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Corona und die (Un-)Menschlichkeit: Neuseeland lässt schwangere Bürgerin nicht einreisen – Taliban kümmern sich um sie

Neuseeländische Staatsangehörige müssen bei der Rückkehr ins Land in ein staatlich verwaltetes Quarantänehotel – weil die Plätze begrenzt sind, dürfen einige Bürgerinnen und Bürger nicht einreisen.

Normalerweise sind die Rollen klar verteilt, wenn es um Menschen­rechte im Generellen und Frauen­rechte im Besonderen geht: Neuseeland, der Vorzeige­staat, in dem die Gleich­berechtigung von Frau und Mann so verbreitet ist wie sonst kaum irgendwo auf der Welt, Rang sechs im Global Gender Gap Report, auf der einen Seite. Und auf der anderen: Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban, die Frauen steinigen, foltern, einsperren und unterdrücken.

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Doch Charlotte Bellis, Journalistin aus Christchurch, macht derzeit eine andere Erfahrung. Und seit sie diese am Samstag in einem offenen Brief im „New Zealand Herald“ dargestellt hat, wird in Neuseeland über die Menschlichkeit diskutiert, und wie sie, zumindest in diesem Fall, in der Pandemie verloren scheint, weil Quarantäne­spots wichtiger sind als eine sichere Geburt. Gleich­zeitig entfacht es aber auch eine Debatte über eine mögliche Inszenierung der Taliban – als Retter der ausländischen Frau, während Afghaninnen unter dem Regime leiden.

Unverheiratet schwanger in Katar – eine Straftat

Doch von vorne: Journalistin Charlotte Bellis arbeitete für den TV-Sender Al Jazeera in Doha und hielt sich häufig in Afghanistan auf. Sie berichtete über den Abzug der amerikanischen Truppen und die Macht­übernahme der Taliban. Als sie im September nach einer Recherche zurück nach Doha kam, entdeckte sie ihre Schwangerschaft – nachdem ein Arzt ihr Unfruchtbarkeit diagnostiziert hatte, so Bellis in dem Text. Das Problem: In Katar ist es verboten, unverheiratet schwanger zu sein. Und ihr Heimat­land, Neuseeland, hat die Grenzen dichtgemacht. Sie versuchte sich für eine Einreise zu bewerben, per Los wird entschieden – vergebens. Ihren Job in Doha musste sie jedenfalls kündigen, um einer Haftstrafe wegen unehelicher Schwangerschaft zu entgehen. Auch ihre Aufenthalts­genehmigung war damit hinfällig.

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Dann die Wende: Neuseeland verkündete den Plan, Bürgerinnen und Bürger im Februar wieder ins Land zu lassen. Für Bellis wäre das passend gewesen, die letzte Phase der Schwangerschaft hätte sie dann in Neuseeland erlebt. Und so buchte sie einen Flug für Ende Februar. Es ging nur noch darum, wo im Ausland sie die Zeit absitzen könne, um mit einem normalen Passagier­flugzeug in ihre Heimat zurück­zukehren.

Visum für Belgien läuft ab, Neuseeland setzt angekündigte Öffnung aus

Mit ihrem Lebens­gefährten Jim Huylebroek, einem belgischen Fotografen der „New York Times“, der ebenfalls in Afghanistan arbeitet, reiste sie nach Belgien. Dort darf sie sich aufgrund von Visa­beschränkungen innerhalb eines halben Jahres aber nur drei Monate lang aufhalten. Und während sie in Belgien war, setzte Neuseeland die Grenz­öffnungen aufgrund der Omikron-Welle für eigene Staats­angehörige erneut auf unbestimmte Zeit aus.

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Die Zeit wurde knapp für das Paar, denn es wollte sich einige Visatage in Belgien für den Notfall aufheben. Das einzige Land, für das beide ein Visum hatten: Afghanistan. Bellis beschreibt eindrücklich, wie sie mit hoch­rangigen Taliban, über die sie zuvor berichtet hatte, verhandelte. „Ihr wisst, dass ich Jim von der ‚New York Times‘ date, aber wir nicht verheiratet sind? Nun, ich bin schwanger und ich kann nicht nach Neuseeland zurück. Wenn ich nach Kabul komme, werden wir ein Problem haben?“

Wenn dir – einer schwangeren, unverheirateten Frau – die Taliban einen sicheren Zufluchts­ort bieten, dann weißt du, dass deine Situation ziemlich verfahren ist.

Charlotte Bellis

Ihr Kontakt habe geantwortet: „Ihr könnt kommen und werdet kein Problem haben. Sagt den Leuten, dass ihr verheiratet seid und wenn die Situation eskaliert, ruft uns an.“ Bellis schreibt in ihrem Beitrag: „Wenn dir – einer schwangeren, unverheirateten Frau – die Taliban einen sicheren Zufluchts­ort bieten, dann weißt du, dass deine Situation ziemlich verfahren ist.“

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Neuseeland lehnt Notfall-Einreise­antrag einer Staats­angehörigen ab

Denn während die Taliban dem Paar gegenüber offenbar tolerant waren, war es die neuseeländische Einwanderungs­behörde nicht. In Afghanistan angekommen, beantragte Bellis Mitte Januar die Einreise nach Neuseeland als Notfall über das sogenannte „Emergency MIQ“-Programm. Doch der Antrag wurde abgelehnt – zum einen, weil der bereits gebuchte Flug Ende Februar und damit nicht in einem zwei­wöchigen Zeit­fenster war, das einen Notfall ausmacht, zum anderen, weil Bellis nicht habe beweisen können, dass die medizinische Versorgung an ihrem Aufenthalts­ort – Kabul – schlechter sei als in Neuseeland.

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Laut Medien­berichten ist es nicht das erste Mal, dass Menschen in Not, darunter häufig schwangere Frauen, abgewiesen werden – sie dürfen trotz gültigem neuseeländischen Pass nicht in ihre Heimat zurückkehren. Das Problem: Über das Notfall­programm MIQ, Managed Isolation and Quarantine (kontrollierte Isolation und Quarantäne), können Neuseeländerinnen und Neuseeländer zurück­kehren, allerdings müssen diese ihre Quarantäne in staatlichen Einrichtungen absitzen.

Dort sind die Plätze begrenzt, zumal durch Omikron die Quarantäne­stationen voll sind. Statistiken zufolge werden derzeit nur 5 Prozent der Bürgerinnen und Bürger ins Land gelassen, wenn sie nicht an ihrem aktuellen Aufenthalts­ort bleiben können. 14 Prozent sind es unter jenen, deren Gesundheit und Sicherheit akut gefährdet ist.

In Afghanistan kann Schwangerschaft ein Todes­urteil sein

„Hier in Afghanistan kann eine Schwangerschaft ein Todes­urteil sein“, schreibt Bellis. Und bezieht sich damit nicht darauf, dass sie unverheiratet schwanger ist, sondern vor allem auf die hygienischen Zustände in den Kranken­häusern.

„Ich habe darüber nachgedacht, der Behörde eine Reportage zu schicken, die ich im Oktober in einer Entbindungs­klinik in Kabul gemacht habe, wo es keinen Strom gab und die Entbindungen nachts mit Handy­licht durchgeführt wurden“, schreibt Bellis. Kaiser­schnitte seien unmöglich gewesen, Paracetamol als einzige Medizin vorhanden gewesen. Laut den Vereinten Nationen (UN) ist Afghanistan schon vor der Macht­übernahme der Taliban eines der Länder mit der weltweit höchsten Mütter­sterblichkeit gewesen: 638 von 100.000 Frauen sterben bei einer Geburt, bei 1,2 Millionen Geburten pro Jahr. Bis 2025 erwarten die UN noch einmal einen deutlichen Anstieg.

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Neuseeland will sich doch noch einmal mit dem Antrag beschäftigen

„Brutale Ironie“ sei es, so Bellis, dass sie im vergangenen Jahr auf einer Presse­konferenz die Taliban gefragt habe, was diese zum Schutz von Frauen und Kindern tun würden. „Jetzt muss ich die gleiche Frage an meine eigene Regierung stellen.“ Von 229 Eilanträgen auf eine Einreise wegen einer Schwangerschaft wurden nur 23 bewilligt, berichtet der „New Zealand Herald“ in einem weiteren Artikel.

