• Startseite
  • Politik
  • Corona-Maßnahmen sollen nicht mehr allein an Inzidenz gekoppelt werden

Die Corona-Inzidenz verliert an Aussagekraft: Auf diese Daten kommt es jetzt umso mehr an

  • Die Forderung steht seit Monaten immer wieder im Raum.
  • Nun will die Bundesregierung offenbar tatsächlich nicht mehr allein auf den Inzidenzwert schauen, wenn es um Corona-Maßnahmen geht.
  • Die Deutsche Krankenhausgesellschaft findet die Pläne gut - auch wenn sie ihr nicht weit genug gehen.
Anzeige
Anzeige

Berlin. Die Bundesregierung will laut einem Bericht der „Bild“ nicht mehr allein auf den Inzidenzwert setzen, um über die Corona-Maßnahmen zu entscheiden. Das geht dem Nachrichtenportal zufolge aus einem Dokument des Robert Koch-Instituts (RKI) hervor. Demnach soll angesichts der zunehmenden Impfungen die Lage in den Krankenhäusern entscheidender werden. Konkret will die Bundesregierung laut Bericht die Anzahl der im Krankenhaus behandelten Corona-Patienten als zusätzlichen Leitindikator etablieren.

Wegen der steigenden Impfrate seien Risikogruppen fast vollständig durchgeimpft. Der Anteil schwerer Fälle nehme zudem ab. Damit werde Corona auch bei höheren Inzidenzen dem Gesundheitssystem weniger gefährlich, heißt es weiter.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
Anzeige

Überdies seien „weitgehende nicht pharmakologische Interventionen für alle fachlich schwer begründbar“. Corona-Maßnahmen für vollständig Geimpfte seien demnach kaum zu rechtfertigen.

Gesundheitsministerium: Inzidenz bleibt relevant

Die Bundesregierung stellte allerdings klar, dass sie bei der Beurteilung der Corona-Lage weiterhin die Sieben-Tage-Inzidenz im Blick behalten wird. Es sei wichtig, weitere Parameter wie die Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 hinzuzuziehen, um die Lage einzuschätzen. „Aber das ist nicht als eine Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz zu verstehen“, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Montag in Berlin.

Es sei auch keine Änderung der politischen Strategie damit verbunden, unterstrich der Sprecher. Die Inzidenz sei nach wie vor ein wichtiger Parameter, weil sie unter anderem Trends erkennen lasse. Auf die Frage, ob Maßnahmen wie Schulschließungen künftig weiterhin an die Höhe der Inzidenz gekoppelt werden, verwies der Sprecher auf die Zuständigkeit der Länder im Schulbereich.

Anzeige

Regierungssprecher Steffen Seibert fügte hinzu, man sei unter anderem dank der Impfungen in einer recht guten Lage. Wirtschaft und Handel könnten arbeiten, das Kulturleben kehre zurück. „Das heißt aber alles nicht, dass wir schon in einer Situation der Normalität wären, wenn man mit „normal“ vor der Pandemie meint.“

Ein Blick in Nachbarländer mache klar, dass niedrige Fallzahlen schnell wieder explodieren könnten. Damit gingen Risiken einher. Es könnten wieder mehr Menschen krank werden. Das Impfen habe die Gesamtrechnung verändert. „Aber wir sind noch nicht ausreichend gewappnet für den Fall dass die Zahlen wieder wirklich stark ansteigen“, sagte Seibert.

Anzeige

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte bereits mehrfach darauf verwiesen, dass die Aussagekraft der Inzidenz abnehme, zuletzt am Wochenende. „Da die gefährdeten Risikogruppen geimpft sind, bedeutet eine hohe Inzidenz nicht automatisch eine ebenso hohe Belastung bei den Intensivbetten. Die Inzidenz verliert zunehmend an Aussagekraft, wir benötigen nun noch detailliertere Informationen über die Lage in den Kliniken“, schrieb er etwa auf Twitter.

Deshalb sollen künftig weitere Daten stärker berücksichtigt werden. Das Bundesgesundheitsministerium hatte am Wochenende bekanntgegeben, dass die Kliniken mehr Details zu Covid-19-Fällen melden sollen. Neben der Belegung von Intensivstationen müssen alle Krankenhauseinweisungen wegen Corona übermittelt werden, zuzüglich Alter, Art der Behandlung und Impfstatus der Patienten. Die entsprechende Verordnung dazu solle zügig auf den Weg gebracht werden, hieß es am Sonntag aus dem Ministerium.

Gaß: Auch Positivrate bei den Corona-Tests mit einbeziehen

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft begrüßt die Pläne. „Ich halte es für absolut vernünftig, auch die Krankenhausbelegung einzubeziehen, um die Gefahren der Pandemie einzuschätzen und entsprechende praktische Schutzmaßnahmen zu ergreifen“, sagte Gerald Gaß dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Sinnvoll wäre es, wenn zusätzlich die Positivrate bei den Corona-Tests mit einbezogen würde. Wie viele Menschen in einem Land positiv getestet werden, sagt noch nicht so viel aus, wenn man diese Zahl nicht in Relation zur Menge der durchgeführten Tests setzt. Das ist bisher international in der Pandemie zu wenig beachtet worden.“

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sagte am Sonntagabend im „Bild-Talk“: Wenn es in einer vierten Corona-Welle „viele positive Befunde“ gebe, „aber keine Kranken mehr“, könnte man die Lage „sehr gelassen sehen“. Deutschland müsse sich „mit höheren Infektionszahlen arrangieren“. Eine Impfquote von 90 Prozent hält er für illusorisch und auch die vom Robert Koch-Institut angestrebten 85 Prozent für wenig realistisch. „Wir müssen uns klarmachen, dass Impfquoten von 90 Prozent Science-Fiction sind. Wir werden die niemals erreichen“, sagte Gassen.

Der Inzidenzwert gibt die Zahl der Ansteckungen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen an und ist Grundlage für viele Corona-Maßnahmen, etwa für die zuletzt ausgelaufene Bundesnotbremse.

RND/cz/dpa

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen