Die Alten isolieren? Was kommt nach dem Shutdown?

  • Wie lange kann Deutschland den gegenwärtigen Stillstand aushalten, fragen sich immer mehr Menschen.
  • In der Politik wird an Ausstiegsszenarien gearbeitet.
  • Schon jetzt wird über den richtigen Weg gestritten.
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Berlin. Bevor das Virus nach Deutschland kam, hatte Ingeborg Fischer* ein großes Geburtstagsfest geplant, eine Gaststätte gemietet, alle ihre Geschwister, Kinder, Enkel und Urenkel sollten samt Familie anreisen, schließlich wird man nur einmal 90 Jahre alt. Als das Virus kam, sagte sie das Fest ab, wollte vielleicht zu Hause feiern – aber als an diesem Montag nun der Geburtstag war, verbrachte Ingeborg Fischer ihn von morgens bis abends allein in ihrer Wohnung.

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“Da müssen wir jetzt einfach mal durch”, sagt sie am Telefon. Seit zwei Hüft-OPs ist sie wieder bestens zu Fuß, aber auf Hilfe angewiesen, beim Haarewaschen und Putzen zum Beispiel. Das übernimmt eigentlich die Familie, aber zum täglichen Ablegen der Thrombosestrümpfe und zur schnellen Gesundheitskontrolle kommt ein Pflegedienst – und der muss vermeiden, eine mögliche Infektion von einem Kunden zum nächsten zu tragen.

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“Ich musste unterschreiben, niemanden in die Wohnung zu lassen, der im Ausland war oder selbst anfällig ist”, erzählt sie, und auf ihre Söhne trifft das zu. “Und daran halten wir uns.” So sind die wechselnden Pfleger mit Mundschutz und Gummihandschuhen, die sich fünf Minuten bei ihr aufhalten, ihre letzten direkten Kontakte von Angesicht zu Angesicht.

“Manche Fragen stelle ich lieber nicht”

Beide Söhne, auch schon in Rente, wohnen mit ihren Frauen in derselben Stadt, im nordsächsischen Delitzsch bei Leipzig, sie stellen die Einkäufe vor die Tür. An Fischers Geburtstag haben sie ihr Kuchen vor die Tür gestellt und lange mit ihr telefoniert. Erst heute hat ihre jüngere Schwester ein Stück Butter in den Briefkasten gesteckt. Die Kaffeekränzchen mit anderen Seniorinnen sind längst abgesagt, und der Nachbarin wurde von ihrem Sohn untersagt, sich weiter mit Fischer auf einen Spaziergang zu treffen.

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Ein näherer Blick auf das Coronavirus
0:56 min
Die Corona-Krise hält Deutschland, Europa und die Welt in Atem und legt das öffentliche Leben weitgehend lahm. Hier ein näherer Blick auf den Übeltäter.  © Tim Szent-Ivanyi, Markus Decker/Reuters
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Im Moment hofft Fischer darauf, dass sich die Lage entspannt. Auf die Idee, dass das Leben draußen bald wieder normal weitergeht, sie aber weiter allein in der Wohnung sitzt, ist sie allerdings bislang nicht gekommen. “Manche Fragen stelle ich lieber nicht, sonst kriege ich nur eine Antwort, die mir nicht gefällt”, sagt sie.

Genau so könnte es kommen.

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Die vergangenen Tage waren beherrscht von den Versuchen der Politik, die Verbreitung des Virus abzubremsen und gleichzeitig Rettungspakete auf den Weg zu bringen, um die Folgen des Shutdowns für Beschäftigte und Unternehmen abzumildern. Doch inzwischen wird der Ruf derjenigen lauter, die angesichts der massiven Probleme, die der Stillstand mit sich bringt, ein Ausstiegsszenario fordern.

“Wir halten das nicht ewig aus”

Es war Ärztepräsident Klaus Reinhardt, der sich schon in der vergangenen Woche im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) mit einer Mahnung zu Wort gemeldet hatte. “Die jetzigen Einschränkungen hält unsere Gesellschaft nicht ewig durch”, warnte Reinhardt.

Und er war auch der Erste, der andeutete, wie es weitergehen könnte: “Wichtig ist, dass wir Risikogruppen isolieren, dann können wir durch eine langsame und kontrollierte weitere Ausbreitung in der jüngeren Bevölkerung einen Durchseuchungsgrad erreichen, der die Epidemie zum Ende bringt.”

