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  • Corona-Lage in Niedersachsen und SH - das könnten die Gründe für niedrige Fallzahlen sein

Klare Kante gegen Corona: drei Erfolgsgeheimnisse des Nordwestens

  • Mit Neid blickt der Rest der Republik auf die niedrigen Inzidenzen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
  • Wird Deutschlands Nordwesten besser regiert – oder leben dort die vernünftigeren Leute?
  • Drei Faktoren scheinen dem Nordwesten zu helfen. Eine Analyse von Matthias Koch.
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Hannover. Am vorigen Wochenende, kurz nach Mitternacht, fiel im hannoverschen Hauptbahnhof ein junger Mann (22) ohne Maske auf. Normalerweise führt so etwas zu einer kurzen mündlichen Ansprache und einer Verwarnung, das war’s.

Der 22-Jährige aber wollte es wissen. „Er war aufgebracht, diskutierfreudig und fiel den Beamten ständig ins Wort“, heißt es im Protokoll der Bundespolizei Hannover. „Mit der Kontrolle war er nicht einverstanden, und zur Wache wollte er auch nicht mit. Letztlich leistete der Mann erheblichen Widerstand und wurde zwangsweise mitgenommen.“

Festnahme wegen Verstoßes gegen die Maskenpflicht? Das klingt extrem – aber es kann passieren. Eine Grundregel im Rechtsstaat lautet: Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen. Das gilt auch in U-Bahnen, in Restaurants und auf Weihnachtsmärkten, wo in diesen Tagen die Landespolizei verstärkt Flagge zeigt und Kontrollen durchführt.

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„Man muss klare Linien ziehen“, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) auf NDR Info. Das habe man in der Vergangenheit leider nicht immer getan.

„Man muss klare Linien ziehen“: Boris Pistorius (SPD), Innenminister von Niedersachsen. © Quelle: Moritz Frankenberg/dpa

Die norddeutsche Sturheit an dieser Stelle ist einer der Faktoren, die derzeit offenbar dem Nordwesten helfen, gut durch die Pandemie zu kommen.

  • Niedersachsen (187,1) und Schleswig-Holstein (160,4) sind in diesem Winter als einzige Flächenländer mit Inzidenzen deutlich unter 200 bundesweit die Musterknaben. Der Bundesdurchschnitt liegt mehr als doppelt so hoch wie im Nordwesten (374,9). In 22 ostdeutschen Landkreisen erreicht die Inzidenz weiterhin vierstellige Werte.
  • Mit einer Hospitalisierungsrate um 3,0 kommen Niedersachsen und Schleswig-Holstein nach Berechnungen des Robert Koch-Instituts (RKI) auch bei der sogenannten Krankenhaus-Inzidenz auf die bundesweit niedrigsten Werte. Die Kennziffer beschreibt die Zahl der Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche. Zum Vergleich: In Bayern liegt die Hospitalisierungsrate bei 6,1, in Thüringen bei 18,5. Um die Bundesländer besser zu vergleichen nutzen wir an dieser Stelle die Daten des RKI. Als Parameter für die Corona-Regeln nutzt das Land Niedersachsen eine andere Zählweise und kommt so auf einen Wert von 6,2 (Stand: 13. Dezember).
  • Mit einem bloßen Norddeutschland-Effekt, etwa der frischen Brise vom Meer her, kann das Phänomen im Nordwesten nicht erklärt werden: Mecklenburg-Vorpommern, das ebenfalls viel Wind und wenig Bevölkerung pro Quadratkilometer hat, meldet eine Inzidenz von 432,5 und eine Hospitalisierungsrate von 9,3.
  • Auch der in Süddeutschland häufig zu hörende Verweis auf hohe Inzidenzen im benachbarten Ausland hilft nicht viel weiter. Das an Bayern und Sachsen grenzende Tschechien etwa hat zwar derzeit Inzidenzen über 800, das an Schleswig-Holstein grenzende Dänemark aber auch. Die an Niedersachsen grenzenden Niederlande melden derzeit Werte über 700.

Man muss also schon die Deutung zulassen, dass sich die Menschen im Nordwesten Deutschlands selbst etwas erarbeitet haben. Wie kommt dieser Erfolg zustande? Bei näherem Hinsehen stößt man auf drei Faktoren.

