„Die wissen, dass es Bildungslücken gibt“: Experten warnen vor Pandemiefolgen auf dem Ausbildungsmarkt

  • 2020 haben erstmals weniger als 500.000 Jugendliche in Deutschland eine Berufsausbildung begonnen.
  • Dieses Jahr werde es aufgrund der anhaltenden Pandemie noch schlimmer kommen, wenn Politik und Wirtschaft nicht schnell handeln, warnen der Deutsche Kinderschutzbund und die Gewerkschaft GEW.
  • Vor allem eine Schülergruppe werde dabei abgehängt.
Nadine Wolter
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Das Schuljahr 2020/2021 ist für die wenigsten der deutschen Schülerinnen und Schüler ein gutes Jahr. Besonders schwierig ist die Situation für Jugendliche, die im Sommer die Sekundarstufe I verlassen und eine Ausbildung beginnen wollen. Sie betreten schlechter vorbereitet einen Arbeitsmarkt, auf dem weniger Ausbildungsplätze angeboten werden.

Arbeitsagentur vermeldet weniger Ausbildungsstellen

Bis März wurden bei der Bundesagentur für Arbeit 412.600 betriebliche Ausbildungsstellen gemeldet. Das sei ein deutlicher Rückgang um 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, sagte eine Sprecherin dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Grund seien vor allem die Pandemie und die damit verbundenen wirtschaftlichen Einschränkungen.

Anzeige

Zeitgleich ist die Zahl der über die Arbeitsagentur gemeldeten Bewerber um 12 Prozent gesunken. Auch dieser Rückgang dürfte pandemiebedingt sein, so die Sprecherin: „Ein Grund für die sinkenden Bewerbermeldungen, vor allem der aktuellen Schulabgänger, dürfte darin bestehen, dass sich Jugendliche trotz vorhandenen Ausbildungsinteresses nicht bei der Ausbildungsvermittlung melden, weil die gewohnten Zugangswege wegen der Pandemie versperrt und persönliche Beratungsgespräche kaum möglich sind.“

Weniger Praktika, fehlende Orientierung

Anzeige

Auch die fehlende Präsenz­berufsberatung an den Schulen spiele eine große Rolle. Online­angebote zur Berufsorientierung seien kein Ersatz für Projektwochen und Praktika, sagte Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Bildungsgewerkschaft GEW, dem RND. „Viele Jugendliche sind derzeit verunsichert, welchen Beruf sie ergreifen sollen.“

Zugleich fehlten den Schülern die Kontakte zu Betrieben, die sonst über Praktika entstehen. Häufig seien diese im laufenden und im vergangenen Schuljahr coronabedingt ausgefallen. Eine Schülergruppe ist so doppelt benachteiligt: „Gerade bei der Vermittlung von Jugendlichen mit schlechteren Zeugnissen ist der direkte persönliche Kontakt zu Betrieben besonders wichtig“, sagt Hoffmann.

Anzeige
Hauptstadt-Radar Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

Dazu kommt, dass man auch in der Wirtschaft von den Nachteilen des Distanzlernens wisse, sagte Heinz Hilgers vom Deutschen Kinderschutzbund dem RND. Er befürchtet, dass die Zeugnisse der Schulabgänger bei potenziellen Ausbildern nicht sonderlich wertgeschätzt werden. „Die wissen, dass es Bildungslücken gibt.“

Hilgers rechnet damit, dass wegen der Pandemie vor allem die Chancen leistungs­schwächerer Schüler auf dem Ausbildungsmarkt sinken. Insbesondere die Branchen, die oft „nicht zwingend ein super Zeugnis verlangen“, steckten gerade in der Krise und hätten ihr Ausbildungsangebot deutlich reduziert. Als Beispiele nennt Hilgers die Gastronomie, den Einzelhandel oder das Friseurgewerbe.

Video
Plan der Bundesregierung: Einheitliche Corona-Regeln sollen kommen
1:06 min
Die lange geforderte Einheitlichkeit der Corona-Maßnahmen in Deutschland soll kommen. Dazu soll das Infektionsschutzgesetz nachgeschärft werden.  © dpa

Er fordert, dass Bund und Länder jetzt außerbetriebliche Angebote aufstocken und vorsorgen, damit im Sommer nicht viele Jugendliche die Schule ohne Ausbildungsplatz verlassen und erst wieder nach sechs Monaten oder einem Jahr die Aussicht auf eine Ausbildung haben. Je länger die Pause zwischen Schulabschluss und Ausbildungsbeginn sei, desto stärker sänken die Chancen für Betroffene, so Hilgers. „Die Politik darf nicht zusehen, wie Jugendliche in die künftige Arbeitslosigkeit abgleiten.“ Auch die Ausbildungsprämie werde nicht reichen, um genug zusätzliche Angebote zu schaffen.

Sowohl GEW, als auch Kinderschutzbund kritisierten, dass die Situation der Schüler, die einen Hauptschul­abschluss oder die Fachoberschulfreife anstrebten, von der Politik bisher zu wenig Aufmerksamkeit erhalte.

Zugleich dürften verschiedene Schülergruppen nicht gegeneinander ausgespielt werden: „Mich wundert, dass wir immer nur über das Abitur reden“, sagte Hoffmann. Gerade Gymnasiasten kämen meist aus der Mittelschicht und verfügten über eine bessere Infrastruktur zum Lernen als materiell schlechtergestellte Schüler. „Offensichtlich ist die Gesellschaft an der künftigen potenziellen Elite der Gesellschaft mehr interessiert“, sagte Hilgers.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen