Corona-Krise: Der amerikanische Albtraum

  • Fehlende Krankenhausbetten, tiefe soziale Gräben, ein narzisstischer Präsident: Die Corona-Pandemie trifft die USA mit voller Härte.
  • Mit mehr als 85.000 Infizierten hat das Land inzwischen China überholt. Wegen des Shutdowns haben mehr als drei Millionen Menschen ihren Job verloren.
  • Doch während Präsident Donald Trump die Krise als bizarre Reality-TV-Show inszeniert, wächst in der Nachbarschaft die persönliche Hilfsbereitschaft.
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Washington. Draußen vor der Union Station kündigt sich der Frühling an. Es sind die Tage der Kirschblüte – eigentlich die schönste Zeit in Washington. Doch die Touristen fehlen, und der Kontrast des farbenprächtigen Naturschauspiels zur gespenstischen Leere im Inneren des Bahnhofsgebäudes könnte nicht größer sein. Alle Läden sind geschlossen. Nur ein paar Obdachlose kauern in einer Ecke der monumentalen Halle.

Die Corona-Krise hat auch das Land runtergefahren, in dem normalerweise die Geschäfte an fast allen Tagen des Jahres um Kunden buhlen und es für jeden Bedarf eine Dienstleistung gibt. Seit zehn Tagen ist die Hauptstadt ausgestorben. Die großen Avenues, auf denen sich sonst die Autos stauen, sind leer gefegt. Die Geisterzüge der Metro rauschen in jeder vierten Station ohne Halt durch. Geschäfte, Schulen, Museen, der Arboretum-Landschaftspark – alles dicht. Nicht einmal mehr einen Coffee to go gibt es bei Starbucks um die Ecke. In düsterer Vorahnung hat ein Kosmetikhändler seine Schaufenster mit Holzplatten vernagelt.

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“Wir haben die Stadt stillgelegt, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen”, sagt Bürgermeisterin Muriel Bowser. Die Gouverneure der wichtigsten Bundesstaaten haben ähnliche Restriktionen erlassen. Mit gutem Grund: Einen Monat nachdem Präsident Donald Trump verkündete, der lebensgefährliche Erreger werde wohl im April verschwunden sein, sind die USA zum Epizentrum der Pandemie geworden: Mindestens 85.000 Menschen haben sich bis Freitag infiziert, mehr als in jedem anderen Land der Erde. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Mehr als 1300 sind an Covid-19 gestorben.

Nur noch 14 Journalisten dürfen zu Trumps Pressekonferenzen

Das Virus verschont niemanden – auch nicht die Politik. Mehrere Senatoren und Kongressabgeordnete sind positiv getestet worden. Das gigantische 2-Billionen-Dollar-Hilfspaket für Unternehmen und Beschäftigte sollte am Freitag vor weitgehend leeren Bänken vom Repräsentantenhaus durchgewunken werden. Auch die großen Fernsehsender haben ihre Präsenz im Zentrum der Weltmacht ausgedünnt. Nachdem ein Korrespondent an Covid-19 erkrankte, dürfen nur noch 14 zuvor auf Fieber untersuchte Journalisten zu den täglichen Pressekonferenzen von Donald Trump ins Weiße Haus.

“Amerika erzielt immer weitere Geländegewinne im Krieg gegen das Virus”, brüstet sich der Präsident dort. Seine Auftritte gleichen einer bizarren Reality-TV-Show. Vier Autostunden nordöstlich, in New York, spielen sich im wirklichen Leben derweil apokalyptische Szenen ab. Alleine in einem einzigen Krankenhaus im Stadtteil Queens sind am Dienstag 14 Menschen dem Coronavirus erlegen. Einige starben in der Notaufnahme, während nach einem freien Bett für sie gesucht wurde. Die Leichen mussten in einem Kühllaster auf der Straße gelagert werden.

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Die Millionenmetropole New York steht vor dem medizinischen Kollaps

Das erinnert an düsterste Bilder aus Italien, obwohl Gouverneur Andrew Cuomo mit Ausgehsperren, Hilferufen und Behelfsspitälern alles tut, um den drohenden medizinischen Kollaps abzuwenden. Mit mehr als 39.000 Infizierten ist sein Bundesstaat der Brandherd der Corona-Pandemie in Amerika. In der Millionenmetropole New York, wo oftmals Hunderte Menschen in einem Hochhaus leben, dieselben Aufzugsknöpfe drücken und sich in der U-Bahn kaum aus dem Weg gehen können, verbreitet sich das Virus mit teuflischer Geschwindigkeit. Erst in 21 Tagen erwarten die Experten hier den Höhepunkt. Dann werden voraussichtlich 140.000 Krankenhausbetten gebraucht. Bislang gibt es 53.000.