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Corona-Impfung: Immunologen gegen „Booster“ nach vier Wochen
0:59 min
Immunologen sehen Pläne der Politik kritisch, nach der Booster-Impfungen bereits nach vier Wochen möglich sein sollen.  © dpa

1. Bürgerinnen und Bürger, die von sich aus Regeln einhalten

Bei einer Party im Raum Nürnberg erlebte der Kieler Virologe Helmut Fickenscher unlängst überraschende Dinge. Menschen umarmten sich zur Begrüßung. Dann saßen sie stundenlang sehr eng beieinander. Und zum Schluss fielen alle noch mal übereinander her: Küsschen hier und Küsschen da.

„Es war, als ob es so etwas wie Corona gar nicht gäbe“, erinnert sich Fickenscher. „Da habe ich mich echt gewundert.“

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Der 59-Jährige leitet an der Universität Kiel das Institut für Infektionsmedizin. Fickenscher lebt seit 15 Jahren an der Küste, er ist ein Neu-Norddeutscher. Die Nürnberger Gegend ist seine alte Heimat. Was dort vor ein paar Wochen bei seinem Abiturjubiläum ablief, zeigte ihm deutlich: Süddeutschland entpuppt sich in der Pandemie als problematische Gegend, nicht nur virologisch. Nirgendwo fallen die strenge Pose der Obrigkeit und die Tatsächlichkeiten so weit auseinander wie in Bayern, etwa wenn Regierungschef Markus Söder sich wieder mal in bundesweiten Medien breitbeinig aufstellt als Chef des „Teams Vorsicht“.

Stieß in Bayern auf eine Kluft zwischen Schein und Sein: Helmut Fickenscher, Virologe an der Universität Kiel. © Quelle: Frank Peter / Kieler Nachrichten

Im Nordwesten gibt es keine so große Kluft zwischen Regierenden und Regierten: Beide machen einander nicht viel vor.

Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil (SPD) und Schleswig-Holsteins Regierungschef Daniel Günther (CDU) verzichten auf Auftritte mit großem bundesweiten Tusch; sie kümmern sich einfach um ihr Land. Oft sind sie, ohne dass jemand es bemerkt hat, schon einen Schritt weiter als andere. Ministerpräsident Weil zum Beispiel hat den Wegfall der Testpflicht für dreifach Geimpfte, den soeben der neue Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vorgeschlagen hat, längst eingeführt.

Viele Bürgerinnen und Bürger in Niedersachsen und Schleswig-Holstein honorieren die tastende, unaufgeregte Art, mit der Weil und Günther sie durch die Krise führen. Der Lohn einer pragmatischen, stets korrekturbereiten und mittigen Politik liegt in einer höheren Compliance: Die Mehrheit hält am Ende auch von sich aus die jeweils neu gefundenen Regeln ein, nicht zuletzt aus Loyalität und auch in Momenten, in denen der Staat es nicht kontrollieren kann.

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2. Eine Polizei, die eingreift statt zu diskutieren

„Wir diskutieren nicht mit euch“, heißt es in einer am Sonntag verbreiteten Pressemitteilung der Bundespolizei Hannover. „Und eure Meinung interessiert uns auch nicht! Bei Verstößen gegen die Corona-Schutzvorschriften erfolgt eine sofortige Anzeige! Setzt einfach eure Maske auf und erspart uns euren Wohlstandstrotz. Wir haben schon genug zu tun!“

Die Stellungnahme aus Hannover fand weite Verbreitung in ganz Deutschland – offenbar wegen ihrer auffallenden norddeutschen Kühle und Klarheit.

Wie es auch komplizierter geht, zeigte am gleichen Wochenende die Polizei in Sachsen, die vor Beginn einer Demonstration von Corona-Leugnern in einer reichlich unübersichtlichen Pressemitteilung an die Öffentlichkeit appellierte, sie möge „auf ihren inneren Kompass achten“.

„Seien Sie sensibel“, schreibt Sachsens Polizei, „und schauen Sie auch auf die anderen Versammlungsteilnehmer! Haben Sie dasselbe Ansinnen? Decken sich Ihre Versammlungsgründe mit denen anderer Teilnehmer? Möglicherweise befinden sich in Ihrer Versammlung auch Extremisten. (...) Die Polizei lässt alles, was erlaubt ist, zu, unterbindet jedoch das, was nicht zulässig ist.“

Die Mitteilung aus Sachsen ist, keine Frage, getragen von viel gutem Willen. Doch den Falschen gegenüber guten Willen zu zeigen ist keine gute Idee.

