„Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung“: Wie das Saarland in den Modellversuch gestartet ist

  • Das Saarland startet als erstes Bundesland einen Modellversuch.
  • Seit Dienstag dürfen etwa Außengastronomie, Fitnessstudios oder Theater wieder öffnen – für negativ getestete Besucher.
  • Viele Saarländer zeigen sich erfreut über die wiedererlangten Möglichkeiten, doch die Sorge wegen steigender Inzidenzzahlen bleibt präsent.
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Saarbrücken. Erst das Virus – dann auch noch das Wetter. Als Monika Müller den Heizstrahler vor das Lokal Glühwürmchen in Saarbrücken stellt, weht ein kalter Wind bei sieben Grad. Doch selbst das kann ihre Laune nicht trüben: „Es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung“, meint die Gastwirtin. Seit Dienstag darf die Außengastronomie im Saarland wieder öffnen. Ein nicht unumstrittenes Corona-Modellprojekt erlaubt zudem den Besuch etwa von Fitnessstudios und Theatern – dann jedoch mit negativem Corona-Test.

„Ich habe mich einfach nur gefreut“, räumt Fabian Schmidt (36) ein, Geschäftsführer des Campus Sports Club am Eurobahnhof in Saarbrücken. Sieben Monate sei sein Betrieb im vergangenen Jahr geschlossen gewesen, und er habe keine Mitgliedsbeiträge abgebucht. Etwa 250 Kunden habe er dennoch verloren, rund 1000 seien geblieben. Jetzt sei er nur froh, „dass wieder alles einigermaßen normal läuft“. Das bedeutet: Im Studio sind Geräte mit Plastikwänden voneinander getrennt und werden nach der Benutzung desinfiziert, Besucher müssen einen negativen Test vorlegen, der höchstens 24 Stunden alt ist.

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„Wenn jeder negativ getestet ist – was soll passieren?“

Viele Sportler haben den Test kurz zuvor in einem der offiziellen Zentren, im Rathaus oder in Apotheken gemacht. „Das ist aufwendig, aber ich nehme es in Kauf“, meint Angelika (56). Nachdem sie zu Hause „einfach zu faul“ gewesen sei, um selbst Sport zu machen, sei sie erleichtert, endlich wieder das Studio nutzen zu dürfen. Angst vor einer Infektion habe sie hier nicht: „Ich fühle mich absolut sicher. Wenn jeder negativ getestet ist – was soll passieren?“

Der 18-jährige Moritz Nozar teilt ihre Einschätzung: „Ich bin sicher, dass die Ansteckungsrate bei den Maßnahmen hier extrem gering ist.“ Schon kurz nach 9 Uhr habe er sich testen lassen. „Eigentlich nur fürs Studio“, sagt er. „Aber jetzt treffe ich mich auch noch mit Freunden zum Lernen – da ist so ein Test natürlich hilfreich.“

Auch saarabwärts, im Fitness-Treff Orscholz, freut sich Inhaber Thorsten Weidmann, endlich wieder öffnen zu dürfen. „Nachdem wir fünf Monate gesehen haben, dass die Konzepte der Bundesregierung nicht funktionieren, bin ich glücklich, dass sich die Landesregierung durchgerungen hat, andere Wege zu gehen.“ Dass es am ersten Tag „extrem ruhig“ war, führte er auch darauf zurück, dass es in der Umgebung nur wenige Testmöglichkeiten gebe. „Das ist ein Hemmnis. Ich habe schon viele Stimmen gehört, die gesagt haben, das sei ihnen zu umständlich.“ Er versuche nun, selbst Tests anzubieten.

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Saarland hält an Öffnungsplan mit Tests nach Ostern fest
1:12 min
Trotz Kritik hält das Saarland an seinem geplanten Modellprojekt für Lockerungen durch massenhaftes Testen fest.  © dpa

Saarbrücken: Schlangestehen vor Testzentren

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In der Landeshauptstadt Saarbrücken stehen Menschen am Morgen vor Testzentren Schlange. Auch vor der „Garage“, einer Veranstaltungshalle, befinden sich zwei Kabinen, in denen sich die Besucher auch ohne festen Termin testen lassen können. Die meisten begrüßen, dass durch Testen mehr Freiheiten möglich sind. Als „absolut notwendig“ bezeichnet Thomas Kanowak (47) die Maßnahmen. „Mir geht Allgemeinwohl vor Eigenwohl“, sagt der Angestellte.

Wirtin Monika Müller (m) bringt ihren Gästen, die vor ihrer Kneipe Glühwürmchen in der Innenstadt sitzen, Getränke. © Quelle: Oliver Dietze/dpa

Elisa Huber (63) hat die Rückkehr der Kultur sehnlichst erwartet. „Das ist eine große Erleichterung“, meint die Krankenschwester. „Wenn hier ein sinnvolles Hygienekonzept durchgeführt wird, ist das Risiko, dass Infektionsketten entstehen, sehr gering. Und der psychologische Gewinn, den man dadurch erzielt, ist sehr groß.“ Vergangene Woche sei sie zum ersten Mal wieder im Museum gewesen: „Und das hat so gut getan!“ Ihre Hoffnung, am Donnerstag mit der „Winterreise“ auch wieder Ballett live erleben zu dürfen, erfüllt sich jedoch nicht: „Schon ausverkauft“, erfährt sie an der Theaterkasse.

Bereits am Morgen, so berichtet Mitarbeiterin Petra Zapp, standen Kulturfreunde hier an, um sich Tickets für Theater und Konzerte zu sichern. „Wir haben um 10 Uhr geöffnet, aber die Ersten warteten mit ihren Stühlchen schon seit 8.30 Uhr draußen.“ Seit November hätten Interessenten – die meisten davon Stammkunden – in den Startlöchern gestanden. „Alle haben darauf gewartet und alle freuen sich, dass es wieder losgeht, das merkt man.“

Sorge wegen hohen Inzidenzzahlen

Weiterhin hohe Inzidenzzahlen und die Sorge, die Öffnungen würden wieder zurückgenommen, beschäftigen alle, die die neuen Freiheiten nutzen. „Es schwebt wie ein Damoklesschwert über uns, wieder schließen zu müssen“, gibt Wirtin Müller zu. Sie hoffe nun auf gute Zahlen und dass auch innen geöffnet werden dürfe. „Wir sehnen uns danach, wieder Gäste bewirten und vor allem wieder Geld verdienen zu können.“

Die Öffnungen sind nach dem Beschluss der Landesregierung in dieser Form nur erlaubt, solange die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche, unter 100 liegt. Steigt die Inzidenz an drei Tagen über 100, greift ein Ampelsystem – mit einer dann ausgeweiteten Testpflicht (gelb) unter anderem für den Einzelhandel. Wenn eine Überlastung des Gesundheitswesens droht, soll die Notbremse (rot) gezogen werden: Die Öffnungen werden kassiert, es folgt ein Lockdown. Am Montagabend lag die Inzidenz im Saarland dem Gesundheitsministerium zufolge bei 91,3.

RND/dpa

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