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Corona-Krise: Eine Lösung zulasten der Alten darf es nicht geben

  • Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer will Menschen über 65 und chronisch Kranke separieren und die Jüngeren wieder in den “Produktionsprozess” integrieren.
  • Das wäre nicht unbedingt verwerflich, findet Markus Decker.
  • Aber es ist mindestens zu einfach gedacht.
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Berlin. Die Rufe werden lauter. Und sie kommen aus unterschiedlichen Richtungen. Dabei war es Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der sich am unverblümtesten ausdrückte. Der Grünen-Politiker hält folgende Lösung der Corona-Krise für möglich: “Menschen, die über 65 Jahre alt sind, und Risikogruppen werden aus dem Alltag herausgenommen und vermeiden weiter Kontakte. Jüngere, die weniger gefährdet sind, werden nach und nach kontrolliert wieder in den Produktionsprozess integriert.”

Wobei das Wort “Produktionsprozess” den ökonomischen Ursprung des Gedankens offenlegt. So wie Palmer denken jetzt viele. Die Corona-Krise wird ähnlich wie die Klimakrise zum Generationenkonflikt – nur mit umgekehrter Schlachtordnung.

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Es ist ja gerade mal ein Vierteljahr her, dass eine mutmaßliche Satire im WDR für maximalen Wirbel sorgte. Der Kinderchor des Senders hatte ein fröhliches Lied geträllert mit der Zeile: “Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.” Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schäumte. WDR-Intendant Tom Buhro entschuldigte sich. Hinter der Satire verbarg sich die Behauptung vieler junger Menschen, dass die alten Menschen durch massiven CO₂-Ausstoß ihre Zukunft vernichteten. Die Behauptung war stets moralisch aufgeladen. Es klang ein anklagendes “Ihr tut Unrecht” mit.

Neuer Generationenkonflikt

Zuletzt hörte man hingegen von fröhlichen Corona-Partys. Im Supermarkt trifft man Teenager, denen Abstandsregeln völlig egal sind. Das hat mit der ebenso falschen wie fatalen Erzählung zu tun, dass das Virus ihnen nichts anhaben könne. Sie erschwert den Kampf gegen das Virus und zieht überdies den jugendlichen Moralismus aus der Klimakrisendebatte in Zweifel. Der Teenageregoismus an der Kasse bei Edeka zeigt: In der Not sind manche Junge eben auch nicht besser.

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Mittlerweile sind die Corona-Partys Geschichte. Und kaum hat der Shutdown richtig begonnen, beginnt die Debatte darüber, wie man aus ihm wieder herausfinden könnte. Hier helfen moralische Betrachtungen ebenso wenig weiter wie Gruppenegoismen.

Tatsächlich haben jüngere Menschen Angst vor dem Verlust von Lebensperspektiven, während sich ältere Menschen vor Krankheit, Tod und sozialer Isolation ängstigen – sowie davor, wie in Italien oder Spanien furchtbar einsam zu sterben. Diese Ängste sind unvergleichlich. Man darf sie nicht gegeneinander ausspielen.

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Richtig ist, dass sich der Shutdown nicht monatelang aufrechterhalten lässt. Das würde nicht nur zu einem wirtschaftlichen Niedergang mit dramatischen sozialen Folgen führen, sondern könnte auch den Kontrollverlust des Staates nach sich ziehen. Darum ist es so legitim wie notwendig, über Ausstiegsszenarien nachzudenken. Die Palmer-Idee, von einer Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen ältere Menschen und andere Risikogruppen auszunehmen, liegt nahe und ist nicht verwerflich.

Ein Viertel der Bevölkerung

Die Idee ist freilich sehr einfach – zu einfach. Denn ältere Menschen und chronisch Kranke sind Staatsbürger mit unveräußerlichen Rechten wie andere. Ferner geht es um eine riesige Gruppe. Allein die Zahl der über 65-Jährigen beträgt 17,5 Millionen Menschen. Nimmt man die chronisch Kranken hinzu, ist man locker bei einem Viertel der Gesamtbevölkerung.

Viele Ältere sind noch dazu topfit und wahrscheinlich weniger gefährdet als ein übergewichtiger Kettenraucher mit Mitte 40. Jene Älteren, die es nicht sind, müssen wiederum teilweise versorgt werden und brauchen soziale Kontakte – nicht zuletzt von und mit Jüngeren, die jedoch das Virus in sich tragen oder tragen könnten. Der Virologe Christian Drosten sagte deshalb bereits, dass die Isolation der Alten epidemiologisch überhaupt nichts bringe.

Gewiss wird ein Teil der Lösung in einem stärkeren Rückzug der Älteren und chronisch Kranken aus dem öffentlichen Leben bestehen. Daran haben die Betroffenen ein eigenes, existenzielles Interesse. Doch fürs Erste wird man den Shutdown für alle aufrechterhalten müssen. Und dann wird lediglich eine Kombination mehrerer Maßnahmen den Ausweg weisen – wobei jede Maßnahme Zumutungen enthalten wird: ökonomische, rechtsstaatliche, ethische. Einen Masterplan der Mehrheit gegen eine Minderheit kann und darf es nicht geben.

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