7. Dezember 2021, Zwönitz im Erzgebirge: Die Region in Sachsen hat eine der höchsten Inzidenzen in Deutschland – dennoch versammelten sich Impfgegner ohne Masken zu einem nächtlichen „Spaziergang“. © Quelle: imago images/Bernd März

Unvergessen ist, wie im Januar dieses Jahres Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) in guter Meinung auf Corona-Leugner zuging, die sein Privathaus belagert hatten. Erst als eine Frau demonstrativ ein Halstuch in den Farben der Reichskriegsflagge über ihren Mund zog, brach er damals das Gespräch ab.

Besser ist es, strikt zu sein um der Liberalität willen und den Respekt vor der Privatsphäre einfach preußisch durchzusetzen: als Regel, deren Einhaltung immer geboten bleibt, unabhängig von irgendeiner aktuellen Debattenlage.

Als im April Corona-Leugner zum Privathaus von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in Hannover ziehen wollten, stellte sich die Polizei mit massiven Kräften quer, erteilte weiträumig Platzverweise und drohte für Zuwiderhandlung mit Festnahme. Das Signal wurde in der Szene verstanden: Schon damals erlebte man in Niedersachsen eine Polizei, die eingreift statt zu diskutieren.

In Sachsen wird inzwischen umgedacht. Morddrohungen gegen Kretschmer und ein bedrohlicher nächtlicher Fackelzug am Privathaus von Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) legen inzwischen in der Tat eine neue, viel kühlere Linie nahe.

3. Ein geringerer Anteil von „Querdenkern“

„Querdenker“ gibt es überall. Ihr Anteil aber ist im Nordwesten besonders gering. Einen Hinweis darauf geben die Wahlergebnisse der AfD: In Niedersachsen kam die Partei bei der letzten Landtagswahl auf 6,2 Prozent, in Schleswig-Holstein auf 5,9 Prozent – das sind die niedrigsten Werte in ganz Deutschland.

Im Osten dagegen ragen die AfD-Hochburgen immer wieder auch als Virushochburgen heraus. Auffällig ist dies vor allem in einem rebellischen Gürtel, der sich vom Eichsfeld bis ins Erzgebirge zieht. Dort ist derzeit auch die Impfquote auffallend niedrig. Schon zu SED-Zeiten, sagt der Eichsfelder Landrat Werner Henning (CDU), hätten die Leute in diesem südlichen Drittel der DDR mit wegwerfender Geste eine besondere Distanz zu allem eingenommen, was aus Berlin kommt.

Jedoch darf man das Problem nicht auf die AfD verengen. In Bayern etwa, wo die AfD auf 10,2 Prozent kam, kommen auch noch „Querdenker“ anderer Herkunft und Richtung hinzu, vom Langzeit-Impfverweigerer Hubert Aiwanger von den Freien Wählern bis zur unterschiedlich radikalen Szene von Esoterikern und Alternativmedizinern.

„Die Hälfte aller bundesweit tätigen Homöopathen“, stöhnte Bayerns Regierungschef Söder jüngst in einer Talkshow, habe er bei sich im Land. Das Problem: Wächst im Publikum die Zuneigung zur Homöopathie, leidet parallel die Impfbereitschaft, wie Profes­sorin Sonja Haug in einer Studie des Regens­burg Center of Health Sciences and Tech­nology gezeigt hat.

Krankheit „in Kauf nehmen“? Rudolf Steiner (1861–1925). © Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Über ein hartnäckiges Rebellentum, das kurioserweise besonders in bergigen Gegenden hervortritt, sind Soziologen mittlerweile einig. Oft folgt der mal geradewegs staatsverachtende, mal nur kauzige Rückzug ins Private jahrhundertealten Traditionen.

Wo einst die Thesen des Anthroposophen Rudolf Steiner (1861–1925) große Verbreitung fanden, ist heute die Impfbereitschaft auffallend niedrig, nicht nur bei Masern, sondern auch mit Blick auf Corona: in Bayern, Baden-Württemberg, Österreich, der Schweiz und in Tirol. Eine von Steiners Schwurbelthesen lautete: „Wollen wir die Stärke, die Gesundheit, dann müssen wir ihre Vorbedingung, die Krankheit, mit in Kauf nehmen.“

In Norddeutschland gibt es eine knappe Umschreibung dafür: „dumm Tüch“ – dummes Zeug.

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