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Inzidenz von 2500: Soziologe aus Kopenhagen erklärt, warum die Dänen trotzdem ganz entspannt bleiben

Menschen stehen vor dem Nachtclub La Boucherie in Kopenhagen.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Dänemark hat in diesen Tagen einen neuen Rekord erreicht. Nach offiziellen Angaben liegt sie bei rund 2500. Trotzdem sind die Menschen dort ziemlich entspannt. Keine Alarmstimmung, keine strengen Lockdowns, keine Demonstrationen – und ab Sonntag sogar Lockerungen. Die Regierung setzt beim Impfen auf Freiwilligkeit – mit Erfolg.

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Woran liegt das? Antworten gibt der Soziologe Merlin Schaeffer von der Universität Kopenhagen im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Herr Schaeffer, die Sieben-Tage-Inzidenz in Dänemark ist eine der höchsten weltweit. Von einem Alarmismus ist aber in den dänischen Medien keine Spur. Wie entspannt ist die dänische Gesellschaft?

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Ja, die Menschen in Dänemark sind tatsächlich sehr entspannt. Sie sind weniger verunsichert, als es in Deutschland der Fall ist. Sowohl von der Regierung als auch in den Medien wird weniger Alarmismus verbreitet. Der Grund dafür ist, dass Dänemark im Vergleich zu Deutschland mit mehreren Startvorteilen in die Pandemie hineingegangen ist.

Welche sind das konkret?

Dazu gehört die viel weiter vorangeschrittene Digitalisierung und Vernetzung der Behörden und Datenquellen miteinander. Das führt zum Beispiel dazu, dass in Dänemark das gesamte Corona-Monitoring besser funktioniert. Dänemark testet viel mehr als die meisten Länder der Welt, die Testungen sind staatlich organisiert und werden zentral erfasst. Jeder positive PCR-Test wird hier auch sequenziert, also auf mögliche Varianten hin untersucht. Die dänische Regierung hat also ein viel realistischeres und aktuelleres Bild vom Infektionsgeschehen, als das in Deutschland der Fall ist.

Trotzdem ist aber die Sieben-Tage-Inzidenz eine der höchsten weltweit …

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Das stimmt, es gibt sehr viele Infektionen in Dänemark. Aber gleichzeitig sinkt der Anteil der Infizierten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Diese Entwicklung haben wir auch in anderen Ländern gesehen, allen voran in Südafrika. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, geht von der hohen Inzidenz nicht mehr die Gefahr aus, dass unser Gesundheitssystem zusammenbricht. Von dieser Entwicklung geht die dänische Regierung auch aus und kann dies wegen der weit fortgeschrittenen Digitalisierung auch sehr gut monitoren und gegebenenfalls eingreifen.

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Sorgt diese Klarheit über die Pandemielage auch für ein höheres Vertrauen der Bevölkerung in die Corona-Maßnahmen?

Das gute Monitoring trägt sicherlich dazu bei. Allerdings ist das höhere Vertrauen der Bevölkerung ein grundsätzliches Charakteristikum der dänischen Gesellschaft. Studien zeigen, dass sich das Vertrauen seit den 1970er-Jahren konstant erhöht hat. Es handelt sich dabei nicht um ein naives, unkritisches Vertrauen in die Regierung. Es ist eher ein Vertrauen in das gesamte politische System. Die Menschen vertrauen darauf, dass die Opposition und die Medien ihre Rolle erfüllen und die Regierung kontrollieren. Dazu gehört auch, dass die Politik den Vertrauensvorschuss erfüllt. Anders in Deutschland, wo die Politik über Weihnachten eingestehen musste, dass sie ihren eigenen Zahlen selbst nicht mehr glaubt. Das untergräbt das Vertrauen in eine effiziente Administration und Regierung.

Soziologe Merlin Schaeffer von der Universität Kopenhagen

Soziologe Merlin Schaeffer von der Universität Kopenhagen

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Ist das Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle in der Pandemie in Dänemark ein anderes als in Deutschland?

Ja, insgesamt ist der Gemeinschaftssinn in Dänemark stärker ausgeprägt. Das Wort „Gemeinschaftssinn“ wurde in Dänemark letztes Jahr sogar als „Wort der Pandemie“ gekürt. Für eine Regierung hat es natürlich Vorteile, wenn sich ein sehr großer Teil der Bevölkerung entsprechend des Gemeinschaftssinns verhält. Also wenn sie Masken trägt, keine größeren Veranstaltungen ausrichtet und sich impfen lässt. Das bietet dann auch die Freiheit, die kleine Minderheit der Ungeimpften eher zu tolerieren, anstatt sie zu kritisieren oder sogar auszugrenzen. Das ist von enormer Bedeutung für den sozialen Frieden, denn eine Ausgrenzung fördert die Polarisierung in der Gesellschaft. Ehrlicherweise muss man aber dazusagen, dass andere Länder nicht diese Möglichkeit haben. Denn wenn ein großer Teil der Bevölkerung sich nicht impft und sich nicht an die Regeln hält, dann kann man das nicht einfach tolerieren und ignorieren wie in Dänemark.

Wie sieht das konkret aus, wenn Dänemark diese Minderheit der Ungeimpften toleriert?

Es gibt zum Beispiel wenig Medienberichte über diese Gruppe und auch in der Politik gibt es keine Debatte über eine Impfpflicht. Gleichzeitig protestiert diese Gruppe auch nicht und ist auch keine politische Bewegung. Es sind einzelne Menschen, die aus individuellen Gründen sich gegen die Impfung entscheiden. Diese Menschen werden nicht als eine politische Bewegung adressiert, die ein Problem für die Gesellschaft darstellt.

