Kritik wird im Keim erstickt: Trickst die Türkei bei den Corona-Zahlen?

  • Die Zahl der Corona-Fälle steigt in der Türkei rasant an.
  • Vieles deutet darauf hin, dass die offiziellen Zahlen noch viel zu niedrig sind.
  • Gegen Kritiker geht Präsident Erdogan auch in der Corona-Krise mit juristischen Mitteln vor.
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Ankara. Als eines der letzten Länder Europas meldete die Türkei am 11. März ihren ersten Corona-Infektionsfall. Inzwischen breitet sich das Virus rasend schnell aus – auch weil die Regierung anfangs mit Maßnahmen zögerte. Kritiker halten die offiziellen Zahlen immer noch für geschönt. 7040 festgestellte neue Corona-Infektionen allein am Montag und Dienstag dieser Woche: In kaum einem anderen Land steigen die Zahlen so schnell wie in der Türkei. Um zehn bis 15 Prozent nehmen die gemeldeten Infektionsfälle pro Tag zu.

Rund 60 Prozent der Infektionen entfallen auf die dicht besiedelte Wirtschaftsmetropole Istanbul. Nach Angaben des türkischen Gesundheitsministers Fahrettin Koca steckt dort jeder Infizierte im Schnitt weitere 16 Personen an. Im weltweiten Durchschnitt liegt der Faktor laut Weltgesundheitsorganisation nur bei 2,6. Laut offizieller Statistik sind in der Türkei bereits 725 Menschen an Covid-19 gestorben.

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Konfuse Corona-Strategie

Aber stimmen die Zahlen? Das Nachrichtenportal “Jurnal Türkiye” berichtet jetzt über Unstimmigkeiten. Nach den offiziellen Angaben entfallen auf Istanbul etwa 435 Covid-19-Tote. Tatsächlich betrug die Zahl der Verstorbenen in der Bosporusmetropole zwischen dem 15. März und dem 6. April dieses Jahres 7791. Das waren 1304 mehr Todesfälle als im Vorjahreszeitraum. Auch gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 ergibt sich ein Anstieg von 1383. Oppositionspolitiker wie der Abgeordnete Veli Agbaba äußern den Verdacht, dass auf Druck der Regierung viele Corona-Todesfälle vertuscht werden. Das Gesundheitsministerium verteidigt seine Zahlen als “echt”.

Die Strategie der türkischen Regierung gegen die Epidemie wirkte anfangs konfus. So forderte Staatschef Recep Tayyip Erdogan seine Landsleute Mitte März auf, drei Wochen lang zu Hause zu bleiben. Zugleich senkte Erdogan aber die Mehrwertsteuer auf Flugreisen und Hotelübernachtungen, um den Reiseverkehr anzukurbeln. Inzwischen ist der Flugverkehr eingestellt, 31 Städte stehen unter Quarantäne. Für Menschen über 65 und unter 20 gilt eine Ausgangssperre, ausgenommen 18- bis 20-Jährige, die zur Arbeit müssen.

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Anzeigen gegen Kritiker

Fachleute fordern eine allgemeine Ausgangssperre für Istanbul. Aber davon will Erdogan bisher nichts wissen: “Die Räder der Wirtschaft müssen sich weiterdrehen”, argumentiert er. Kritik an seiner Corona-Politik lässt Erdogan im Keim ersticken. Für Aufsehen sorgte kürzlich der Fall einer Krankenhausärztin in Ankara, die in einer internen Besprechung vor “italienischen Verhältnissen” warnte. Ein heimlich aufgenommenes Video der Unterhaltung gelangte in die sozialen Netzwerke. Die Ärztin musste sich öffentlich entschuldigen.

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Mit einer Entschuldigung wird Fatih Portakal nicht davonkommen. Erdogan erstattete jetzt Anzeige gegen den bekannten Moderator wegen “falscher und manipulativer Aussagen”. Portakal hatte gemutmaßt, Erdogan wolle die Corona-Krise nutzen, um den Bürgern an die Ersparnisse zu gehen. Der Moderator spielte damit auf einen Appell Erdogans an: Vergangene Woche startete der Staatschef eine “Kampagne für nationale Solidarität”. Bürger und Unternehmen sollen Spenden auf ein Konto der Regierung einzahlen. Erdogan selbst kündigte an, er werde sieben Monate lang auf sein Gehalt verzichten. Der Appell weckte neue Zweifel am Zustand der türkischen Staatsfinanzen – und brachte Erdogan ätzende Kommentare ein.

An Sparen denkt Erdogan offenbar nicht

Engin Altay von der Oppositionspartei CHP forderte den Präsidenten auf: “Verkaufe zwölf deiner 13 Flugzeuge, verkaufe deine Sommer- und Winterresidenzen, reduziere die Ausgaben deines Palastes in Ankara um die Hälfte – dann braucht niemand deine sieben Gehälter.“ Doch ans Sparen denkt Erdogan offenbar nicht. Trotz der Corona-Krise und wachsender Haushaltsdefizite lässt sich der Präsident derzeit in Ahlat am Van-See in Ostanatolien einen weiteren Prunk-Palast errichten. Der örtliche Oppositionspolitiker Veysi Uyanik dokumentierte die Baufortschritte jetzt mit einem Foto auf Twitter. Uyanik berichtet: “Trotz Corona: Die Arbeiten gehen mit Volldampf weiter.”

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