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  • Corona-Neuinfektionen steigen: Rächt sich jetzt die anfängliche Impfkampagnenträgheit? Das sagen Hausärzte

Hausärzte: Anfängliche Impfkampagnenträgheit rächt sich jetzt

  • Die Bundesländer kommen beim Impfen nicht gleich schnell voran: Das kleine Saarland und Bremen sind Spitzenreiter, Sachsen und Brandenburg Tabellenletzter.
  • Impfanreize werden skeptisch gesehen.
  • Der Hausärzteverband sagt, noch spiele die Zahl der Neuinfektionen für die Versorgung keine signifikante Rolle – aber sie steigt.
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Berlin. Die beiden kleinsten Bundesländer, Bremen und das Saarland, führen laut Robert Koch-Institut (RKI) die Liste vollständig gegen das Coronavirus geimpfter Bürgerinnen und Bürger an. Beide Länder übersprangen laut RKI-Angaben vom Samstag die 50-Prozent-Marke, das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen lag mit 48,8 Prozent auf Platz drei. Sachsen und Brandenburg sind mit je 42,6 Prozent Tabellenletzter. Sind die Länder strategisch unterschiedlich klug vorgegangen?

Menschen im Frühjahr noch „mit großem Enthusiasmus“ dabei – nun kein Zeitdruck mehr

Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, sagte dem RND: „Die Trägheit zu Beginn der Impfkampagne rächt sich nun in den Sommermonaten. Wir hatten diese Entwicklung bereits früh vorhergesehen und deshalb immer wieder gefordert, die Impfkampagne so schnell wie möglich voranzutreiben.“ Während im Frühjahr noch viele Menschen „mit großem Enthusiasmus“ hätten geimpft werden wollen, sei nun deutlich spürbar, dass viele in den eher ruhigen Sommermonaten keinen Zeitdruck zur Impfung verspürten oder noch skeptisch seien.

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Manche haben nach der Covid-19-Impfung Nebenwirkungen. Aber ist das Immunsystem überhaupt angesprungen, wenn gar nichts spürbar ist?  © dpa

Deutschlandweit sind bisher rund 38,2 Millionen Menschen (45,9 Prozent) der Menschen vollständig gegen Covid-19 geimpft. In den allermeisten Fällen sind dafür zwei Impfstoffdosen nötig. Corona-Genesen reicht in der Regel eine Impfung. Insgesamt haben rund 49,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner (59,7 Prozent) mindestens die erste Spritze erhalten.

Erfolg im Saarland auf Impfbereitschaft der Bevölkerung zurückzuführen

Die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), der Erfolg in ihrem Bundesland basiere neben einer guten Organisation auf der Impfbereitschaft der Bevölkerung: „Vor allem bei Altersgruppen von über 60 Jahren liegt sie deutlich über 80 Prozent.“

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Ein Bremer Senatssprecher sagte dem RND: „Wir haben nicht mit öffentlichen Aufrufen gearbeitet, sondern die Impfberechtigten schriftlich informiert, als es noch eine Priorisierung gab. Wer einen Brief mit einem Code erhalten hat, hatte in der Regel eine Woche danach einen Termin.“

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Auch in Bremen verlangsamt sich die Impfkampagne

Doch auch beim Spitzenreiter stößt die deutsche Impfkampagne an ihre Grenzen. „Wir sehen, dass wir bei den Erstimpfungen deutlich an Geschwindigkeit verlieren“, so der Sprecher. „Je jünger die Altersklasse, desto niedriger die Quote.“ Reagiert hat das Bundesland etwa mit mobilen Impfteams in sozialen Brennpunkten. Von materiellen Anreizen distanziert sich der Senat jedoch. „Uns ist es wichtiger, die Leute zu informieren und zu überzeugen, statt sie zu kaufen.“

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Auch in Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der täglichen Impfungen gegen Sars-CoV-2 nach eigenen Angaben rückläufig. Um gegenzusteuern, hat das Gesundheitsministerium am 12. Juli die „Woche des Impfens“ gestartet. Dabei seien die Kommunen aufgerufen, niedrigschwellige Impfangebote zu schaffen, zum Beispiel in Sportstätten und Shoppingcentern.

Chef des Hausärzteverbandes Weigeldt fordert stärkere Berücksichtigung der Krankheitslast

Weigeldt sagte, noch spiele die Zahl der Neuinfektionen aufgrund des niedrigen Niveaus für die Versorgung in den meisten Praxen keine signifikante Rolle – abgesehen von einzelnen Hotspots. Weigeldt betonte aber: „Für unser tägliches Arbeiten sind die reinen Inzidenzzahlen zudem nicht so entscheidend wie die Zahl der Patientinnen und Patienten, die mit mittleren und schweren Symptomen unsere Praxen aufsuchen.“ Deshalb müsse die Krankheitslast ein stärkeres Gewicht bei der Bewertung der aktuellen Lage bekommen.

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Die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen in Deutschland ist laut RKI weiter gestiegen. Am Samstag lag sie bei 9,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli lag sie bei 4,9.

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