Corona und die Schulöffnung: Die drei ???

  • Die Öffnung der Schule ist beschlossen - doch viele praktische und medizinische Fragen sind ungeklärt.
  • Gewerkschafter und Elternvertreter fordern Schutzmaßnahmen für Lehrer und Eltern, die zur Risikogruppe gehören.
  • Die Kinder selbst spüren eine Infektion oft kaum oder gar nicht - können das Virus aber sehr wohl verbreiten.
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Berlin. Unfair. Ungerecht. Überflüssig. Diese Worte fallen immer wieder im Gespräch mit ihr, laut vorgetragen – und mit Wut. Doch dann wird die Stimme der 17-Jährigen aus der Nähe von Düsseldorf leise: „Muss ich mich denn wirklich zwischen der Gesundheit meiner Familie und meinen Prüfungen entscheiden?“

Deutschland tritt in eine erste Phase des Exits aus den massiven Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens durch die Corona-Pandemie ein – zumindest ein bisschen. Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben entschieden: Die Schulen sollen schrittweise wieder öffnen – bald zumindest für Abschlussklassen in den unterschiedlichen Schulformen. Dort, wo es um etwas geht. An den Kitas wird zumindest die Notbetreuung ausgeweitet. Doch gleichzeitig gibt es auch große Unsicherheit, was eine Öffnung der Einrichtungen nun bedeuten könnte.

“Am Ende bringen sie uns das Virus ins Haus”

Der Vater der 17-Jährigen hat Colitis ulcerosa, eine Autoimmunerkrankung des Darmes. Das sei eigentlich „keine riesige Sache“, sagt der Vater. Der Arzt habe ihm auch gesagt, er solle sich deswegen trotz Corona keine übermäßigen Sorgen machen. Nur zum Homeof­fice habe er ihm geraten, sagt der Bankangestellte. Aber gilt all das jetzt noch, fragt er sich.

Die Unsicherheit ist nicht ungewöhnlich, berichtet Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats. Er bekomme viele Rückmeldungen von Eltern, die besorgt sagen: „Wir haben doch selbst Vorerkrankungen – da können wir doch unsere Kinder nicht zur Schule schicken.“ Die große Befürchtung laute: „Am Ende bringen sie uns das Virus ins Haus und wir sterben im schlimmsten Fall sogar.“

Es herrscht Zeitdruck

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Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), sieht die Länder in der Pflicht, eindeutige Regelungen zu treffen. Diese “müssen ganz klare Vorgaben machen, mit welchen Vorerkrankungen Lehrkräfte und Schüler zu Hause bleiben können – und auch, ab welchem Alter Lehrkräfte in die Risikogruppe fallen.” Auch wenn es Vorerkrankungen in der Familie gebe, sei für ihn klar: „Die Schüler müssen dann von der Pflicht, die Schule zu besuchen, befreit werden. Sie müssen aber weiter zu Hause Aufgaben bearbeiten.“ Das alles müsse verbindlich und nachvollziehbar geregelt werden: „Die Schulleiter sind ja Lehrkräfte und keine Ärzte, die so etwas entscheiden könnten.“

Es herrscht Zeitdruck – doch Gewerkschafter Beckmann und Elternvertreter Wassmuth sehen noch viel zu tun für die Länder, Schulen und Schulträger. Beide verweisen auf große Probleme bei den Hygienestandards in den Schulen. „Es fehlt oft schon an warmem Wasser in den Toilettenräumen – von Waschbecken in den Klassenräumen möchte ich gar nicht sprechen“, beklagt Wassmuth. „Hier ist viele Jahre lang zu wenig getan worden. Das rächt sich jetzt bitter.“

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Mehr Platz im Schulbus

Beckmann hat dazu einen Vorschlag: „Die Schulträger sollten ausloten, ob sie nicht zusätzlich Sanitärwagen beschaffen können, wie es sie sonst beispielsweise auf Schützenfesten oder anderen Großveranstaltungen gibt.“ Er verweist aber auch darauf, dass in Schulen in Zeiten der Pandemie häufiger sauber gemacht werden müsse, als dies derzeit der Fall sei. „Einmal am Tag das Gröbste wegmachen reicht bei Weitem nicht aus“, sagt er.

Weitere Themen drängen. „Wir brauchen Antworten darauf, wie der Transport der Schüler gewährleistet werden soll“, sagt Beckmann. „Wie können Abstandsregeln in Schulbussen gewährleistet werden? Ich könnte mir gut vorstellen, dass es mehr Busse als sonst braucht, auch wenn erst einmal weniger Schüler unterwegs sind.“

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Wer tröstet den Fünfjährigen, der in der Kita stürzt?

Die Fragen, die Lehrer und Eltern aufwerfen, sind vielfältig: Lassen sich die Kinder tatsächlich so über die Klassenräume verteilen, dass das Abstandsgebot eingehalten werden kann? Ist genug Aufsichtspersonal da, um Rangeleien auf dem Pausenhof zu verhindern – wenn doch ein Teil der Lehrer selbst wegen Vorerkrankungen zu Hause bleiben wird?

