chiem­see tun sich hinter hübsch getünchten Fassaden Abgründe auf. Da gibt es den Gast­wirt, der nach außen hin die 2G-Regel durch­setzt – und sich selbst nicht impfen lassen will. Da gibt es Pfarr­gemeinde­rats­mitglieder, die viel soziales Engage­ment zeigen – und gleich­zeitig Nein sagen zum Impfen. Und da gibt es die resolute Bäuerin, Anfang fünfzig, die stolz verkündet, sie setze gerade in diesen schwie­rigen Zeiten auf Homö­opathie. Die Pharma­industrie jeden­falls werde ihr „nichts in den Körper spritzen“, das erspare sie auf ihrem Öko­hof ja auch ihren Tieren.

Schon mit Masern gab es in Bayern Probleme

Wolf­gang Hierl, Chef des Gesund­heitsamts in Rosen­heim, kennt seine Pappen­­heimer. Schon vor fünf Jahren gab es ähnliche Probleme. Da lehnten in seiner Region mehr Eltern als irgendwo sonst in Bayern es ab, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen.

Heute wie damals argumen­tierte Hierl hände­ringend, es gehe um einen hoch­anste­ckenden Erreger, der im Fall schwerer Verläufe blei­bende Schäden im Orga­nismus anrichte. Heute wie damals aller­dings zeigten sich viele Rosen­heimer von den amtli­chen Warnungen völlig unbeein­druckt.

Nein zum Impfen aus Liebe zur Natur: Manches klingt da nach grün-alterna­tivem Gedanken­gut, anderes auch nach Volks­gesund­heits­theo­rien wie zu Zeiten der Nazis.

Krank­heit konnte nach seiner Ansicht einen erziehe­rischen Sinn haben, er selbst sah sich als Hell­seher: Rudolf Steiner. © Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Wer gesund lebe und seine Wider­stands­kraft stähle, habe eigent­lich nichts zu fürchten – so sahen es schon die Begründer von Homö­opathie und Anthro­poso­phie, Samuel Hahne­mann (1755–1843) und Rudolf Steiner (1861–1925). In Steiners Welt ist Krank­heit nichts, was unbe­dingt vermieden werden muss, der Krank­heit wird sogar ein erziehe­rischer Sinn zuge­messen. „Wollen wir die Stärke, die Gesund­heit, dann müssen wir ihre Vorbedin­gung, die Krank­heit, mit in Kauf nehmen“, lehrte Steiner.

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Nirgendwo fand diese Einstel­lung eine so weite Verbrei­tung wie in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz. Heute sind diese drei Hoch­burgen der Homö­opathie die drei Länder mit den höchsten Anteilen an Unge­impften in West­europa.

Bayern spendiert 800.000 Euro für Homöopathieforschung

Inner­halb Deutsch­lands genießt die Homö­opathie vor allem in Bayern und Baden-Württem­berg Ansehen. Der baye­rische Land­tag geneh­migte noch Ende 2019, kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie, eine 800.000 Euro teure Studie zu der Frage, „ob durch homö­opathi­sche Mittel der Einsatz von Anti­biotika redu­ziert werden kann“. Nach hitziger Debatte gab es aus drei Frak­tionen genü­gend Ja-Stimmen: CSU, Freie Wähler und Grüne.

SPD und FDP schüttelten sich. Die sozial­demo­kratische Gesund­heits­expertin Ruth Wald­mann sprach von „Unfug“, der finanz­poli­tische Sprecher der FDP-Land­tags­fraktion, Helmut Kalten­hauser, von unfass­barer Geld­verschwen­dung: „Wenn das so weiter­geht, schmeißt die Staats­regie­rung noch eine Million Euro für eine Studie aus dem Fenster, die eruieren soll, ob Exor­zisten wirklich den Teufel austreiben können.“ Die Abge­ordnete Susann Enders von den Freien Wählern indessen konterte, SPD und FDP sollten aufhören, auf die Homö­opathie ein­zu­prü­geln: „Wer heilt, hat recht, ob es Ihnen passt oder nicht.“

Wissen­schaft­lich konnten posi­tive Wirkungen der Homö­opathie über Placebo­effekte hinaus welt­weit nie nach­gewiesen werden. Spürbar sind indessen neuer­dings die nega­tiven Wirkungen der Homö­opathie auf die laufenden Impf­kampagnen.

Profes­sorin Sonja Haug konnte in einer Studie des Regens­burg Center of Health Sciences and Tech­nology mittlerweile eine Korrela­tion nach­weisen. Ob Homö­opathie, Bach­blüten oder traditio­nelle chine­sische Medizin: Befragte, die viel von alter­nativen Heil­verfahren halten, haben zugleich eine deut­lich niedri­gere Impf­bereit­schaft erkennen lassen als jene, die noch nie von Kügel­chen über­zeugt waren.

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Spahn: „Geimpft, genesen oder gestorben“
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht in der Corona-Impfung eine „moralische Verpflichtung“.  © AFP

Heilung mit dem Gift der Buschmeisterschlange?

Werden jetzt die Homö­opathen zu neuen Sünden­böcken der Corona-Debatten? Wissen­schaftler warnen vor Verein­fachungen.

