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„Corona selbst wird kaum dauerhafte Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben“

  • Droht im Corona-Winter der Einsturz auf dem Arbeitsmarkt?
  • Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, zeigt sich im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vorsichtig optimistisch, was die kommenden Monate auf dem Arbeitsmarkt angeht.
  • Dafür, dass es tatsächlich so kommt, hat aus seiner Sicht jeder Einzelne eine Mitverantwortung. Er verweist dabei auch auf die Frage, wie Familien in diesem Jahr ihr Weihnachtsfest gestalten.
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Herr Scheele, wie stark werden die Auswirkungen der Corona-Einschränkungen im November auf den Arbeitsmarkt sein?

Das ist kein Lockdown wie der, den wir im Frühjahr erlebt haben. Die Einschränkungen sind zeitlich und von den Branchen her begrenzt. Die Schulen und Kitas bleiben offen, so dass Eltern auf der Arbeit nicht flächendeckend wegen der Kinderbetreuung ausfallen. Die Corona-Maßnahmen im November bedeuten einen Dämpfer in der Aufwärtsentwicklung am Arbeitsmarkt, die wir in den vergangenen Monaten hatten. Einen Einbruch werden wir voraussichtlich nicht erleben – wenn es bei vier Wochen bleibt.

Treiben uns die Familientreffen an Weihnachten in den nächsten Lockdown – mit den entsprechenden Folgen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt?

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Zunächst einmal müssen, wollen und können wir darauf setzen, dass die Novembermaßnahmen tatsächlich als Wellenbrecher in der Corona-Pandemie wirken. Für den ganzen Winter und auch das Frühjahr gilt, was die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung bereits jetzt tun: Wir müssen im Kampf gegen das Virus auf Sicht fahren und bei jedem Schritt die wirtschaftlichen und sozialen Folgen mit bedenken. Dabei trägt jeder Einzelne Verantwortung. Ich würde jede Familie bitten zu überlegen, ob sich Weihnachten nicht in kleineren Gruppen als sonst feiern lässt.

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Mal angenommen, wir bekommen den Kampf gegen Corona über den Winter einigermaßen gut hin: Wo sehen Sie Deutschland im nächsten Jahr auf dem Arbeitsmarkt?

Wir schließen uns der Prognose der Bundesregierung an: 100.000 Arbeitslose weniger im Jahresdurchschnitt und durchschnittlich 700.000 Kurzarbeiter.

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Lässt sich schon sagen, in welchen Branchen sich dauerhafte Veränderungen am Arbeitsmarkt abzeichnen?

Corona selbst wird kaum dauerhafte Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben – außer vielleicht durch nachhaltige Verhaltensänderungen, zum Beispiel bei Dienstreisen. Der Einzelhandel hatte schon vor Corona Probleme durch die Konkurrenz im Internet. Da, wo die Automobilindustrie und ihre Zulieferer unter Druck stehen, waren sie das auch schon vorher. In Branchen, die vor einer Transformation stehen oder in denen es strukturelle Probleme gibt, wird diese Entwicklung durch Corona vielleicht beschleunigt. Gastronomie und Tourismus werden sich schneller wieder erholen.

Was, wenn es doch noch mal zu Schulschließungen kommen sollte? Ist das Land in Sachen Homeoffice dafür schon gut genug aufgestellt?

Homeoffice in normalen Zeiten und Homeoffice in Pandemiezeiten haben nichts miteinander zu tun. In Pandemiezeiten ist Homeoffice ein „Notnagel“, auf den wir zurückgreifen können. Eines ist dabei offensichtlich: Homeoffice und Homeschooling gehen nicht gut zusammen. Dort, wo Arbeitnehmer auch jenseits der Pandemie einen Teil ihrer Arbeitszeit im Homeoffice arbeiten wollen, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, es möglich zu machen – jedenfalls, wenn es betrieblich geht.

Was bedeutet das für die Gesetzesinitiative des Bundesarbeitsministeriums, ein Recht auf Homeoffice zu schaffen?

Ein Rechtsanspruch von 24 Tagen Homeoffice im Jahr würde nicht überfordern. Ich sage aber auch: Es lohnt sich nicht, aus dieser Frage einen Kulturkampf zu machen. Ich fände es auch in Ordnung, wenn die Sozialpartner das untereinander regelten. Im Detail müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das in den Betrieben ohnehin tun. Am Ende geht es immer auch darum, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Entgrenzung von Arbeit und Privatleben zu schützen und gleichzeitig gewisse Regeln aus Arbeitgebersicht zu etablieren.

