Corona-Krise: Was Mut macht in Deutschland

  • Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie stoßen bei den einen auf Zustimmung, bei den anderen auf viel Kritik.
  • Unser Autor findet, dass Deutschland zumindest eine gute Grundeinstellung hat, die helfen könnte, durch diese schlechten Zeiten zu kommen.
  • Ein zuversichtlicher Blick auf die Corona-Politik des Landes.
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Am Ende des fröhlichen Sommers 2020 trat die Kanzlerin mit ernster Miene vor die Presse und erwähnte etwas Eigentümliches. Angela Merkel sagte, sie selbst habe jetzt mal eine Modellrechnung gemacht. Niemand lachte. Die Presseleute in Berlin wissen: Deutschland hat eine Regierungschefin, die nicht nur rechnen will, sondern – als promovierte Physikerin – auch rechnen kann.

Es ging um den Anstieg der Infektionszahlen, um exponentielles Wachstum, um Verdopplungszahlen. Merkel sagte, die Zahl der täglichen Neuinfektionen könne zu Weihnachten auf 19 200 klettern. In Politik und Medien taten viele das anfangs als übertrieben ab, tatsächlich aber erreichten die realen Zahlen das von Merkel genannte Niveau sogar schon im November.

In die Details dieser Zahlendebatte muss man nicht tiefer einsteigen, um etwas Zentrales zu erkennen: In Berlin gibt es eine politische Führung, die sich Gedanken macht, die sich Mühe gibt mit dieser Krise – und die ihre Sorgen offen mitteilt. Machthaber in anderen Teilen der Erde machen es ganz anders. Sie unterdrücken die freie Berichterstattung über die Viruskrise und stellen sich am liebsten selbst noch als unverwundbar dar.

Als jüngst in China Staatschef Xi Jinping bei einer Rede immer wieder heftig hustete, drehte die Regie des Staatsfernsehens die Kameras stets ergebenst in einen anderen Winkel, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Als in Russland Wladimir Putin bei einer Parade zur Verwunderung der Welt betont lässig und bürgernah ohne Maske neben jungen Soldaten saß, ahnten die Zuschauer des Staatsfernsehens nicht, dass man die Männer zuvor 14 Tage in strikter Quarantäne gehalten hatte.

Verhalten wie von Trump blieb den Deutschen erspart

Unvergessen sind auch die Shows des Amerikaners Donald Trump. Der behauptete sogar noch auf den Wahlkampfbühnen des Corona-Hotspots Wisconsin, dass die höhere Zahl der Infizierten allein mit der höheren Zahl von Tests zusammenhänge.

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Die politische Mitte in den USA rollte nur noch mit den Augen und tippte sich an den Kopf: Lag es etwa an den vielen Tests, dass sich in Wisconsin die Zahl der Toten binnen 14 Tagen verdoppelt hatte? Wurde nur wegen der Tests ein Feldlazarett mit 530 Betten in Milwaukee eingerichtet? Eine solche politische und menschliche Falschheit, wie sie dieser Präsident verkörpert, blieb den Deutschen erspart.

Die Pandemie ist und bleibt eine Krise

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Krise als Chance? Zeitweilig mochte man Debatten dieser Art schon nicht mehr hören. Die Pandemie ist und bleibt eine Krise, sie lässt massenhaft Menschen sterben, sie macht sie krank, lässt sie verzweifeln, ruiniert sie.

Zugleich aber sortieren die modernen westlichen Gesellschaften gerade in erfreulicher Weise ihre Prioritäten neu. Der Wert des Sozialstaats etwa wird gerade neu entdeckt. Pfleger und Pflegerinnen bekommen nicht nur, wie zeitweilig befürchtet, Applaus von Balkonen, sondern auch mehr Geld: Im jüngsten Tarifabschluss für den öffentlichen Dienst addieren sich Intensiv-, Wechselschicht- und Pflegezulage auf eine Lohnerhöhung von rund 10 Prozent. Das ist ein gutes Signal in schlechten Zeiten.

Korrekturen kommen in Gang, die mehr sind als bloße Änderungen im Stil. Beeindruckend ist vor allem die neue Hinwendung zu Wahrheit, Transparenz und Redlichkeit, die erstaunliche Öffnung des Politischen für das Wissenschaftliche. Dies könnte Perspektiven für weitere Themen bieten, etwa im Umwelt- und Klimaschutz.

Als Merkel jüngst mit den Ministerpräsidenten im Kanzleramt zusammensaß, erteilte sie erst mal Michael Meyer-Hermann das Wort, einem Professor mit rötlichem Bart, hoher Stirn und einem kleinen Dutt am Hinterkopf. Der Mann leitet die Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und gehört weltweit zu den Koryphäen, wenn es gilt, medizinische Verläufe ins Mathematische hinein zu verlängern.

Meyer-Hermann erläuterte der Runde, wie sich in späten Stadien exponentielles Wachstum auswirkt, nicht mehr als Anstieg, sondern anders: als Explosion. Danach war es erst mal still im großen Sitzungssaal des Kanzleramts.

