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Corona und die Pflege: “Unvertretbar, Ältere länger als nötig zu isolieren”

  • Die Korian-Gruppe ist mit 237 Pflegeeinrichtungen und 36 ambulanten Diensten der größte Pflegeanbieter in Deutschland.
  • Im RND-Interview spricht Vorstand Christian Gharieb über die Pflege in Corona-Zeiten und über Besucher-Apps.
  • Aber es geht auch um die bessere Bezahlung der Mitarbeiter.
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Berlin. Herr Gharieb, Korian ist ein französisches, börsennotiertes Unternehmen, das nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland, Italien und Belgien, Spanien und den Niederlanden aktiv ist. Wie kommen Sie hier mit der Pandemie zurecht?

Gerade unsere Strukturen und Ressourcen als großer Betreiber haben uns geholfen, relativ schnell zu reagieren. Zu einer Zeit, als das Thema Schutzausrüstungen in der deutschen Öffentlichkeit noch gar nicht richtig präsent war, haben wir zum Beispiel begonnen, unseren Bestand an FFP2-Masken aufzustocken.

Wie hat sich die Situation entwickelt?

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Deutschland und das deutsche Gesundheitssystem sind bisher insgesamt vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Das ist natürlich eine gute Ausgangsbasis. Die Versorgung lief und läuft sehr gut. Durch den Informationsaustausch im Unternehmen waren wir zudem in der Lage, unsere Mitarbeiter frühzeitig darauf zu schulen, auf welche Symptome sie besonders achten sollen. Außerdem haben wir sehr früh Schutzkonzepte erarbeitet und stufenweise in Kraft gesetzt.

Christian Gharieb, Korian-Vorstand. © Quelle: Korian

Was haben Sie unternommen?

Schon in der Karnevalszeit haben wir in den betroffenen Regionen in Nordrhein-Westfalen begonnen, bei Verdachtsfällen die Kontaktpersonen nachzuverfolgen, damit es nicht zu einem Massenausbruch in einer Einrichtung kommt. Weil wir die Gefahr sahen, galten bereits vor dem Inkrafttreten der staatlichen Einschränkungen Kontaktsperren, um unsere Bewohner und die Mitarbeiter zu schützen. Das hat Leben gerettet. In unseren Einrichtungen in Deutschland gab es bisher keine unkontrollierte Ausbreitung. Von unseren rund 26.000 Bewohnern sind in den vergangenen Wochen rund 60 mit oder an Covid-19 gestorben.

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Angesichts der vielfältigen Lockerungen im öffentlichen Leben muss es jetzt darum gehen, die Heimbewohner so gut wie möglich zu schützen. Wie ist das umsetzbar?

Es ist unvertretbar, ältere Menschen länger als unbedingt nötig zu isolieren. Die Herausforderung ist daher, Kontakte zu den Angehörigen zu ermöglichen, dabei jedoch ein Höchstmaß an Schutz zu gewährleisten. Zum Beispiel entwickeln wir gerade eine App, mit der wir die Besuchszeiten steuern können. Mithilfe der dort erfassten Informationen sind wir im Fall der Fälle auch in der Lage, die Kontaktpersonen schnell zu ermitteln.

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Was haben Sie in den Einrichtungen verändert?

Die Besucher werden so gelenkt, dass sie nicht erst durch die ganze Einrichtung laufen müssen, um ihre Angehörigen zu besuchen. Zudem haben wir extra Besuchsbereiche eingerichtet mit Trennwänden und Plexiglasscheiben. Jeder Besucher bekommt von uns auch bei Bedarf Schutzkleidung. Ausnahmen machen wir natürlich bei Bewohnern, die palliativ versorgt werden. Hier sind auch Besuche im Zimmer möglich, wenn gewünscht rund um die Uhr.

Es gibt ältere Menschen, die sagen, ihnen sei der enge Kontakt zu ihren Angehörigen wichtiger als der Schutz der eigenen Gesundheit. Was können Sie diesen Menschen anbieten?

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Wir kennen diese Wünsche und respektieren sie. Wo es baulich möglich ist, richten wir separate, besonders geschützte Bereiche ein. Das alles machen wir natürlich in Absprache mit dem jeweiligen Gesundheitsamt vor Ort.

Es besteht ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass Altenpfleger besser bezahlt werden müssen. Sie sind im Verband der privaten Pflegeunternehmen organisiert, der Tarifverträge ablehnt. Warum?

Auch wir treten für eine faire Bezahlung und eine angemessene Personalausstattung ein. Wir brauchen dringend eine Aufwertung des Berufs, um mehr Menschen für diese Tätigkeit zu begeistern. Ansonsten werden wir die Personalnot nicht lindern können. Wir sind daher nicht grundsätzlich gegen Tarifverträge, sondern dringen darauf, dass das Konzept ehrlich zu Ende gedacht wird: Wie werden steigende Kosten finanziert? Durch die Pflegeversicherung, die Steuerzahler oder die Heimbewohner über ihre Eigenanteile? Darauf muss die Politik erst einmal eine Antwort geben.

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