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Inzidenzen und Intensivbetten: In der Pandemie bricht eine neue Zeitrechnung an

  • Die Inzidenzzahlen bleiben wichtig, um das Pandemiegeschehen zu beurteilen.
  • Bei einem steigenden Anteil von Geimpften und Genesenen in der Gesellschaft sind sie aber nicht mehr alleiniger Maßstab.
  • Es wird Zeit, dass die Politik ihre Prioritäten entsprechend ändert, kommentiert Eva Quadbeck.
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Es gibt nur gute Gründe, nicht mehr allein auf die Inzidenzwerte als Maßstab für Corona-Schutzmaßnahmen zu schauen. Mit der wachsenden Zahl an Geimpften und Genesenen verändern sich die Ansteckungswege und die Risiken, die mit einer Covid-Erkrankung verbunden sind. Deshalb muss auch die Grundlage der bisherigen Corona-Politik angepasst werden.

Die Inzidenzwerte, also die Zahl der Ansteckungen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner pro Woche, waren eine Krücke, die uns allerdings recht gut über die bisherigen anderthalb Jahre Pandemie getragen hat. In einigen Phasen wäre sogar ein noch konsequenteres und schnelleres Handeln nach den Inzidenzwerten angezeigt gewesen.

In Verruf sind sie geraten, weil Bund und Länder bei ihren oft schlecht vorbereiteten gemeinsamen Konferenzen die Werte an die gewünschten Maßnahmen angepasst haben und nicht umgekehrt.

Die Inzidenzen bleiben weiter wichtig. Aber andere Größenordnungen müssen dringend dazu kommen, um sich ein realistisches Bild von der Lage zu machen und vor allem auch, um weiterhin Akzeptanz für möglicherweise erneute Schutzmaßnahmen in der Bevölkerung zu bekommen.

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Der Blick auf die Krankenhausbelegung, insbesondere auf die Intensivbetten ist für die künftige Beurteilung der Gefahrenlage in der Pandemie unerlässlich. Ein zentrales Argument für die Corona-Schutzmaßnahmen bis zum Lockdown war stets, dass das Gesundheitssystem nicht überfordert werden darf. Solange sich die Zahl der Intensivpatienten recht gut managen lässt, ist das System auch nicht überfordert. Wo genau die Zahl für eine dauerhafte Belastung liegt, wird die Gesundheitsbranche bestimmen müssen.

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Die Sterbefälle sind ausschlaggebend

Eine bedeutende Größe ist auch die Zahl der Corona-Toten. Sie gilt sogar als Königszahl in der Pandemie: Je weniger Tote zu beklagen sind, desto besser ist das Management in der Krise geglückt. Das Problem bei dieser Zahl ist, dass sie erst nachlaufend wächst. Erst steigen die Ansteckungszahlen, dann die Zahl der Krankenhausbelegungen und erst etwa vier Wochen später die Zahl der Toten – wenn der ideale Zeitpunkt für Schutzmaßnahmen längst verstrichen ist. Nichtsdestotrotz ist diese Zahl ein wichtiger Gradmesser dafür, ob richtig und konsequent genug gehandelt wurde.

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Was auch lohnt, ist ein Blick auf die Zahl der positiven Corona-Tests im Verhältnis zur Zahl der Tests, die überhaupt gemacht werden. Wer viel testet, bekommt auch viele Ergebnisse – auch positive. Um zu beurteilen, wie dramatisch die Lage wirklich ist, muss man einbeziehen, ob die Dunkelziffer eher groß oder eher klein ist. Die Dunkelziffer mit vielen Tests möglichst niedrig zu halten, sollte ein Ziel bleiben.

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Es wird also Zeit, dass die Corona-Politik eine neue Abbiegung nimmt. Sie muss in der Begründung ihrer Maßnahmen differenzierter werden. Das Einbeziehen anderer Größenordnungen neben den Inzidenzzahlen, die uns als Gradmesser erhalten bleiben werden, ist aber kein Freifahrtschein für anhaltende Öffnungen. Vorsicht bleibt geboten.

Die Delta-Variante wird nicht harmloser, wenn man an ihre Auswirkungen verschiedene Messinstrumente anlegt. Politik und Gesellschaft können nun mit dieser jüngsten Mutation des Coronavirus aber souveräner und zielgenauer umgehen, als es beispielsweise im Winter beim Aufkommen der britischen Variante der Fall war.

Nachdem in den vergangenen Monaten der Fokus auf dem Schutz vor dem Virus lag, wird sich nun stärker das Leben mit dem Virus durchsetzen – so wie man auch mit vielen anderen Risiken lebt, die begrenzt und beherrschbar sind. Je mehr Menschen geimpft und genesen sind, desto mehr wird das Prinzip des Lebens mit dem Virus gelten können.

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