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„Massenexperiment an eigenen Kindern“: Lauterbach fordert strengere Corona-Regeln in Schulen

  • Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt in Deutschland weiter an, einige Städte haben eine Inzidenz von über 200.
  • Dennoch gibt es in den Schulen Präsenzunterricht und kaum mehr Corona-Regeln.
  • Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach fordert im RND-Interview strengere Quarantäneregeln und warnt vor einem „Massenexperiment“ an den eigenen Kindern.
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Herr Lauterbach, obwohl immer mehr Menschen geimpft sind, steigt die Zahl der Neuinfektionen seit Wochen an. Woran liegt das?

Das Problem ist: Wir haben keine Strategie. In meinem Wahlkreis Leverkusen liegt die Inzidenz schon bei über 200. Doch derzeit gibt es kein bundesweites Konzept, diese schnell ansteigenden Inzidenzen zu stoppen. Ich fürchte, wenn wir jetzt nicht schnell handeln, stehen wir vor einer Durchseuchung großer Teile der Ungeimpften, einschließlich der Kinder.

Mit welcher weiteren Entwicklung rechnen Sie?

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Diese stark steigenden Inzidenzen werden wir nicht durchhalten, erst recht nicht bis zur Bundestagswahl. Wenn die Fallzahlen weiter so stark steigen, nehmen auch die Krankenhauseinweisungen zu und wir gefährden außerdem sehr stark unsere Kinder. Wir werden in den nächsten Wochen die Strategie ändern müssen und es ist besser, dies jetzt zu tun, als später. Wir haben eine neue Lage und bei den Ungeimpften eine so hohe Inzidenz, dass man zu neuen Maßnahmen greifen muss. Sonst wird bald die Bevölkerung zu Recht fragen, ob die Politik die Pandemie noch im Griff hat.

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Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor?

Wir müssen uns auf die Ungeimpften konzentrieren. Von ihnen geht die größte Gefahr für andere aus. Sie stecken sich gegenseitig an und sind für die hohen Inzidenzen verantwortlich. Wenn wir einen weiteren Lockdown verhindern wollen, müssen sich Ungeimpfte vorsichtiger verhalten oder impfen lassen.

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Das bedeutet mehr Einschränkungen für Ungeimpfte?

Einschränkungen für Ungeimpfte sind im Wahlkampf eine sehr unbeliebte Forderung. Aber aus meiner Sicht ist es nur konsequent, wenn an Orten mit hohem Infektionsrisiko die 2-G-Regel gilt. Das bedeutet, nur noch Geimpfte und Genesene dürfen zum Beispiel in die Innenräume von Restaurants, Clubs und ins Fitnessstudio.

Damit könnte man die Inzidenz wieder senken und die Impfquote erhöhen. Alternativ kann ich mir auch eine 3-G-Regel nach Hamburger Vorbild vorstellen, wenn dann die Auslastung reduziert wird. Aber volle Kapazität und 3 G wird nicht funktionieren.

Wie müssen wir uns dies konkret vorstellen?

Wenn Sie ein Café betreiben und bei Regen im Innenraum Gäste bewirten möchten, dann haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie betreiben ein 2-G-Café oder reduzieren die Plätze und lassen dann auch Getestete ins Café.

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Sollten diese Maßnahmen auch für die Bahn gelten?

Bei der Bahn brauchen wir schnell eine 3-G-Regelung für den Nah- und Fernverkehr. Eine volle Auslastung darf es auch hier nur geben, wenn alle geimpft oder genesen sind – also 2 G. Alte Studien, die gezeigt haben, dass man sich in der Bahn nicht infiziert, gelten nicht für die Delta-Variante und volle Züge.

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Wie steht es um Büroräume, wo doch derzeit viele Firmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurück ins Büro holen?

Aufgrund der hohen Inzidenz der Ungeimpften brauchen wir wieder eine Testpflicht für die Ungeimpften in den Unternehmen. Denn das Risiko einer Infektion am Arbeitsplatz ist sehr hoch. Durch verpflichtende Tests könnten wir die Inzidenzen reduzieren und Infektionsketten unterbrechen. Eine Vollauslastung in Büros darf es nur geben, wenn alle geimpft oder genesen sind, also 2 G. Wie beim Hamburger Modell könnten bei einer geringen Auslastung aber auch Getestete ins Büro kommen, also 3 G.

Ein weiterer Brennpunkt sind Schulen: Inzwischen sind die meisten Bundesländer aus den Sommerferien zurück und überall gibt es Präsenzunterricht. Reichen die Maßnahmen aus?

Der Schulunterricht ist äußerst problematisch: Laut Studien können Luftfilteranlagen in Kombination mit Lüften und Maskenpflicht das Infektionsrisiko um den Faktor 30 reduzieren. Das wäre der Königsweg. Doch wir haben es noch nicht geschafft, alle Schulen mit Luftfilteranlagen auszustatten. Deshalb brauchen wir eine Maskenpflicht, viele geimpfte Kinder und strenge Quarantäneregeln.

Die Situation der Kinder besorgt mich derzeit am meisten und wir müssen davon ausgehen, dass bis zu 5 Prozent der an Covid-19 erkrankten Kinder auch an Long Covid erkranken. Wir sind kurz davor, ein Massenexperiment an unseren eigenen Kindern zu erleben. Das müssen wir unbedingt verhindern.

Derzeit müssen in vielen Bundesländern aber nur die direkten Sitznachbarn der infizierten Kinder in Quarantäne – reicht das aus?

Nein, es ist falsch, nur die kranken Kinder nach Hause zu schicken. Ich kann verstehen, dass man den Schulausfall reduzieren will. Aber wir werden schnell merken, dass sich dies nicht bewähren wird. Wir sollten in der Regel sofort die ganze Klasse in Quarantäne schicken, um die gesunden Kinder zu schützen. Das gilt zumindest dann, wenn nicht mehr regelmäßig gelüftet werden kann, weil das Wetter schlecht ist. Sonst stecken sich die gesunden Kinder in der Klasse auch an und müssen kurze Zeit später ebenfalls in Quarantäne.

Hinzu kommt, dass die neue Delta-Untervariante AY.3 aufgetaucht ist.

Die Studienlage zur neuen Delta-Untervariante ist bisher sehr dünn. Aber es gibt erste Hinweise darauf, dass AY.3 sehr viel ansteckender als die bisherige Delta-Variante sein könnte. Möglicherweise ist sie auch resistenter gegenüber Impfungen. Klar ist aber: Aufgrund des viel zu langsamen Tempos bei den Impfungen in ärmeren Ländern werden wir noch viele weitere Varianten bekommen.

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