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Ist das Kurzarbeitergeld, auch in seiner erhöhten Form, sicher – oder gehen uns die Mittel aus?

Kurzarbeitergeld ist eine Versicherungsleistung. Dass sie auch in der jetzt beschlossenen Form weiter finanziert wird, ist ein politisches Versprechen, das Gültigkeit hat. Der Bund hat zugesagt, die Bundesagentur für Arbeit Ende des kommenden Jahres mit einem Zuschuss zu entschulden. Darauf verlasse ich mich.

Zeigt sich in der Krise auch: Die Bundesagentur muss die Möglichkeit haben, in guten Zeiten erheblich Rücklagen anzusparen?

Ja. Wir haben jetzt gesehen, wie schnell im Krisenfall selbst eine Rücklage von über 25 Milliarden Euro abschmelzen kann. In der jüngeren Vergangenheit haben wir in relativ engen Abständen erhebliche Herausforderungen am Arbeitsmarkt gehabt: von der Finanzkrise über die Flüchtlingsintegration bis hin jetzt zur Corona-Krise. Auch in Zukunft werden wir Rücklagen ansparen müssen, um nicht bei jedem Problem sofort als erstes nach Geld von der Bundesregierung rufen zu müssen. In der Krise verbieten sich Erhöhungen des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung. Die Bundesregierung hat aber bei der letzten Senkung der Beiträge bereits festgelegt, dass sie ab 2023 wieder um 0,2 Prozentpunkte steigen.

Werden die Auswirkungen von Corona auf den Ausbildungsmarkt den Fachkräftemangel in den kommenden Jahren verschärfen?

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In diesem Jahr sehen wir keinen Corona-Jahrgang bei den Auszubildenden. Die Vermittlung in Ausbildung verzögert sich zwar, aber sie funktioniert. Für das kommende Jahr machen wir uns, ehrlich gesagt, größere Sorgen. Die Berufsorientierung an den Schulen hängt davon ab, wie die Schulen uns hineinlassen, die Betriebe melden zurückhaltender Ausbildungsstellen und Praktika. Mein Appell an große und kleine Unternehmen ist: Bilden sie bitte aus! Nach der Pandemie ist der Fachkräftemangel genauso wieder da wie vorher – und kann sich zu einer immer schlimmeren Wachstumsbremse entwickeln.

Sie haben Hartz IV eine im europäischen Vergleich „großzügige Regelung“ genannt. Verstehen Sie, dass es Menschen gibt, die sich dadurch vor den Kopf gestoßen fühlen?

Wenn man nur diese verkürzte Formulierung liest, ja. Aber ich habe noch mehr gesagt: Dass der Regelsatz für den Einzelnen sehr knapp ist, zugleich angemessener Wohnraum im Notfall unbegrenzt lange gezahlt wird. Gleichzeitig muss es sich im Vergleich lohnen, eine Arbeit aufzunehmen. Sonst verspielen wir die Legitimation der Grundsicherung bei denen, die sie – auch mit Steuern aus sehr niedrigen Einkommen – bezahlen. Diese unterschiedlichen Anforderungen tarieren wir in Deutschland vernünftig aus. Dabei setzen wir zuallererst darauf, Menschen wieder in Arbeit zu vermitteln.

Fänden Sie es richtig, Kinder aus Hartz IV herauszuholen – mit einer eigenen Kindergrundsicherung?

Ich bin dafür, alles zu tun, damit Langzeitarbeitslosigkeit nicht an die Kinder weitervererbt wird. Die Idee einer eigenen Kindergrundsicherung ist mir sympathisch. Mir hat aber noch niemand erklären können, wie es gelingen soll, Leistungen von Bund, Ländern und Kommunen so zusammenzuführen, dass daraus eine eigenständige Kindergrundsicherung wird. Das funktioniert bisher nicht. Generell werbe ich dafür, dass für Kinder in Familien in Grundsicherung möglichst viele Sachleistungen gewährt werden: Jede Mitgliedschaft im Sportverein oder auch die kostenlose Monatsfahrkarte, die unbürokratisch finanziert werden, kommen direkt beim einzelnen Kind an.

Sie sind 64 Jahre alt. Mal ehrlich, als Sie den Chefposten bei der Bundesagentur für Arbeit übernommen haben, hatten Sie sich die Zeit bis zur eigenen Rente da entspannter vorgestellt?

Die Wochen und Monate, als es mit der Corona-Krise losgegangen ist, hatten es in sich. Das Leben stellt einem Aufgaben – und dann versucht man, sie zu lösen. Als Dachdecker hätte ich es mit 64 deutlich schwerer.

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