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Corona-Talk bei “Anne Will”: Söder rät zum Beten

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern.

Berlin. Müde und abgekämpft blickt Bayerns Ministerpräsident aus dem Bildschirm, der auf zwei Sockeln in der Talkrunde von „Anne Will“ ruht. Markus Söder lässt sich am Sonntagabend aus München dazuschalten; ein mustergültiges Beispiel sozialer Distanz in Zeiten von Corona. Der CSU-Chef selbst begründet seine physische Abwesenheit damit, dass er in Bayern derzeit unabkömmlich sei.

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Hinter Söder liegt ein Wochenende intensiven Krisenmanagements und hitzigen politischen Streits. Dieser erreichte seinen Höhepunkt während der zweieinhalbstündigen Telefonkonferenz mit den Ministerpräsidentenkollegen und der Bundeskanzlerin am Sonntagnachmittag. Dabei konnte sich Söder mit seiner harten Linie im Kampf gegen das Corona-Virus nicht durchsetzen; die meisten Länderkollegen wiesen seine Forderungen nach ganz strengen Ausgehbeschränkungen zurück. Womöglich liegt darin auch der gereizte Ton Söders am Sonntagabend in der ARD begründet.

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„Unangemessen“ nennt er Fragen nach seinem ganz vielleicht vorhandenen Bestreben, als härtester Corona-Bekämpfer wahrgenommen zu werden. Dem Ernst der Sache seien Fragen nach dem bekannt gewordenen Dissens zwischen ihm und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet nicht angemessen. „Es geht um Leben und Tod“, blafft Söder die Moderatorin an und wird dies im Laufe seiner zwanzigminütigen Präsenz in der Sendung wiederholen.

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“Anne Will” zu Corona: Söder will nicht diskutieren

Dabei wäre es durchaus erhellend gewesen, von Söder erklärt zu bekommen, worin denn eigentlich genau der Vorteil der von ihm favorisierten Ausgangssperre gegenüber der Kontaktreduzierung liegen soll, die Angela Merkel am Sonntag als bundesweit geltende Leitlinie präsentierte. Söder aber tut Fragen danach als parteipolitisches Kleinklein ab.

Im Eilverfahren schränken Bund und Länder die Freiheiten der Bürger ein. Das Land steht plötzlich still. Wie lange muss, wie lange kann dieser Ausnahmezustand andauern? Diese bange Frage treibt derzeit alle Bundesbürger um. Sie steht im Mittelpunkt der „Anne Will“-Sendung am Sonntagabend.

Helge Braun ist gekommen, um zu beruhigen. Jetzt habe man die Kontaktreduzierung „erst mal für zwei Wochen, und dann kontrollieren wir das“. Dann seien da ja noch die Schul- und Kitaschließungen bis zum 20. April „und dann schauen wir mal“, sagt der Chef des Bundeskanzleramts.

Dieses beschwichtigende „Wir“ – es kommt einem vertraut vor. Ach ja, vom letzten Besuch beim Hausarzt. Braun ist studierter Mediziner. Ihm fällt in der Corona-Krise die Rolle als Oberarzt der Nation zu. „Die Menschen müssen gute Nerven bewahren“, rät Dr. Braun.

Häusliche Quarantäne: Die Kanzlerin arbeitet von zu Hause aus

Das gilt wohl auch für ihn persönlich, denn diese Woche wird anders verlaufen als geplant. Am Sonntagabend begab sich Kanzlerin Merkel in häusliche Quarantäne. Zuvor war bekannt geworden, dass einer ihrer Ärzte am Virus erkrankt ist. Bei ihm hat Merkel sich am Freitag gegen Pneumokokken impfen lassen. Dass nun ausgerechnet dieser Arzt positiv getestet ist, „ist wirklich blöd“, sagt Braun. Er kündigt an, die Kanzlerin werde weder am Montag an der Kabinettssitzung teilnehmen noch am Mittwoch im Bundestag sprechen. „Sie geht mit gutem Beispiel voran“, so Braun.

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Dass das kollektive Zuhausebleiben schwerwiegende Kollateralschäden verursachen kann, hebt die Wolfsburger Medizinerin Bernadett Erdmann hervor. Es sei mit einem Anstieg an Depressionen, erhöhten Suizidraten und mehr Fällen von häuslicher Gewalt zu rechnen.

Erdmann hätte sich einheitliche, frühere Maßnahmen gewünscht. Jetzt bleibe den Kliniken nur noch wenig Zeit, um sich für den Ansturm von Patienten zu wappnen. Betten und Geräte ließen sich noch organisieren. Aber bei ausreichend kundigem Personal und ausreichend Schutzausrüstung sehe es schlecht aus.

“Ganz nah an der Krise” - Hans erwartet Aggressionen gegen Polizei

Finstere Prognosen stellt auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans an; auch er wird wie zuvor Söder zugeschaltet. „Wir sind ganz am Anfang dieser Krise“, sagt der CDU-Politiker. Hans zufolge werden die jetzt getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie auch negative Folgen haben, wirtschaftliche und psychosoziale. Daher solle nun auch die Polizei im Saarland Schutzkleidung erhalten. Denn bei der Durchsetzung des Kontaktverbots sei mit Aggressivität zu rechnen.

Ein wenig Zuversicht weiß immerhin die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann zu spenden. „Wir werden Erfolge sehen durch diese Kontaktreduzierung.“ Die Kliniken könnten die so gewonnene Zeit nutzen, um sich auf hohe Patientenzahlen vorzubereiten.

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In Corona-Krise Zeit gewinnen - und beten?

Zeit gewinnen – das ist zurzeit die einzige Strategie im Kampf gegen eine unkontrollierbare Ausbreitung des Virus. Dies erreiche man nur damit, dass man Begegnungen vermeide, hatte Söder gesagt. „Und wer gläubig ist“, hatte Söder ergänzt, der möge beten, dass es Deutschland nicht so hart trifft.

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