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Altenheime in der Corona-Krise: “Jeder Tod wirkt wie eine persönliche Niederlage”

  • Stephan Antfang, Jahrgang 1963, leitet im münsterländischen Ochtrup als Angestellter der Caritas zwei Altenheime mit 139 Bewohnern und 152 Mitarbeitern.
  • Der Krankenpfleger, Diplom-Pflegewirt und Vater von drei Kindern sagt, die Corona-Krise belaste alle Beteiligten.
  • In den Heimen wachse die Angst.
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Herr Antfang, Sie leiten zwei Altenheime. Wie wirkt sich die Corona-Krise in Ihren Heimen aus?

Es ist eine extreme Belastung für alle Bewohner und die Kollegen. Jeder Tag ist neu, jede Situation muss neu bewertet werden. Das Gestern zählt im Grunde nicht. Wir schauen auf den Tag und entscheiden an diesem nach bestem Wissen und Gewissen. Wir versuchen zudem, das möglichst professionell zu tun und auch unseren pflegerischen Standard hochzuhalten.

Wenn ganze Heime unter Quarantäne gestellt werden, dann bedeutet das letztlich, dass Infektionen nur von Mitarbeitern ins Haus getragen werden können. Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit dieser Belastung um?

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Da wir bereits seit dem 13. März ein generelles Besuchsverbot haben, war allen Kollegen nach 14 Tagen klar, dass nur noch wir und die ins Haus kommenden Hausärzte das Virus ins Haus tragen können. Das löste bei allen Beteiligten Ängste aus. Und natürlich stellten sich die Kollegen auch die Frage: “Bin ich schuld, wenn ich Corona ins Haus trage und Menschen deshalb sterben?” Zum Thema Angst hat mir ein befreundeter Kinder- und Jugendpsychiater eine kurze Expertise geschrieben. Sie war beim Verständnis der Situation und der Kommunikation in den Häusern sehr hilfreich. Seitdem ist mir klarer als vorher: Angst als eine sehr starke Emotion kann durchaus gut sein, da sie aufmerksam und vorsichtig macht. Aber sie kann auch lähmen.

Und was ist mit der Schuldfrage?

Zum Thema Schuld habe ich mich – wie könnte es im katholisch geprägten Münsterland auch anders sein? – an einen Pfarrer gewandt. In der Bibel findet sich ja eine Menge zum Thema Schuld und Sühne. Bei Lukas 6.37 heißt es: “Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.” Der Pfarrer sagte: “Zur Schuld gehört eigentlich immer die Intention. Niemand wird jedoch mit Absicht das Virus in die Heime schleusen. Wenn es passiert, dann trotz aller Schutzmaßnahmen. Bei Ihnen hat also niemand Schuld!” Abgesehen davon ist die Stimmung in den beiden Häusern bei den Kollegen zurzeit gut.

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Für die Bewohner werden die Heime aufgrund der Kontaktsperre zur Außenwelt zu kleinen Gefängnissen. Wie empfinden Sie das?

Insgesamt ist die Stimmung bei den Bewohnern nicht so schlecht wie befürchtet. Diese Feststellung gilt aber in erster Linie für die geistig nicht eingeschränkten Bewohner. Sie sagen: “Wir haben einen Krieg und den Wiederaufbau erlebt!” Viele dieser Menschen haben dadurch eine Resilienz, also eine Widerstandskraft, entwickelt und zeigen Verständnis für die nun getroffenen Maßnahmen. Aber natürlich vermissen auch sie ihre Angehörigen. Bei den demenzerkrankten Bewohnern ist die Wahrnehmung anders. Sie leiden extrem unter der jetzigen Situation, weil sie nicht verstehen, was geschieht und warum. In manchen Fällen verstärkt die Kontaktsperre den Verfall weiter. Dennoch versuchen wir in beiden Häusern, möglichst viel Normalität zu leben.

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Kann es sein, dass Bewohner die Isolation mehr fürchten als den Tod?

