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  • Corona-Krise: Was sagen Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe? Christoph Unger vom (BKK) im Interview

So sieht Deutschlands Chef-Katastrophenhelfer die Corona-Krise

  • Eine vernünftige Vorratshaltung ist gut, Klopapierhorten allerdings maßlos.
  • So sieht es der Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Christoph Unger.
  • Für die Quarantänezeit empfiehlt er eine besondere Form des Selbstschutzes.
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Berlin. Es gibt eine Behörde in Deutschland, die sich täglich mit dem Extremfall befasst. Mit dem “Undenkbaren”, so nennen es im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) auch manche. Sich Terroranschläge, Hochwasser, Cyberattacken und Stromausfälle vorzustellen und Reaktionen zu entwickeln, ist das Hauptgeschäft der Bonner Behörde. Auch mit Epidemien hat man sich dort schon vor Jahren beschäftigt. Mit dem Coronavirus ist nun auch für das BBK und seinen Präsidenten Christoph Unger, einem Juristen aus Niedersachsen, aus der Theorie Praxis geworden.

Die richtige Vorbereitung auf Krisen und Katastrophen

Herr Unger, was ist der wichtigste Tipp für jede Krise?

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Das Wichtigste ist, dass man sich darauf einstellt, Krisen und Katastrophen bewältigen zu müssen. Man muss verstehen, dass man in eine schwierige Situation kommen kann. Dadurch bleibt man auch im Extremfall handlungsfähig.

Ihr Amt hat 2012 eine Risikoanalyse für eine Pandemie erstellt. Ist der Verlauf der Krise bisher so, wie Sie es erwarten würden?

Es läuft so, wie es in unseren Worst-Case-Szenarien angelegt war.

Ihre Analyse von 2012 geht davon aus, dass durch einen Virus innerhalb von drei Jahren 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sterben – und das ist das milde Szenario. Die Gegenmaßnahmen setzten Sie damals mit mehr als einem Jahr an. Die Politik schien von Corona dennoch überrascht. Wurde das Risiko unterschätzt?

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Die Risikoanalyse von 2012 basiert auf einem hypothetischen Szenario. Jedes neu auftretende Ereignis bedingt eine regelmäßige individuelle Lagebewertung und daraus resultierende Entscheidungen. Dem ist die Bundesregierung nachgekommen, indem sie mit Bekanntwerden einer infektiologischen Lage zusammen mit Fachleuten die Entwicklung kontinuierlich bewertet und lageangepasst Maßnahmen für die Bevölkerung ergriffen hat und weiterhin ergreift mit dem Ziel, die Auswirkungen auf die Bevölkerung möglichst gering zu halten. Wir richten alle Anstrengungen darauf, die Lage zu bewältigen. Im Nachhinein werden wir alles bewerten und unsere Schlüsse daraus ziehen.

+++Immer aktuell: Hier geht’s zum Corona-Ticker+++

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Deutschland im Krisenfall: Sind wir vorbereitet?

Ist Deutschland gut vorbereitet auf so einen Extremfall?

Das System des Bevölkerungsschutzes ist seit der Wiedergründung unseres Amtes im Jahr 2004 robuster geworden. Ob wir gut vorbereitet waren, werden wir am Ende der Krise sehen, wenn wir wissen, wie wir durchgekommen sind.

Ist die kritische Infrastruktur gefährdet, also die Versorgung mit Wasser, Strom und Internet?

Unsere Risikoanalyse geht davon aus, dass es da keine größeren Probleme geben dürfte. Unternehmen sind verpflichtet, sich auf Krisensituationen vorzubereiten, etwa durch Schichtpläne, Stellvertreterregeln, die Identifikation von Schlüsselpersonal. Ich hoffe, dass das geschehen ist. Wir haben einige Anfragen von Unternehmen. Da prüfen wir, wo wir kurzfristig noch Hilfe leisten können.

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Was kann schiefgehen bei der Bewältigung von Krisen?

Es ist von zentraler Bedeutung, dass staatliche Stellen klar und umsichtig kommunizieren. Sie müssen glaubwürdig bleiben. Und sie müssen Fake News schnell erkennen und gegensteuern, damit keine Panik entsteht. Dazu müssen heute sehr viel mehr Kanäle beobachtet werden als früher, vor allem die sozialen Netzwerke. Das ist eine große Herausforderung.

Corona: Die richtige Kommunikation in der Krise

Wie wichtig ist die Tonlage? Zuspitzen wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der von “Krieg” spricht, oder deeskalieren?

