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Singapur: Ungeimpfte zahlen für die Intensivstation künftig selbst

  • Im Kampf gegen Corona zieht der reiche und strenge asiatische Kleinstaat Singapur neue Saiten auf.
  • Der Regierung missfällt der hohe Anteil von Ungeimpften unter jenen, die derzeit in den Kliniken liegen.
  • In Deutschland gibt es zwar ähnliche Tendenzen – doch das Finanzthema bleibt bislang tabu.
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Singapur wird die Kosten für die medizinische Behandlung von ungeimpften Corona-Patienten nicht mehr übernehmen. Die Regelung gelte vom 8. Dezember an, teilte die Regierung mit.

In einer offiziellen Bekanntmachung heißt es: „Ungeimpfte Personen stellen derzeit die deutliche Mehrheit der intensivstationären Pflegebedürftigen und tragen überproportional zur Belastung unserer Gesundheitsressourcen bei. Daher werden wir ab dem 8. Dezember 2021 damit beginnen, Covid-19-Patienten, die freiwillig nicht geimpft wurden, die Kosten in Rechnung zu stellen.“

Eine Kostenübernahme für Ungeimpfte gibt es künftig nur noch in Fällen, in denen eine Impfung aus medizinischen Gründen unmöglich ist.

Die Regierung von Premierminister Lee Hsien Loong (69) reagiert damit auf eine neue Welle von Krankenhauseinweisungen, die in dem hochmodernen asiatischen Kleinstaat Verwunderung und Verärgerung gleichzeitig ausgelöst hat.

Lee Hsien Loong, Premierminister von Singapur, traf Ende Oktober in Rom am Rande des G20-Gipfels der Staats- und Regierungschefs mit Kanzlerin Angela Merkel zusammen. © Quelle: Oliver Weiken/dpa
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Nachdem die Impfquote auf 86 Prozent angestiegen war, hoffte man, das Virus künftig in Schach halten zu können. Dennoch stieg die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt auf 366 – und bewirkte vor allem bei Ungeimpften einen Anstieg der Krankenhauseinweisungen. Schon seit Ende Oktober hatten Experten vor einer Überlastung des Krankenhaussystems in Singapur gewarnt.

Probleme trotz sehr hoher Impfquote

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Die abermals kletternden Zahlen waren ein Rückschlag für Premier Loong. Die Regierung hatte zu Beginn der Pandemie versucht, mit strikter Abschottung von der Außenwelt und einer Null-Covid-Strategie durch die Krise zu kommen. Nach und nach wuchsen Zweifel, ob ein mit allen Teilen der Welt so eng verflochtener Wirtschaftsstandort wie Singapur auf Dauer unter Quarantäne gestellt werden kann. Eine Impfoffensive schien die Möglichkeit zu bieten, „mit dem Virus zu leben“. Nachdem aber unerwartet viele der 14 Prozent Ungeimpften in den Kliniken landeten, wuchs erneut der Handlungsdruck.

Singapur hat rund 5,7 Millionen Einwohner, so viel wie Dänemark. Der asiatische Kleinstaat mit seinen niedrigen Steuern und seiner innovativen Hightechwirtschaft zog in den vergangenen Jahrzehnten Investoren aus aller Welt an. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen, rund 60.000 US-Dollar, ist in Singapur heute höher als in Deutschland (45.700).

Die Politik des Landes war stets geprägt von großer Liberalität gegenüber der Wirtschaft – und großer Strenge, was alle Aspekte des sozialen Zusammenlebens betrifft. Bereits in den Neunzigerjahren wurden Kaugummis verboten, nachdem es Beschwerden über verklebte Bürgersteige gegeben hatte. Essen und Trinken in Bahnen ist streng verboten. Wer Müll auf die Straße wirft oder in der Öffentlichkeit spuckt, zahlt mehr als 600 Euro Strafe und muss sogenannte Communitydienste leisten. Drogenhändlern drohen neben jahrzehntelanger Haft auch Stockhiebe.

