Trumps fatales Schweigen

  • Anfangs schien es, als wenn US-Präsident Donald Trump politisch von der Corona-Krise sogar noch profitieren würde.
  • Doch inzwischen gibt es in den USA mehr Tote als in jedem anderen Land, und die Stimmung beginnt zu kippen.
  • Ein Verdacht drängt sich auf, kommentiert Karl Doemens: Hat Trump aus politischem Kalkül die Gefahr der Pandemie kleingeredet?
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1:12 min
Bis Sonntagabend waren in den USA mehr als 20.000 Menschen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben, fast die Hälfte davon im Staat New York. Dennoch fasst Donald Trump den 1. Mai als Stichtag zum Wiederhochfahren der Wirtschaft ins Auge. Gouverneur Andrew Cuomo riet zur Vorsicht.  © Reuters
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Washington. Wie kann das sein? Ein Präsident, der offensichtlich in einer Jahrhundertkrise versagt. Der in seinen täglichen Egoshows wirres Zeugs über angebliche Wundermittel gegen eine tückische Lungenkrankheit erzählt, die in Amerika so viele Menschen wie in keinem anderen Land der Welt dahingerafft hat. Der sich mit seinen Einschaltquoten brüstet, während in New York die Leichen von Gabelstaplern in Kühltransporter geladen werden.

Wie passt das zusammen? Und ist es möglich, dass Donald Trump damit tatsächlich wieder einmal durchkommt?

Diese Fragen haben sich in den vergangenen Wochen viele Menschen gestellt, die erschrocken, besorgt und auch befremdet auf die USA in der Corona-Krise geschaut haben. Für eine abschließende Antwort ist es natürlich noch viel zu früh. Niemand weiß, wie dramatisch sich die Pandemie jenseits der Metropole New York noch entwickeln, wie traumatisch die Opferzahlen und wie desaströs der Einbruch der Konjunktur sein wird.

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Doch die Diskrepanz zwischen Trumps Schönfärberei und der Realität wird immer größer. Und es mehren sich die Anzeichen dafür, dass in der amerikanischen Bevölkerung die Unzufriedenheit mit dem selbstverliebten Präsidenten wächst.

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"Faktisch falsch": Schweden weist Trump in die Schranken
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Der US-Präsident hatte Behauptungen über Schwedens Strategie zur Bekämpfung des Coronavirus aufgestellt. Stockholm nannte Trumps Äußerungen „faktisch falsch“.  © Reuters
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In der Krise vertraut die Bevölkerung auf die Gouverneure

Ein Leitartikel auf den stramm konservativen Kommentarseiten des wirtschaftsnahen “Wall Street Journal”, der Trump nahelegte, besser nicht mehr so oft vor die Kameras zu treten, ist nur ein erster Indikator. Auch die anfangs noch positiven Umfragewerte des Präsidenten beginnen zu bröckeln.

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Man mag es erstaunlich finden, dass immer noch 47 Prozent der Wähler mit dessen Politik zufrieden ist. Doch in der Krise schart sich die Bevölkerung normalerweise um ihren Regierungschef. Insofern muss man Trumps Werte mit denen der Gouverneure wichtiger Bundesstaaten vergleichen, die locker auf 65 bis 80 Prozent Unterstützung kommen. Dann wirken sie tatsächlich recht bescheiden.

Nun legt die “New York Times” in einer minutiösen Rekonstruktion auch noch offen, wie Ignoranz, politische Grabenkämpfe und die Fixierung auf die eigene Wiederwahl die Reaktion des Weißen Hauses auf die Corona-Pandemie um Wochen verzögert haben. Es stimmt: Auch in anderen Ländern wurde die Dramatik der Lage anfangs unterschätzt.

Aber das Weiße Haus hatte frühzeitig zahlreiche, auch geheime Informationen aus China. Der Verdacht, dass der Schutz der Bevölkerung nicht aus Unwissenheit, sondern aus politischem Kalkül verschleppt wurde, wiegt schwer.

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