Corona und die Schulen: Eine Politik der verpassten Chancen

  • Es ist und bleibt richtig, dass die Politik eine hohe Priorität darauf legt, die Schulen offen zu halten.
  • Schlimm ist, dass sie zahlreiche Chancen verpasst hat, den Unterricht für Lehrer und Schüler sicherer zu machen – und sich vernünftig auf den Fall vorzubereiten, dass doch wieder Schulen geschlossen werden müssen.
  • Die Länder stehen in der kommenden Woche vor der Aufgabe, sich auf nachvollziehbare Kriterien zu verständigen, kommentiert Tobias Peter.
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Berlin. Es gibt Schüler, die sich auf Prüfungen nach folgendem Muster vorbereiten: Sie lernen nur für ein mögliches Thema, stets in der Hoffnung, dass dieses auch drankommen werde. So ungefähr lässt sich auch das Vorgehen der Bundesländer in Schulfragen während der Corona-Krise treffend beschreiben. Denn wenn die Politiker aus Bund und Ländern den Wissenschaftlern in den vergangenen Monaten zugehört haben, müssen sie gewusst haben, dass es im Winter die Gefahr einer zweiten Welle geben würde. Wer so etwas weiß, muss vorbereitet sein, auch wenn er auf ein erfreulicheres Szenario hofft.

Es ist und bleibt richtig, dass die Politik eine hohe Priorität darauf legt, die Schulen offen zu halten – und das im Idealfall auch für alle Schüler gleichzeitig. Jeder Tag Unterricht, der ausfällt, schadet insbesondere denjenigen, die es ohnehin schwerer haben, nämlich den Kindern und Jugendlichen, die zu Hause nicht gut gefördert werden können.


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Onlineunterricht – auch wenn er im Wechsel mit Präsenzunterricht angeboten wird – erreicht nicht dieselben Ergebnisse wie Lehrer und Schüler, die sich von Angesicht zu Angesicht begegnen. Genau deshalb ist der Vorschlag, die Klassen zu halbieren, jetzt so schwierig umzusetzen. Die Länder sollten deshalb die kommende Woche endlich nutzen, um sich auf nachvollziehbare Kriterien zu verständigen, ab welchen Infektionszahlen ein solcher Schritt notwendig ist.

Wie wäre es mal mit Schichtbetrieb?

Darüber hinaus ist es ein Jammer, dass so viele Chancen ausgelassen wurden und werden, die Gefahr für Lehrer und Schüler zu verringern. Das Potenzial von Schichtmodellen an den Schulen beispielsweise wird eher diskutiert als genutzt. Dabei wäre schon viel geholfen, wenn ältere Schüler später am Tag zum Unterricht kämen, um den Betrieb zu entzerren. Wann, wenn nicht jetzt, wollen wir solche Wege gehen?

Und warum sind in den Sommerferien die Lehrer nicht in großer Zahl für Onlineunterricht qualifiziert worden? Der Staat hätte es den Lehrern nicht durchgehen lassen dürfen, dass sie sich gegen eine entsprechende Fortbildungspflicht in der unterrichtsfreien Zeit gestemmt haben.

Im Frühjahr haben wir Schulen und Kitas weitgehend geschlossen, weil wir es im Kampf für die Pandemie für nötig hielten. Jetzt sind die Erwachsenen gefordert, sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten, damit nicht wieder Entscheidungen zulasten der Bildungschancen junger Menschen getroffen werden müssen. Manches mag dem Einzelnen als Zumutung erscheinen – aber sie ist notwendig. Die Corona-Zahlen stabilisieren sich zu langsam. Unsere Gesellschaft muss jeden ihrer Schritte genau abwägen. Das könnte auch Einschränkungen beim Weihnachtsfest bedeuten: Wenn danach Schulen geschlossen werden müssten, wäre der Preis für ein gemeinsames Familienfest zu hoch.

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