Am wichtigsten ist, dass eine Regierung einheitlich kommuniziert und nicht durcheinanderredet. Sie muss zeitnah reagieren und auf die Ängste der Bevölkerung eingehen. Dabei sollte man genau auf die Wortwahl achten. Der Begriff “Krieg” ist nicht gut, weil er Ängste schürt. Angst hilft in einer Krise überhaupt nicht.

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Wie spricht man mit Kindern über Corona?

Kindern muss man erklären, was das Virus ist und warum sie zu Hause bleiben müssen. Man muss erklären, warum in eine häusliche Quarantäne Menschen mit Schutzanzug kommen. Man muss Fragen beantworten und darf sie nicht wegwischen, weil man die Antwort nicht weiß. Je nach Alter des Kindes kann man auch gemeinsam nach der Antwort forschen.

Was empfehlen Sie Erwachsenen?

Es ist wichtig, nicht nur die medizinische, sondern auch die psychische Seite so einer Lage ernst zu nehmen. Wenn man 14 Tage in häuslicher Enge ist, muss man versuchen, den Tag zu strukturieren. Man sollte sich Aufgaben vornehmen. Man sollte nicht nur vor sich hinbrüten, sondern kommunizieren. Und es hilft nichts, sich den ganzen Tag nur mit den neuesten Entwicklungen in der Corona-Krise zu beschäftigen. Man muss auch Abstand gewinnen. Also lieber ein Gesellschaftsspiel spielen als noch die nächste Sondersendung gucken.

Video
Der Hamster in uns: Panikkäufe und Corona
0:44 min
„Hamstern“ beschreibt das Horten von Lebensmitteln oder knapp werdenden Dingen. Das Horten von Dingen hat eine lange Tradition.  © Daniela Vates/RND

Angst vor der Pandemie: Hamsterkäufe und Vorratshaltung

Eine Pandemie war für viele Bürger bislang etwas für Hollywoodfilme. War das naiv? Und können Sie verstehen, dass manche die Reaktion auf das Virus für übertrieben halten?

Das ist verständlich, vor allem wenn der Feind unsichtbar ist wie ein Virus. Und wer will sich schon mit Krankheit und Tod auseinandersetzen? Es gibt eine grundsätzliche Tendenz, sich nicht mit unangenehmen Szenarien zu beschäftigen. Wir empfehlen zum Beispiel seit vielen Jahren eine gesunde Vorratshaltung, sind damit aber kaum an die Menschen rangekommen. Das hat zur Folge, dass es in einer akuten Lage wie jetzt zu Überreaktionen wie Hamsterkäufen kommt.

Vorratshaltung ist gut, Hamsterkäufe sind schlecht? Wo ist der Unterschied?

Vorratshaltung gehört zur Selbsthilfefähigkeit, genauso wie Erste-Hilfe-Kenntnisse oder das Wissen, wie man mit einem Feuerlöscher ein Feuer löscht. Für die Vorratshaltung gibt es von uns seit vielen Jahren eine Liste, die für zehn Tage berechnet ist. Damit ist man darauf vorbereitet, wenn auf der Straße Glatteis herrscht und man nicht einkaufen gehen kann, aber eben auch, wenn es wie jetzt darum geht, soziale Kontakte zu minimieren. 50 Kilo Mehl oder 100 Rollen Toilettenpapier stehen nicht auf unserer Liste. Das ist maßlos und nicht in Ordnung.

Haben Sie zu Hause auch ein paar Suppendosen und Kerzen im Keller stehen für den Notfall?

Na klar – und zwar nicht erst seit zwei Wochen.

Ist Ihnen derzeit bei aller Professionalität manchmal mulmig?

Für uns ist diese Lage neu. Es gibt theoretische Darstellungen der Abläufe, die auf uns zukommen. Ich kann sehen, dass das Gesundheitswesen alle Anstrengungen unternimmt, diese besonders negativen Auswirkungen einigermaßen im Griff zu halten – also die Kurve abzuflachen. Irgendwann wird es überstanden sein. Aber wie groß die Schäden sind, kann derzeit wohl niemand sagen.

Vor einem Monat hat Ihr Amt ein Notfall-Kochbuch angeschoben, für das Rezepte eingesandt werden können. War das weise Voraussicht?

Die Idee ist unabhängig von Corona entstanden. Es ging eigentlich um das Thema Stromausfall. Alle Gerichte müssen ohne Strom zuzubereiten sein, also entweder kalt oder mit einem Gaskocher. Wir bekommen unglaublich viele Rezeptvorschläge. Es ist erstaunlich, was man alles machen kann – zum Beispiel Couscous und Pfannkuchen. Wahrscheinlich müssen wir eine mehrbändige Ausgabe machen.

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