Inzwischen ist dieser Ruf auch in der Politik angekommen. Gesundheitsminister Jens Spahn bekräftigte am Mittwoch, nach Ostern werde die Regierung zusammen mit den Ministerpräsidenten der Länder Ausstiegskonzepte besprechen. “Es wird auch eine Zeit nach Corona geben. Es wird eine Zeit geben, in der wir noch gegen das Virus kämpfen, aber in der sich das Leben wieder schrittweise normalisiert”, sagte er. Die Frage laute dann: Wie könne man Ältere, Hochbetagte und chronisch Kranke dennoch schützen?

“Risikogruppen aus dem Alltag nehmen”

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Die Alten bleiben in Quarantäne, die Jungen dürfen wieder ins Leben? Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer formulierte es so: Die Risikogruppen “aus dem Alltag nehmen” und die Jüngeren “kontrolliert wieder in den Produktionsprozess” integrieren. Doch ein solches Konzept löste umgehend Widerspruch aus. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast sprach von einem unsinnigen Vorschlag.

“Knapp 18 Millionen Menschen kann man nicht kasernieren, ohne Kontakt zu Jüngeren zu haben”, sagte Künast dem RND. Auch Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ging auf Distanz: “Wir kommen nur gemeinsam aus der Krise, nicht mit einem gespaltenen Land.” Christian Drosten, der bekannte Virologe an der Berliner Charité, sagte schlicht und ergreifend: “Die Idee, dass man nur Risikogruppen isoliert, funktioniert nicht.”

Sozialverbände äußeren sich ebenfalls ablehnend. “Auch ältere Menschen über 70 müssen einkaufen, mit dem Hund Gassi gehen und sich an der frischen Luft bewegen, wenn sich alle an die Regeln halten”, sagte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, dem RND. “Ausgangssperren für Ältere sind deshalb das falsche Mittel.” Viel wichtiger sei es, jetzt Menschen zu unterstützen, die sich nicht selbst helfen könnten, so Bentele.

“Es geht nur gemeinsam”

“Reden wir lieber über Nachbarschaftshilfe, zeigen wir uns solidarisch mit den Schwächsten und organisieren wir Hilfe”, forderte die VdK-Präsidentin. “Es geht nur gemeinsam.” Ähnlich reagierte der Präsident des Bundesverbands Volkssolidarität, Wolfram Friedersdorff. “Die soziale Isolierung der älteren Mitmenschen würde nicht nur die Ausgrenzung und Einsamkeit der Betroffenen verstärken, sondern auch gesundheitliche Probleme verursachen.” Man brauche vielmehr “soziale Verbundenheit”.

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Ungeachtet dessen hat die Idee auch Befürworter. “Ich denke, es wird über kurz oder lang darauf hinauslaufen müssen, dass die einschneidenden Restriktionen sich auf Ruheständler und andere spezielle Risikogruppen konzentrieren”, sagte die ehemalige Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff dem “Handelsblatt”.

Der Investor Alexander Dibelius fragte in derselben Zeitung: “Ist es richtig, dass 10 Prozent der wirklich bedrohten Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden, mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert?”

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Tablet und Smartphone für die Senioren

Ist eine Isolation von älteren Menschen aber überhaupt auszuhalten? Viele Pflegeheime haben schon seit Mitte März für Besucher geschlossen und konnten erste Erfahrungen sammeln. Die Leiterin eines Heimes in Monheim am Rhein berichtete, sie habe zunächst die Angebote für die Bewohner verändert. So würden zum Beispiel Informationsabende organisiert.

Denn: “Unsere Gäste schauen ja auch Fernsehen, das erzeugt natürlich auch riesige Ängste, über die die Menschen sprechen wollen.” Außerdem würden gemeinsame Liederabende veranstaltet. “Hier besteht ein ganz großes Bedürfnis zu singen”, so die Heimleiterin. “Es gibt ja den Begriff vom heilsamen Singen. Ich glaube, das tut uns hier allen gut.” Auch Demente, die die Situation zwar oft nicht verstünden, aber die Unruhe bemerkten, beruhige das.

Gleich nach dem Beschluss zur Isolation wurde ein Tablet angeschafft, wie die Heimleitern weiter erzählte. “Damit können die Bewohner jetzt mit ihren Angehörigen skypen.” Davon werde auch rege Gebrauch gemacht. Selbst die Hochbetagten seien begeistert. Eine ältere Dame, die mit ihren Angehörigen geskypt habe, komme jetzt immer wieder auf sie zu und erzähle ganz beglückt: “Mein Sohn war in einem kleinen Kasten und hat mich gegrüßt.” Sie hoffe, so die Heimleitern, dass das erst einmal ausreiche, damit keine Einsamkeit aufkomme.

Aber was passiert, wenn das “erst einmal” nicht Tage dauert, sondern noch Monate?

*Name von der Redaktion geändert

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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