Auch in Deutschland beginnt eine Debatte

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Die drakonische Mentalität der Obrigkeit in Singapur schlug sich auch im Umgang mit der Corona-Pandemie nieder. Zwar gab es in Singapur von Anfang an eine großzügige generelle staatliche Kostenübernahme für den Fall der Erkrankung. Wer jedoch gegen Quarantänevorschriften verstoßen hatte und das Virus durch eigene Schuld eingeschleppt hatte, musste schon bisher eine mögliche intensivmedizinische Behandlung aus eigener Tasche bezahlen.

Kleinstaat mit großer Skyline: Singapur.

Die Nachricht vom jetzt geplanten Ausschluss Ungeimpfter von der Kostenerstattung machte unter westlichen Diplomaten schon am Montag die Runde. Die Regierungen in Europa und in den USA vermeiden jedoch eine öffentliche Debatte über ein solches Herangehen – das in der Tat zahllose rechtliche, vor allem auch verfassungsrechtliche, Fragen aufwerfen würde und deshalb bislang tabu bleibt.

In Deutschland wächst allerdings unter Mitarbeitern des Gesundheitswesens ebenfalls der Unmut über Ungeimpfte. Der Kölner Impfarzt Jürgen Zastrow verlangte bereits Anfang Oktober im WDR ein neues Nachdenken an dieser Stelle: „Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die sich für bestimmte Risiken entscheiden, diese Risiken dann auch zu tragen haben.“ Der Immunologe Prof. Reinhold Förster von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zeigte sich offen für eine solche Debatte: Zastrows Vorschlag werde „mit Sicherheit sehr kontrovers diskutiert“, er gehe „aber im Prinzip schon in die richtige Richtung“.

Mal geht es um 34.200 Euro, mal um 77.700 Euro

Bei den privaten Krankenkassen gibt es Überlegungen, „möglicherweise Tarife nach Impfstatus zu unterscheiden“, wie es der Vorstandschef der R+V-Versicherung in einem T-Online-Interview ausdrückte. Laut AOK können die Kosten für eine Corona-Behandlung stark variieren, in einfachen Fällen bleibt es bei vierstelligen Beträgen, kommt eine Beatmung hinzu, erreiche man pro Fall im Schnitt 34.200 Euro.

Die Corona-Patienten in Deutschland werden immer jünger, die einzelnen Fälle werden immer teurer: Intensivstation im Universitätsklinikum Leipzig. © Quelle: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralb

In einer Studie des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel heißt es, der hohe Anteil Ungeimpfter könne Deutschland in diesem Winter noch teuer zu stehen kommen. Deutschlands Problem sei die Kombination von hoher Inzidenz und relativ niedriger Impfquote. Zu rechnen sei daher mit einer deutlich steigenden Zahl von Krankenhauseinweisungen. Dabei werde man zunehmend jüngere Leute auf den Intensivstationen sehen. „Deren Überlebenschancen sind jedoch deutlich besser, sodass ihre Behandlung seltener durch Tod endet und sie tendenziell länger auf der Intensivstation verbleiben, wodurch insgesamt höhere reale Ressourcenaufwendungen entstehen können“, schreiben die IfW-Forscher. „Daher ist anzunehmen, dass die kalkulierten durchschnittlichen Behandlungskosten steigen werden und in mehr Fällen Behandlungsausgaben in der Spitzenkategorie von mehr als 77.700 Euro erreicht werden.“

Der Anteil Ungeimpfter in stationärer Behandlung in Deutschland beträgt laut IfW derzeit 84,5 Prozent. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt 33,5 Prozent.

Deutschland hat mit 66,5 Prozent vollständig Geimpften eine deutlich niedrigere Impfquote als etwa Italien (72,1 Prozent), Spanien (80,0 Prozent) oder Portugal (87,4 Prozent). Zugleich ist die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland aktuell mehr als viermal so hoch wie etwa in Spanien.

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