Bellis kontaktierte neuseeländischer Abgeordnete, nahm sich einen Anwalt und machte ihren Fall öffentlich – und es folgte eine 180-Grad-Wendung. Der Status ihrer Bewerbung wurde von „abgelehnt“ auf „im Prozess“ geändert, ihr Lebens­gefährte erhielt ein Visum für den Notfall, womit er sich nun ebenfalls um eine Einreise bewerben kann.

Seitens der Einwanderungs­behörde sieht man keine Fehler – außer der versehentlichen direkten Ablehnung. In einer Stellungnahme heißt es, Bellis sei nur wenige Minuten nach der Ablehnung informiert worden, dass sie ihr Reise­datum vorverlegen und weitere Unterlagen einreichen müsse. Das sei „nicht ungewöhnlich und ein Beispiel für die Hilfs­bereitschaft des Teams gegenüber Neuseeländern, die sich in einer misslichen Lage befinden“, wird MIQ-Chef Chris Bunny im „New Zealand Herald“ zitiert. Eine Anfrage des Redaktions­Netzwerks Deutschland bei Bellis blieb zunächst unbeantwortet.

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„Ekel­erregend“ und „grausam“: internationale Kritik an neuseeländischen Corona-Regeln

Doch der Fall schlägt inzwischen international Wellen. TV-Moderator Dan Bottom vom britischen Sender Sky News bezeichnete die Situation als „unvorstellbare Grausamkeit“ seitens der neuseeländischen Regierung, die britische Schauspielerin Denise Welch sprach von einer „unglaublichen Geschichte“, die „ekel­erregend“ sei. Die Deutsche Welle berichtet, die „New York Post“, der „Guardian“, es erschienen Artikel in deutschen, spanischen und italienischen Medien. „Wir leben in einer beispiellosen Zeit“, schreibt Twitter-Nutzer „Liberty Down Under“.

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Während Charlotte Bellis in den sozialen Medien viel Zuspruch bekommt und ein drittes Land, das weder Afghanistan noch Neuseeland ist, ihr laut Radio New Zealand bereits Asyl geboten hat, sind andere weniger von der Geschichte überzeugt. Eine Frau schreibt auf Twitter, mit einem neuseeländischen Pass könne man in 186 Staaten ohne Visa reisen. Es sollte also Möglichkeiten geben, das Kind nicht in Afghanistan gebären zu müssen.

Frauenrechtsdemo in Afghanistan: Taliban treiben Demonstrantinnen mit Schüssen auseinander

In der afghanischen Hauptstadt Kabul werden Journalisten mit Gewalt daran gehindert, das Geschehen zu dokumentieren.

Afghaninnen und Afghanen fürchten Verherrlichung des Taliban­regimes

Einige afghanische Menschen­rechtlerinnen und Menschen­rechtler, darunter der Autor Emran Feroz und die Feministin Sahar Fetrat, werfen ihr vor, die Taliban für Menschlichkeit zu bewerben und dabei die Realität von afghanischen Frauen, die unter dem Terror­regime leiden, zu verkennen. Es sei inzwischen eine Methode der Taliban, zu ausländischen – vornehmlich weißen – Journalistinnen und Journalisten nett zu sein, um am Image im Westen zu arbeiten. Eine Frau schreibt bei Twitter: „Vielleicht kannst du die Taliban ja fragen, wo Tamana, ihre Schwestern, und Parwana sind? Leider bringen die Taliban afghanische Frauen um.“ Die beiden Frauen­rechtlerinnen sowie Familien­angehörige wurden vor wenigen Tagen von den Taliban verschleppt und sind seither verschwunden.

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Zu den Vorwürfen hat sich Charlotte Bellis bisher nicht geäußert. Auch von den neuseeländischen Behörden gibt es zunächst kein Update in dem Fall. Noch hat Bellis allerdings auch Zeit: Ihr kleines Mädchen soll im Mai zur Welt kommen.

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