Schweden kehrt zur Normalität zurück

  • Schweden war während der Corona-Pandemie für seinen Sonderweg der wenigen Restriktionen bekannt.
  • Ende September werden fast alle übrigen Maßnahmen aufgehoben.
  • Trotz der vergleichsweise hohen Zahl an Corona-Toten stehen die meisten Schweden immer noch hinter dem Kurs der Regierung.
Julia Wäschenbach
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Stockholm. Ohne Lockdown durch die Pandemie: Immer wieder in den vergangenen eineinhalb Corona-Jahren hat das Ausland mit Spannung nach Schweden geschaut. Statt auf Maskenpflicht und Ausgangssperren setzte das Land vor allem auf Empfehlungen und die Eigenverantwortung seiner Bürger. Wie würde das Experiment ausgehen? Die vorläufige Bilanz: ein relativ normaler Alltag für die meisten Schweden auf der einen Seite, viele Corona-Tote auf der anderen Seite.

Ende September hebt Schweden nun auch die letzten verbleibenden Corona-Maßnahmen auf – wie zuvor schon die Nachbarn Dänemark und Norwegen. Als wichtigsten Grund dafür nennt Gesundheitsministerin Lena Hallengren den guten Impffortschritt in dem skandinavischen Land: Knapp 76 Prozent der Schweden über 16 Jahre sind inzwischen voll gegen Corona geimpft.

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Allerdings erlebe das Land gerade einen Anstieg der Infektionen unter den Nichtgeimpften, erklärt Johan Styrud, Chefarzt des Danderyd-Hospitals in Stockholm, im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir haben Probleme, die Impfquote gerade bei den 20- bis 29-Jährigen zu erhöhen.“ In seinem Krankenhaus werden aktuell nur elf Corona-Patienten behandelt. Die Lage in den schwedischen Krankenhäusern sei insgesamt entspannt. Landesweit werden nur 41 Corona-Infizierte auf Intensivstationen behandelt.

Auch das ist ein Grund dafür, dass es ab Mittwoch keine Begrenzung der Anzahl von Gästen bei öffentlichen und privaten Events mehr gibt. Restaurants und Cafés dürfen zu ihren normalen Öffnungszeiten zurückkehren. Auch die Empfehlung an Arbeitnehmer, aus dem Homeoffice zu arbeiten, entfällt. „Eine schrittweise Rückkehr zum Arbeitsplatz kann beginnen“, schreibt die Regierung in einer Pressemitteilung. Eine Erleichterung für viele Schweden, ein Zeichen, dass Normalität einkehrt.

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Eine Normalität, die den Schweden während der Pandemie ein Stück weit mehr erhalten geblieben ist als anderen Europäern. Schulen bis zur neunten Klasse blieben geöffnet, Einkauf und Restaurantbesuche waren kaum eingeschränkt. Erst spät sprachen die Behörden die Empfehlung aus, Maske zu tragen. Ausgangssperren gab es gar nicht.

Der Preis für die Freiheit waren viele Tote

Eine traurige Folge: Das Land mit rund zehn Millionen Einwohnern zählt aktuell 15.000 Tote nach Corona-Infektionen. Zum Vergleich: Im Nachbarland Dänemark (5,8 Mio. Einwohner) waren bislang nicht einmal 2700 Corona-Tote zu beklagen. In Norwegen mit seinen 5,3 Millionen Einwohnern gab es sogar nur 850 Todesfälle. „Das ist eine richtige Katastrophe“, sagt Styrud.

Der Stockholmer Chefarzt beklagt vor allem die Situation in Schweden zu Beginn der Pandemie. Gerade in den ersten drei Monaten habe es einen im Vergleich zu anderen Ländern großen Mangel an Schutzausrüstung in Krankenhäusern und Pflegeheimen gegeben. „Für das Personal auf den Intensivstationen war das hart. Wir wussten nicht, wie wir Covid-19-Patienten behandeln konnten, und waren selbst nicht gut genug geschützt.“ Das habe dazu beigetragen, dass sich das Virus schnell habe ausbreiten können.

Bereut hat der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven die Corona-Strategie seiner Regierung trotzdem nicht. Erst vor ein paar Tagen verteidigte er sie in einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN. Auf die Frage des Reporters, ob der schwedische Sonderweg ein Misserfolg gewesen sei, antwortete Löfven ganz klar: „Nein.“

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Es sei zu früh, endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen, erklärte er, und wies auf mögliche langfristige Folgen des Lockdowns, zum Beispiel bei jungen Menschen, hin: „Ich glaube, dass heute die meisten Länder, die die Schulen geschlossen haben, dies bereuen“, sagte der schwedische Regierungschef. War der schwedische Weg auf lange Sicht also doch der richtige?

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In der schwedischen Zeitung „Expressen“ widerspricht Joakim Dillner, Professor für Infektionskrankheiten am Stockholmer Karolinska Institut, dieser Sichtweise. „Wir müssen die schwedische Strategie als missglückt betrachten, aus dem einfachen Grund, dass wir sehr viele Todesfälle haben.“ Der späte Einsatz von Tests, Mundschutzempfehlungen und Einreisebeschränkungen sei in dieser Hinsicht ein Fehler gewesen.

Die steigende Zahl der Toten brachte kurz vor Weihnachten sogar König Carl XVI. Gustaf dazu, sich in die öffentliche Debatte einzuschalten – was sonst nur äußerst selten passiert. „Ich finde, wir haben versagt“, sagte der Monarch im schwedischen Fernsehen. „Es gibt viele Tote, und das ist schrecklich.“

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Traurig darüber, dass das Land gerade alte Menschen nicht besser vor dem Virus geschützt hat, sind viele Schweden. Trotzdem stehen die meisten weiter hinter der Strategie ihrer Regierung. Dass nun auch noch die wenigen letzten Corona-Einschränkungen wegfallen, ruft vergleichsweise wenig Kritik hervor.

„Viele Menschen sind natürlich froh, dass sie sich jetzt wie vor der Pandemie wieder ganz normal mit anderen treffen können“, sagt Styrud. „Aber viele Ärzte haben Angst, dass es in den Krankenhäusern wieder mehr Covid-19-Patienten geben wird.“

Ganz verschwinden soll die Corona-Vorsicht aus dem Leben der Schweden deshalb nicht – zumindest nicht aus dem der Nichtgeimpften. „Wir wollen betonen, dass es für alle nicht geimpften Erwachsenen die Empfehlung gibt, weiterhin Abstand zu halten und sich nicht in Menschenmengen aufzuhalten“, sagt Sara Byfors von der schwedischen Gesundheitsbehörde. „Die vorbeugenden Maßnahmen im Gesundheitswesen und in der Pflege gelten auch nach dem 29. September.“

In Pflegeheimen war die Zahl der Corona-Infizierten zuletzt wieder gestiegen – auch, weil ältere Menschen mit infizierten Nichtgeimpften in Kontakt gekommen waren.

Wie sich die Situation in Schweden nach der Abschaffung der Maßnahmen entwickeln wird – darauf haben weder Byfors noch Styrud eine Antwort. „Im besten Fall passiert nichts, alles ist gut und jeder ist zufrieden“, sagt Styrud. „Im schlimmsten Fall steigen die Patientenzahlen stark an.“ Klar ist aber: Aus der Ruhe bringen lassen sich die Schweden nicht so leicht.

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