„Die aktuelle Strö­mung gegen das Impfen speist sich aus mehreren Quellen gleich­zeitig“, sagt Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Univer­sität Tübingen. Liberale Impf­verwei­gerer in der Groß­stadt wollten ihre indivi­duelle Selbst­bestim­mung beweisen. Nein­sager in der Provinz schraubten sich hinein in den Glauben, ihre Region sei eine eigene, bessere Welt; ein Beispiel sei das Schweizer Alp­thal, wo Corona-Rebellen jüngst einen Impf­bus blo­ckier­ten. Der wohl mäch­tigste und alles über­spannende Faktor aber sei eine „Heilig­spre­chung der Natur“.

Kann ihr Gift – in homö­opathi­schen Dosen – Corona-Patienten helfen? Die Busch­meister­schlange (Lachesis) gehört zu den Gruben­ottern. © Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Die Szene der Homö­opathen hat keine einheit­liche Linie. Die einen raten zur Impfung, ein harter Kern aber beharrt auf sehr eigenen Wegen. Jens Wurster zum Beispiel, umstrit­tener Heiler mit Praxis in der Schweiz, propagiert in der „Allge­meinen Homö­opathi­schen Zeitung“ allen Ernstes eine Über­legen­heit der Alternativ­medizin, auch bei Corona: „Von meinen Patienten konnte ich 80 Prozent erfolg­reich mit Bryonia behan­­deln. Schwere Fälle habe ich mit Lachesis, Arse­nicum album oder Carbo vegeta­bilis thera­piert.“

Das alles klingt wissen­schaft­licher, als es ist. Bryonia zum Beispiel ist die Weiße Zaun­rübe, Lachesis das Gift der Busch­meister­schlange. Wie, bitte, hilft das gegen Corona?

„Einstieg in den Ausstieg aus wissenschaftlichem Denken“

Natalie Grams-Nobmann, Medizi­nerin und Autorin aus Heidelberg, hält dies alles für Humbug. Die 43-Jährige war zu Beginn ihrer Berufs­lauf­bahn selbst jahre­lang homö­opathisch tätig, gab dies aber auf – aus Mangel an Beweisen für die Wirkung der Kügel­chen und Essenzen.

In Büchern, Blogs und Podcasts fordert Grams-Nobmann eine stär­kere Patienten­orien­tierung der klassi­schen Medizin, entlarvt aber gleich­zeitig die Homö­opathie als „Einstieg in den Ausstieg aus wissen­schaft­lichem Denken“.

„Wir haben schon viel zu lange die heillos gewach­sene systema­tische Wissen­schafts­leug­nung im deut­schen Gesund­heits­wesen tole­riert“, sagt die Heidel­berger Ärztin und Ex-Homö­opathin Natalie Grams-Nobmann. © Quelle: Dorothée Piroelle/dpa-tmn

Natür­lich liege es in der Frei­heit von Patienten und Thera­peuten, auch irrealen Vorstel­lungen nach­zu­gehen. Doch das sei nur dann zu akzep­tieren, wenn dies nach­weis­lich niemandem schade. In der aktu­ellen Impf­debatte aber zeige sich, wie sehr mittler­weile ein Hang allzu vieler Menschen zum Unbewie­senen die Pandemie­bekämp­fung insge­samt objektiv bremse.

„Wir haben schon viel zu lange die heillos gewach­sene systema­tische Wissen­schafts­leug­nung im deut­schen Gesund­heits­wesen tole­riert“, sagt Grams-Nobmann dem Redak­tions­Netz­werk Deutsch­land. „In diesen Tagen bezahlen wir dafür einen hohen Preis.“

Weltweites Kopfschütteln mit Blick auf Deutschland

Während Deutsch­lands Inzi­denzen steigen, sinkt zugleich das Ansehen des Landes in aller Welt. Die „New York Times“ beschrieb ihren Lesern und Leserinnen dieser Tage einen deut­schen „Kultur­kampf“ ums Impfen, dessen Folgen sogar noch in Italien messbar seien: mit unter­durch­schnitt­lichen Impf­quoten in den deutsch­sprachigen Zonen um Bozen. Das US-Nach­richten­portal Bloom­berg Business fragte un­gläu­big bei Grams-Nobmann nach: „Homö­opathie funk­tioniert nicht. Warum glauben so viele Deutsche daran?“

Erstaunen herrscht auch in Brasilien, wo einst das Virus beson­ders wütete. Inzwi­schen müssen Kliniken etwa in São Paulo über­haupt keine Corona-Kranken mehr aufnehmen, die Regional­regie­rung hat die Impf­quote auf 98,7 Prozent getrieben. In einem Tweet berichtet „taz“-Korres­pondent Niklas Franzen von einer Szene, die die völlige Verkeh­rung der Verhält­nisse fest­hält.

Eine kleine Bar in São Paulo. Am Tresen sitzen zwei Männer und trinken Bier. Im Fern­sehen läuft ein Bericht über die drama­tische Corona-Lage in Deutsch­land. Einer der Männer fragt ungläubig: „In Deutsch­land, echt?“ Der andere antwortet: „Ja, diese Irren lassen sich nicht impfen.“

Deutschlands Impf­gegner bewegen derzeit wirk­lich viel, ihr langer Arm reicht weit.

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