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Empirie ist so wichtig und Ideologie so unwichtig wie noch nie

Merkel gefällt so etwas. Schon ganz zu Beginn der Krise kündeten die regelmäßigen Fernsehauftritte von Vertretern des Robert-Koch-Instituts von dem betont wissenschaftsorientierten Herangehen an die Krise. Merkel verordnete Land und Leuten eine nie dagewesene Ausrichtung aller politischen Anstrengungen aufs Objektive. Empirie ist so wichtig und Ideologie so unwichtig wie noch nie. Darin liegt leider eine echte Herausforderung – aber am Ende auch etwas Beflügelndes. Denn jeder kann beitragen zum Erfolg des Ganzen.

Früher stritten sich Linke und Rechte. Heute verlaufen die maßgeblichen Trennlinien zwischen denen, die sich redlich mühen mit der Viruswelle – und denen, die das Wahre nicht wahrhaben wollen.

Es macht Mut, dass in Deutschland die erste Gruppe die klare Mehrheit stellt. Die Verschwörungsideologen bleiben in der Minderheit, trotz allen Lärms, den sie gelegentlich machen. Die Vernünftigen im Land von Kant und Leibniz rücken zusammen – und die Radikalen backen wieder etwas kleinere Brötchen. Nach dem Populismus-Barometer der Bertelsmann-Stiftung sind aktuell 20,9 Prozent der Deutschen populistisch eingestellt. Noch im November 2018 waren es 32,8 Prozent.

Gewiss, auch in Deutschland wurden Fehler gemacht.

Nie führte in Deutschland die Viruskrise zu einem ernsthaften Streit zwischen den führenden Parteien. USA und Großbritannien sind abschreckende Gegenbeispiele. Dort gab es monatelange Grabenkämpfe zwischen rechtspopulistischen Verharmlosern auf der Regierungsbank und der Opposition. Die Virenabwehr in beiden Staaten litt darunter. In den USA starben an Covid-19 laut Johns Hopkins University von 100.000 Einwohnern 69,9. In Großbritannien waren es 69,3. In Deutschland dagegen liegt die Mortalitätsquote bei 12,4.

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Gewiss, auch in Deutschland wurden Fehler gemacht. Über viele Details der Corona-Maßnahmen lässt sich trefflich streiten. Doch wer ein bisschen aus Deutschland rauszoomt und den Rest der Welt in den Blick nimmt, sieht klarer. Das gleiche Land, das an manchen Tagen so chaotisch wirkt, das sich so reinschrauben kann in den Streit um Sperrstunden, Beherbergungsverbote und Verwaltungsgerichtsverfahren, bleibt ein Vorbild für viele.

Dies sollte man im Blick behalten, wenn in der nächsten deutschen Talkshow schon wieder nervöse Nabelschaudebatten anheben. Wie oft hieß es, Schweden mache es liberaler und eigentlich besser? Heute blickt man in Schweden beschämt auf eine Mortalitätsrate von 58,3. Wie oft zogen zeternde Neunmalkluge über den vielzitierten Flickenteppich her, den der deutsche Föderalismus erzeuge? Im Zentralstaat Frankreich (Mortalitätsquote 53,8) jedoch stieß zur selben Zeit Emmanuel Macron die umgekehrte Debatte an: Man brauche mehr Eigenverantwortung in den Regionen, betonte Frankreichs Präsident in den vergangenen Wochen.

Deutschlands Föderalismus fängt übrigens viel Unmut ab. Mancher, der über „die da oben“ schimpft, kommt auf Nachfrage ins Schleudern: Meint er jetzt die Kanzlerin, den jeweiligen Ministerpräsidenten oder die Behörde vor Ort?

Oft wird die Konsensbildung in Berlin als kompliziert beschrieben. Doch es ist gerade der Clou des Komplexen, das sich dem so gefundenen Konsens am Ende schon aus pragmatischen Gründen niemand mehr in den Weg stellen will.

Superstar? Ugur Sahin, Vorstandsvorsitzender BioNTech. © Quelle: Andreas Arnold/dpa

Der wahre Superstar wird am Ende aus der Wissenschaft kommen

Der wahre Superstar allerdings wird am Ende nicht aus der Politik kommen, sondern aus der Wissenschaft. Vielleicht ist es der geniale Mediziner Ugur Sahin (55), Chef der Mainzer Firma Biontech. Zuletzt sah es so aus, als könne er einer der ersten sein, die einen Impfstoff entwickeln. Auch das Tübinger Bio-Tech-Unternehmen Curevac rüstet sich schon für eine Impfstoffproduktion in der Größenordnung von mehreren 100 Millionen Dosen pro Jahr.

Deutschland kann übrigens, schöne Grüße an die AfD, sehr froh sein, Leute wie Sahin hier im Land zu haben. Sahin hat in Köln Medizin studiert, sein Vater kam einst aus der Türkei und war Gastarbeiter bei Ford. Liegt das Rettende am Ende in Deutschlands Weltoffenheit? Es wäre ein sensationelles Schlusskapitel im Drama der Corona-Krise.


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