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In Deutschland gibt es dagegen lautstarke Proteste von der kleinen Minderheit. Hätten wir auch diesen „dänischen Weg“ einschlagen können?

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Das glaube ich nicht, denn in Deutschland ist die Gruppe der Ungeimpften einfach deutlich größer als in Dänemark. Die Impfquote liegt in Dänemark um etwa zehn Prozentpunkte höher als in Deutschland. Bei einer so ansteckenden Variante wie Omikron macht das einen Unterschied aus. Ein weiterer Grund ist, dass in Deutschland letztes Jahr Wahlkampf war und Politikerinnen und Politiker einiger Lager mit der Kritik an Maßnahmen Wählerstimmen bekommen wollten. Es gab zwar auch in Dänemark eine Zeit im Frühjahr letzten Jahres, wo Teile der rechten und konservativen Parteien die Regierungspolitik kritisiert haben. Aber dann wurde ganz im Sinne einer skandinavischen Konsenspolitik verhandelt und letztlich haben alle Parteien den Kurs der Regierung unterstützt. Das heißt, die Gegner der Regierungspolitik haben keine Unterstützung und Legitimation durch politische Eliten erfahren. Außerdem protestieren die Menschen in Dänemark viel seltener als in anderen Ländern. Bei einer Bevölkerung von nur 5,5 Millionen haben viele die Möglichkeit, über zwei Ecken Politikerinnen und Politiker zu kennen und politischen Belangen Verhör zu verschaffen.

Deutschland gilt als Land mit den strengsten Corona-Regeln. Was hat Dänemark anders gemacht?

Wir dürfen nicht vergessen, dass Dänemark am Anfang der Pandemie sehr viel drastischere Maßnahmen ergriffen hat als Deutschland. Es gab sehr strenge Verbote, die aber früh gelockert wurden. Charakteristisch für die dänische Strategie ist aber, dass sehr früh ein transparenter Plan vorgelegt wurde mit einer stufenweisen Wiedereröffnung der Gesellschaft. An diesem Plan wurde konsequent festgehalten. Im September letzten Jahres sah der Plan das Ende der Pandemie als gesellschaftsbedrohliche Epidemie vor. Das wurde auch eingehalten und bestätigte damit das große Vertrauen in die Regierung. Als Omikron aufkam, mussten zwar wieder Maßnahmen eingeführt werden. Aber es wurde immer klar kommuniziert, dass neue Maßnahmen notwendig sein könnten, wenn sich die Lage verschlechtert.

Dänische Expertinnen und Experten, von Tyra Grove Krause bis zu Ole Olesen, rechnen mit einem baldigen Ende der Pandemie und ihren Einschränkungen in Dänemark. Das hat auch bei uns für Schlagzeilen gesorgt. Welche Wirkung haben diese Ankündigungen in Dänemark entfaltet?

Mir scheint, dass in Deutschland ein größerer Fokus auf die Corona-Situation in Dänemark existiert als in Dänemark selbst. Es gibt in Deutschland Corona-Newsticker mit stündlichen Updates und wir haben so etwas in Dänemark schon seit Monaten nicht mehr. Diese Artikel über die Epidemiologen tauchen als einzelne Artikel mal auf und haben sicherlich einen beruhigenden Effekt. Sie passen in das allgemeine Bild vom baldigen Ende der Pandemie, das in Dänemark vorherrscht. Als die Pandemie im September nicht mehr als gesellschaftsbedrohliche Krankheit eingestuft wurde, hatte die Regierung bereits klar und transparent kommuniziert: Wir werden Corona nie wieder los. Die damals vorherrschende Delta-Variante sei so ansteckend, dass jeder Mensch in Dänemark davon ausgehen solle, sich früher oder später zu infizieren. So klar wurde dies meiner Auffassung nach nicht in Deutschland kommuniziert.

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Geht Dänemark denn letztlich besser aus der Pandemie heraus als andere Länder?

Es sieht danach aus, dass der hohe soziale Zusammenhalt und das große Vertrauen auch in der Pandemie in Dänemark bewahrt werden konnten. Hier spielt auch mit hinein, dass es kaum politische Skandale in der Pandemie gab. Zwar wird heiß verhandelt, ob die Premierministerin über das Gesetz getreten ist, als sie die Tötung der Nerze anordnete. Aber anders als etwa bei den Maskendeals in Deutschland war da ja keine persönliche Bereicherung dabei. Auch die Daten sprechen dafür, dass Dänemark gut aus der Pandemie herauskommt: Die Übersterblichkeit ist im internationalen Vergleich gering, die Arbeitslosigkeit ebenso. Das Wirtschaftswachstum war sogar im letzten Jahr eines der höchsten in der ganzen EU.

Was kann Deutschland vom Umgang mit der Pandemie in Dänemark lernen?

Die Digitalisierung muss in Deutschland ganz klar vorangetrieben werden. Bisher weiß man ja nicht einmal genau, wie viele Menschen in Deutschland leben. Stattdessen gibt es Schätzungen anhand von Stichproben aus den Melderegistern. Das sind Zustände, so sollte man im 21. Jahrhundert kein hoch entwickeltes Land wie Deutschland durch eine Pandemie führen müssen. Ein weiterer Aspekt ist die Kommunikation: Wenn Sie in Dänemark nach aktuellen Corona-Regeln im Internet suchen, dann finden Sie diese beim Gesundheitsministerium sehr didaktisch und klar verständlich aufgebaut. In Deutschland sind die richtigen Webseiten oft wegen der föderalen Struktur nur schwierig zu finden, sehr juristisch gehalten und mit vielen Unterpunkten und Klauseln. Deutschland muss bürgernaher kommunizieren.

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