Ja, das ist Thema im Haus. Bei einem Durchschnittsalter von gut 85 Jahren – viele Bewohner sind über 90 Jahre alt, unsere älteste Bewohnerin ist 102 – wissen die Bewohner natürlich, dass sie am Ende ihres Lebens angekommen sind. Und dann auf nächste Angehörige zu verzichten fällt ihnen extrem schwer. Einsam und allein möchten die Bewohner ihre womöglich letzten Tage, Wochen oder Monate nicht verbringen. Ein Bewohner sagte kürzlich: “Am Ende sterbe ich allein und einsam und dann auch noch nicht einmal an Corona, sondern weil ich einfach alt bin.” Und eine Bekannte meinte: “Es wäre vielleicht besser, wenn Mama vor Corona gestorben wäre.” Das muss man auch verstehen.

Sie sagten mir in einem Vorgespräch, dass Sie es als problematisch empfinden, wenn jeder neue Corona-Todesfall von alten Menschen von Medien vermeldet wird. Weil das den Druck auf Sie und Ihre Mitarbeiter erhöht? Weil Menschen in Altenheimen auch sonst sterben? Oder warum?

Natürlich sterben Menschen in Altenheimen. Und sie sollen auch möglichst bei uns sterben, würdevoll begleitet durch Angehörige, Kollegen aus der Pflege, Palliativmediziner und auch durch den ambulanten Hospizdienst. Das klappt hier in Ochtrup sehr gut. Corona stellt uns zwar vor große Herausforderungen. Doch wir stellen uns dieser Herausforderung mit unserer ganzen pflegerischen Kompetenz – so wie wir es auch bei anderen Erkrankungen, die zum Tode führen, tun.

Ein Sarg wird vom Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg abtransportiert. In dem Altenheim in Wolfsburg ging alles ganz schnell: Keine typischen Corona-Symptome und ein deutlich verkürzter Sterbeprozess. So beschrieb die betreibende Diakonie den Ausbruch des Virus im Heim. © Quelle: Peter Steffen/dpa
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Aber?

Ich habe von einer Kollegin, die in ihrer Einrichtung leider Corona-Todesfälle zu beklagen hat, gehört, dass sie und ihre Kollegen jeden Tod eines Bewohners, der an Corona verstorben ist, als persönliche Niederlage empfinden. Die täglichen Meldungen in den Medien verstärken dieses Empfinden noch – und das bei Kollegen, die seit Wochen am Limit arbeiten, psychisch wie physisch. Insofern helfen sie uns nicht weiter, sondern verstärken eher den Druck, die Angst und das Schuldgefühl. Das gilt erst recht, wenn Staatsanwaltschaften in Heimen ermitteln, in denen es Corona-Ausbrüche gibt. Für mich fühlt sich das so an, als würden Sündenböcke gesucht. All das führt dazu, dass in den Häusern Angst herrscht, Fehler zu machen. Und diese Angst wächst. Dabei sagte unsere Personalratsvorsitzende kürzlich vollkommen mit Recht: “Es sterben täglich Menschen, auch in Altenheimen – mit oder ohne Corona. Und es sterben täglich Menschen jedes Alters an ganz unterschiedlichen Krankheiten.”

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kommt aus Ahaus. Das liegt 20 Kilometer von Ochtrup entfernt. Was würden Sie sich mit Blick auf Alten- und Pflegeheime von ihm wünschen?

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kommt aus Riesenbeck; das ist ebenfalls nicht weit entfernt. Wir haben also zwei Gesundheitsminister aus dem Münsterland, der eine auf Bundesebene und der andere auf Landesebene. Von beiden könnte ich mir zwar etwas wünschen. Ich weiß aber ehrlich gesagt gar nicht, was. Die Debatten über mehr Wertschätzung und mehr Geld hatten wir ja schon. Nur nachhaltig waren sie nie. Deshalb warte ich jetzt lieber mal ab, ob sich tatsächlich etwas nachhaltig ändert.

Sie haben aktuell keinen konkreten Wunsch?

Schön wäre es sicher, bei all den Anordnungen, Verfügungen und Erlassen auch einmal Menschen zu fragen, die an der Basis arbeiten und die Prozesse in den Altenheimen kennen. Eines kann ich nämlich mit Sicherheit sagen: Auf alle Kollegen, die gegenwärtig in den Altenheimen täglich ihr Bestes geben, ist Verlass. Man sollte ihnen vertrauen!



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