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Noch schlimmer ist der Mangel bei Beatmungsgeräten, von denen in New York wohl 30.000 benötigt werden – dreimal so viel, wie derzeit vorhanden sind. Auch die Schutzkleidung für das medizinische Personal droht auszugehen. Und Tests, die zur Vermeidung weiterer Ansteckungen ganz dringend erforderlich wären, sind wie im ganzen Land selbst für klare Verdachtsfälle immer noch nicht ausreichend verfügbar.

Dass Trump sein Krisenmanagement gleichwohl mit der Bestnote “Zehn” benotet, lässt sich nur mit einer narzisstischen Wahrnehmungsstörung erklären. Der Ankündigung des Präsidenten, schon Ostern könne das Land weitgehend zur Normalität zurückkehren, widersprechen selbst republikanische Landesväter. “Wir glauben nicht, dass der Höhepunkt vor dem 1. Mai erreicht wird”, twitterte etwa Mike DeWine, der Gouverneur von Ohio. An der rechten Trump-Basis auf dem flachen Land aber möchten viele nur allzu gerne den Verheißungen des Präsidenten glauben, der die Pandemie zu einer normalen Grippewelle herunterspielt und eine baldige Wundertherapie verspricht. “Wenn das Land weitere sechs Wochen dichtgemacht wird, besorge ich mir ein Gewehr”, hat ein Leser unter DeWines Tweet geschrieben.

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USA haben mehr Coronavirus-Fälle als China
1:05 min
Mit mehr als 82.000 gemeldeten Fällen überrundeten die USA China.  © Reuters

Wer es sich leisten kann, flüchtet ins Ferienhaus an der Küste

Doch nicht nur politisch driften die USA derzeit weiter auseinander. Die Corona-Krise vertieft auf brutale Weise auch die sozialen Gräben. Längst sind die Millionäre von der Upper East Side in Manhattan in ihre Ferienhäuser auf den exquisiten Hamptons geflohen. Wer es sich irgendwie leisten kann in Washington, der arbeitet in diesen Tagen aus dem Homeoffice im Vorstadthäuschen. Das geht natürlich nicht für die Supermarktkassiererin, den UPS-Kurier oder den Busfahrer. Und zufälligerweise sind sie alle schwarz.

Auch hinter der engen Kasse der Supermarktkette Trader Joe’s steht eine Afroamerikanerin. Trotz allem ist sie froh über ihren Job. “Ich hoffe, dass die den Laden nicht irgendwann dichtmachen”, sagt sie. Die junge Frau arbeitet auf Stundenlohnbasis. Buchstäblich von heute auf morgen kann sie ihr Einkommen ohne soziale Absicherung verlieren – so wie der Barista bei Starbucks, der Kellner beim Italiener oder die Friseurin im Haarsalon. Unvorstellbare 3,3 Millionen Menschen haben sich alleine in der vorigen Woche landesweit arbeitslos gemeldet. Um das Säulendiagramm maßstabgetreu abzubilden, brauchte die “New York Times” am Freitag eine komplette Zeitungsseite.

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Doch es gehört zum Paradox der USA, dass ausgerechnet in einer Zeit, die aus medizinischen Gründen das Auseinanderrücken der Menschen propagiert, auch jene individuelle Initiative und Hilfsbereitschaft gestärkt wird, die zum Kern dieser Gesellschaft gehört. “Hallo! Meine beiden Mitbewohner und ich würden sehr gerne für Sie Erledigungen machen”, bieten Freiwillige auf dem Nachbarschaftsportal Nextdoor schon wenige Tage nach dem Lockdown ihre kostenlose Hilfe an. Ein anderer Nachbar verschenkt vier N95-Masken, die er unbenutzt von seinem Hausumbau übrig hat (und natürlich sofort vergriffen sind). Die Hilfsbereitschaft ist nicht auf das direkte Umfeld beschränkt: Der Starkoch Jose Andrés, dessen Restaurants geschlossen sind, gibt in New York, Washington, Los Angeles und Oakland kostenlos Essen an Schulkinder und Arme aus. Und in New York arbeiten 8000 Psychotherapeuten und Pfleger ehrenamtlich bei einer Hotline für Menschen in seelischer Not.

Kaum jemand verkörpert in diesen Tagen den amerikanischen Spirit so wie der New Yorker Gouverneur Cuomo. Während Trump in seinen Briefings eine Mischung aus Selbstlob, Schönrednereien und Tiraden verbreitet, beschreibt der 62-jährige Demokrat jeden Morgen nüchtern, knapp und doch empathisch die Lage. Der Ausnahmezustand werde wohl noch ein paar Monate anhalten, glaubt Cuomo: “Viele werden das Virus bekommen.” Doch rasch schiebt er einen optimistischen Satz nach: “Nur wenige werden in Gefahr sein.”

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