Die meisten Lehrervertreter und auch Eltern sagen aber zugleich, dass es unmöglich sein wird, alle Risiken auszuschließen. Beckmann verweist auf ein Beispiel aus dem Kita-Betrieb: „Wenn ein Fünfjähriger hinfällt und weint, dann erwartet er, dass die Erzieherin zu ihm kommt und ihn tröstet. Und das muss sie doch auch tun.“ Das gelte auch noch für Grundschulkinder.

Die Kinder tragen das Virus nicht in die Familien - bislang

Es gibt also viele praktische Fragen – aber eben auch medizinische. Die wichtigsten lauten: Wie ansteckend sind Kinder überhaupt? Und welche Rolle spielen sie bei der Ausbreitung von Covid-19?

„Man muss davon ausgehen, dass Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene“: Professor Reinhard Berner, Direktor der Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Dresden.
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Professor Reinhard Berner ist Infektiologe, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Direktor der Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Dresden. Zusammen mit seinem Team versucht er diese Fragen gerade zu klären – indem sie durch Befragungen die Infektionswege in Sachsen nachvollziehen. Der Zwischenstand deckt sich mit anderen internationalen Untersuchungen: „Bislang sind wir auf keinen Fall gestoßen, in dem die Kinder in den Familien als Erste betroffen waren.“ Sie waren es also nicht, die das Virus in die Familien getragen haben. Doch dieser vorläufige Befund ist aus seiner Sicht trügerisch, denn: „Man muss davon ausgehen, dass Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene“, sagt Berner.

Kinder als „Trojanische ­Pferde“

Dass Kinder bei der Ausbreitung des Virus bislang eine offenbar untergeordnete Rolle spielten, könnte laut Berner damit zusammenhängen, dass die Schulen sehr früh geschlossen wurden – und es vor allem die Skiurlauber oder Rückkehrer aus Risikogebieten waren, die Covid-19 hier verbreiteten. Bei Abstrichen im Rachen infizierter Kinder finden Mediziner aber ebenfalls zum Teil große Mengen des Virus – das sie hustend, niesend oder schniefend in der Welt verbreiten können.

Zugleich belegen zahlreiche Studien, dass Kinder meist nur sehr leicht an Covid-19 erkranken. Zwar gibt es auch in Deutschland inzwischen einige schwere Verläufe: So wurden hier laut einer laufenden Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie bislang 87 Kinder stationär behandelt, neun davon auf einer Intensivstation. Ein dreijähriges Kind, das zudem an einer Autoimmunerkrankung litt, ist an Covid-19 gestorben. Angesichts von bislang rund 135 000 bestätigten Infektionen in Deutschland sind das aus Sicht der Ärzte bislang jedoch sehr niedrige Zahlen.

Kinder spüren oft nicht, dass sie krank sind

So ergibt sich ein einerseits beruhigender, andererseits tückischer Stand: Kinder spüren oft nicht mal, dass sie krank sind – können das Virus aber sehr wohl verbreiten. „Als Trojanische Pferde spielen sie für Sars-CoV-2 eine wichtige Rolle“, konstatiert deshalb der Infektiologe Professor Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Dennoch plädieren auch die meisten Mediziner für eine schrittweise Öffnung der Schulen – zum Teil auch aus epidemiologischen Gründen: „Wenn wir mit derselben niedrigen Durchseuchung und Immunität in die nächste Infektsaison im Herbst gingen, wäre das ein großes Problem“, sagt der Dresdner Infektiologe Berner. Aus seiner Sicht würde sich die Gefahr einer massiven zweiten Covid-19-Welle nach dem Sommer massiv erhöhen, wenn die Infektionen jetzt komplett zurückgefahren würden.

Gewünscht: eine Ausbreitung auf niedrigem Niveau

Eine Ausbreitung auf niedrigem Niveau hält er daher für wünschenswert – die aber auch nicht komplett gefahrlos ist. „Um die Kinder mache ich mir keine Sorgen“, sagt Professor Arne Simon, Pädiater und Infektiologe am Uniklinikum des Saarlands. „Das Problem sind die vulnerablen Kontaktpersonen.“ Also etwa Großeltern, die in den Familien die Betreuung übernehmen. Oder Lehrer und Eltern mit Vorerkrankungen.

Was also wird die 17-Jährige aus der Nähe von Düsseldorf jetzt tun? Zu den Abivorbereitungen wolle sie nur im Notfall in die Schule gehen, sagt sie: „Die meisten Lehrer gehören selbst zu Risikogruppen und können wohl nicht kommen.“ Sie hofft jedenfalls, nichts zu verpassen. Zum Abi selbst werde sie aber wohl hingehen. „Was soll ich denn sonst tun?“

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